Was Elternschaft mit ADHS, Autismus oder der Doppeldiagnose AuDHS bedeuten kann, welche Anzeichen darauf hinweisen und wie die Selbsterkenntnis womöglich deine Familie heilt.
Das Wichtigste in Kürze
- ADHS und Autismus sind die bekanntesten Formen von Neurodivergenz (kein medizinischer Begriff!)
- Beides kann als AuDHS zusammen auftreten. Die Doppeldiagnose wird oft nicht erkannt, weil sie noch neu ist.
- Viele Eltern mit ADHS, Autismus und AuDHS sind auch hochsensibel.
- Neurodivergenz verwächst sich nicht. Erwachsene haben nur gelernt, damit zu leben. Die Strategien aus der Kindheit sind dann als Eltern nicht immer hilfreich.
- In bestimmten Lebensphasen wie der Elternschaft oder Perimenopause treten Schwierigkeiten deutlicher hervor. Selbstreflexion hilft, sich besser zu verstehen.
- Durch bewusstes oder unbewusstes Maskieren fallen viele Betroffene sehr lange nicht auf, vor allem Frauen sind gut darin. Das ist aber auf Dauer sehr anstrengend.
- Eine Diagnose im Erwachsenenalter kann zu mehr Selbstliebe und dadurch Heilung in der Familie führen. Sie ist jedoch nicht unbedingt nötig.
- Der Weg zur Diagnose kann länger sein. Selbstzahler-Diagnosen werden oft nicht anerkannt.
ADHS, Autismus oder AuDHS sind bei Eltern nicht selten
Wer sich schon einmal mit Neurodivergenz beschäftigt hat, merkt schnell: in den Medien trenden Themen zu ADHS, Autismus und AuDHS*.
Die Zahl der Diagnosen steigt (offizielle Zahlen sind deshalb nicht mehr aktuell), die der Selbstdiagnosen auch. Nicht immer sind sie angebracht, oft jedoch schon. Und so gut wie immer steckt dahinter ein gewisser Leidensdruck.
*AuDHS ist eine Doppeldiagnose, die in Deutschland noch nicht überall vergeben wird. Sie wird im Kriterienkatalog ICD-11 aufgeführt, der noch nicht offiziell in Kraft getreten ist. Lange galten ADHS und Autismus als Diagnosen, die sich ausschließen. Doch Überschneidungen sind – wie auch bei anderen neurodivergenten Ausprägungen – eher die Regel als die Ausnahme.
Immer mehr Eltern fragen sich, ob sie selbst auch von ADHS, Autismus oder AuDHS „betroffen“ sein könnten – meist, weil es ihre Kinder sind.
Die Antwort ist: vielleicht!
So findest du es heraus:
Der klassische Weg zur Selbsterkenntnis
Die Wege von Eltern mit ADHS, Autismus, AuDHS oder einer anderen menschlichen Ausprägung von Neurodivergenz ähneln sich sehr häufig:
- Die Kinder leiden in Krippe/Kita oder Schule oder bringen mit ihrem Verhalten Eltern/Betreuende an ihre Grenzen. Meist beides. Eventuell steht ein „Verdacht“ im Raum.
- Die Eltern, oft Mütter, fangen an, nach Ursachen und Hilfe zu forschen. Eventuell geht das Kind in die Diagnostik.
- Bei der Recherche fällt auf, dass ein oder beide Elternteile ähnliche Züge haben oder hatten. Sie erinnern sich an Schlüsselmomente, die sie lange verdrängt hatten. Und realisieren plötzlich, dass ihr Nervenkostüm ebenfalls oft am Limit ist.
- Und dann gibt es zwei Wege, damit umzugehen:
- Weg 1: Die Eltern sehen ihre Kindheit und auch Elternschaft plötzlich mit anderen Augen. Dann können sie liebevoller mit den Besonderheiten umgehen und nach echten Erleichterungen für alle streben. ODER
- Weg 2: Sie streiten ab, dass sie und/oder ihr Kind auf diese Weise besonders sein könnten, um sich ihrer Vergangenheit unbewusst nicht stellen zu müssen. Frei nach dem Motto: „SO schlimm ist es nicht und ich habe es ja auch geschafft!“. Das kann eine Strategie sein, verbaut möglicherweise aber auch den Weg zu einem leichteren Leben.
Nehmen wir an, du gehörst zu den Eltern, denen eine Diagnose nichts ausmachen würde:
Die elterliche Erkenntnis, selbst Züge von ADHS, Autismus oder beidem zu haben, kann sich so anfühlen, als sei das Leben vorher eine Illusion gewesen. „Wer bin ich eigentlich, wenn niemand hinschaut?“ Wer sich Jahrzehnte lang anpassen musste, hat die Erinnerung daran oft verdrängt, um weitermachen zu können. Und darf sich jetzt ganz neu kennenlernen.
Das ist nicht immer leicht, führt aber dazu, dass wir danach auch unsere Kinder besser in ihrer Individualität annehmen können. Und das kann deutlich mehr Ruhe ins Familiensystem bringen.
Könnte ich auch ADHS haben und/oder autistisch sein?
Eine Neurodivergenz wie ADHS und/oder Autismus zeigt sich bei Eltern oft daran, wie der Familienalltag gelebt bzw. erlebt wird. „Mal so, mal so“ würden wahrscheinlich die meisten, neurotypischen Eltern antworten.
Oft sind es die Extreme, bei denen sich genaues Hinschauen lohnt. Wenn es also nicht manchmal, sondern MEISTENS so ist oder sich anzupassen enorm viel Kraft raubt („Masking“ ist anstrengend), dann kann mehr dahinter stecken.
Ausprägungen können von Familienmitglied zu Familienmitglied ganz unterschiedlich sein, deshalb darfst du erst einmal ganz bei dir bleiben. Frage dich doch einmal für dich selbst:
1. Wie leicht fällt es mir, den Alltag zu strukturieren?
- Ich bin eher der kreative Typ, der Regeln ablehnt und alles auf den letzten Drücker erledigt. Termine vergesse ich öfter, habe ein eher schlechtes Zeitgefühl und fange vieles an, bringe es aber selten zuende.
Das spricht für ADHS. - Ich bin ein geradliniger, verlässlicher Elternteil, der keine Abweichungen mag und innerlich (oder auch äußerlich) wütend wird, wenn sich die anderen nicht an Abmachungen und Zeitpläne halten oder zu „schlampig“ sind.
Das spricht eher für Autismus. - Ich habe gern einen Plan, schaffe es aber nicht, mich selbst daran zu halten. Manchmal blockiere ich, weil ich es perfekt machen will und fange gar nicht erst an.
Das könnte eventuell AuDHS sein.
2. Was mache ich in meiner Freizeit (wenn es die gibt)?
- Ich liebe Abwechslung, habe ständig neue Ideen und Hobbys und versuche, meine Kinder und den anderen Elternteil auch dafür zu begeistern. Verliere dann schnell die Lust, meist wenn ich mich voll mit Zubehör ausgestattet habe.
Das spricht für ADHS. - Ich habe wenige Hobbys, die ich aber bis zur Perfektion bringe und denen ich treu bleibe, gern auch allein. Außenstehende wundern sich manchmal, womit ich mich so beschäftige, wenn sie es überhaupt wissen.
Das spricht eher für Autismus.
- Wenn ich bei etwas richtig gut geworden bin, höre ich meist auf und beginne etwas Neues. Ich will immer schnell perfekt werden und überfordere mich damit oft. Breche dann aus Frust ab und beginne mit dem nächsten oder erstarre und mache gar nichts mehr.
Das könnte eventuell AuDHS sein.
3. Wie gehe ich an Probleme heran?
- Ich bin eine Macherin, die für jedes Problem schnell drei Lösungen parat hat und diese auch gleich umsetzen will. Volle Kraft voraus, bis ich abgelenkt werde, und vergessen habe, was ich eigentlich wollte.
Das spricht für ADHS. - Ich recherchiere gründlich und wäge sehr genau ab, bevor ich eine Lösung für ein Problem gefunden zu haben glaube.
Das spricht eher für Autismus. - Ich habe mehrere Ideen, wie ich das Problem angehen will, und beginne, mich super gründlich einzuarbeiten. Dann stecke ich oft auf halber Strecke fest, weil mir meine eigenen Ansprüche zu viel werden.
Das könnte eventuell AuDHS sein.
4. Welchen Humor mag ich?
- Ich finde vieles witzig, lache gern und viel und manchmal an unpassenden Stellen. Ich mag es aber nicht, wenn Humor auf meine oder auf Kosten anderer geht. Selbstironie macht mir Spaß und ich neige zu Gedankensprüngen, denen nicht immer alle folgen können.
Das spricht für ADHS. - Ich verstehe den Humor anderer Menschen manchmal nicht, weil ich viele Aussagen wörtlich nehme und Situationskomik generell unlustig finde. Unlogische Witze machen mich wahnsinnig, am liebsten mag ich intelligente Wortspiele, die klar als Witz gekennzeichnet sind.
Das spricht eher für Autismus. - Ich mag lustige Gags, aber auch Wortspiele. Je nach Stimmung kann ich völlig humorlos oder eine richtige Spaßkanone sein.
Das könnte eventuell AuDHS sein.
5. Welches Familienessen koche ich, (wenn ich Zeit habe)?
- Wenn ich koche, halte ich mich selten an Rezepte, sondern improvisiere gern. Ich mag vieles, finde starke Geschmacksreize und verschiedene Texturen spannend und esse gern abwechslungsreich und bunt. Der Teller kann beim Anrichten schon mal chaotisch aussehen, Hauptsache es geht schnell.
Das spricht für ADHS. - Ich habe ein paar Standardrezepte, die ich immer koche. Das gibt mir Sicherheit, weil ich weiß, was ich bekomme. Es gibt einige Lebensmittel oder Konsistenzen, die ich gar nicht leiden kann. Als Kind war ich eher ein Picky Eater.
Das spricht eher für Autismus. - Ich mag zwar Abwechslung, kann manche Zutaten jedoch gar nicht ab. Beim Anrichten gebe ich mir große Mühe, dass es hübsch aussieht.
Das könnte eventuell AuDHS sein.
Zeigt sich ein Bild?
Selbstverständlich sind die obigen Punkte stark vereinfacht dargestellt und treffen nicht immer zu. Bei ADHS, Autismus und der Mischform AuDHS handelt es sich zudem um konkrete Diagnosen, die noch sehr viel mehr typische Kriterien aufweisen. Merkmale wie Humor- oder Nahrungsvorlieben sind in den Kriterienkatalogen ICD-10 und ICD-11 gar nicht erfasst.
Nicht zuletzt befindet sich der Einzelne immer in einem Familiensystem, das ihn beeinflusst und hat möglicherweise Strategien entwickelt, die manche Persönlichkeitsmerkmale unsichtbar machen und andere verstärken.
Bei allen Formen gilt: Reizoffenheit trifft auf Überreizung
Ob ADHS, Autismus oder AuDHS, eines haben alle gemeinsam: eine gewisse Reizoffenheit gepaart mit Reizverarbeitungsproblemen – also Schwierigkeiten, bestimmte Sinneseindrücke (Hören, Sehen, Fühlen, Riechen/Schmecken) so zu filtern und zu verarbeiten, dass sie nicht zu lange belasten und genug Zeit für Erholung bleibt. Auch die Selbstregulation von Gefühlen kann schwerer fallen.
Das führt zu zwei Dingen: schnellerer und tieferer Erschöpfung und daraus resultierende Verhaltensweisen wie Weglaufen, Lautwerden oder gar Meltdowns, die wiederum andere überfordern können. Besonders schwierig, wenn in der Familie unterschiedliche Charaktere mit teils gegensätzlichen Bedürfnissen aufeinander treffen und miteinander leben möchten.
Viele neurodivergente Menschen kennen das Gefühl, „zu empfindlich“ und/oder „irgendwie zu viel“ für andere zu sein. Auch wenn du diese Glaubenssätze aus deiner eigenen Kindheit gern aus deinem Kopf streichen darfst: Hochsensibilität KANN also durchaus ein Marker für ADHS, Autismus und die Mischung aus beiden sein.
Sie kann jedoch auch für sich allein stehen und ist für sich gesehen keine Diagnose. Wie ist es bei dir?
Soll ich mich diagnostizieren lassen?
Darauf gibt es keine klare Antwort. Denn es hängt sehr von deinen Umständen und dem Ziel dahinter ab. Frage dich einmal: „Was würde die Diagnose für mich verändern? Und was für meine Familie?“
Erhoffst du dir Unterstützung, beispielsweise in Form einer Haushaltshilfe oder Therapie? Möchtest du Medikamente probieren, die gerade bei ADHS durchaus für Ruhe im Kopf sorgen können?
Vielleicht bist du auf der Suche nach Klarheit. Eine Diagnose kann Klarheit liefern, sofern sie korrekt gestellt wurde. Und sie hilft vielen anderen, weil dadurch die Zahlen steigen und das Thema mehr Sichtbarkeit bekommt.
Aber was ist dann? Eher selten gibt es danach konkrete Beratung und Therapien werden in vielen Diagnosepraxen gar nicht mehr angeboten. Was erhoffst du dir also konkret? Wirst du danach irgendetwas anders machen? Und was, wenn du dich in der Diagnostik nicht gesehen fühlst, weil beispielsweise nach veralteten Kriterien untersucht wird oder du gelernt hast, dich so anzupassen, dass dein wahres Wesen gar nicht erst erkannt wird?
Frauen maskieren übrigens besonders gut. Und ahnen es oft nicht einmal. In der Folge werden ADHS, Autismus oder AuDHS bei ihnen seltener diagnostiziert.
Frage dich also auch, was ist, solltest du keine Diagnose bekommen. Wirst du dann weitermachen wie bisher?
Sei dir auch bewusst, dass sich eine Diagnose darauf auswirken könnte, ob du eine private Krankenversicherung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen oder ob du verbeamtet werden kannst.
Wenn du all diese Fragen für dich durchdacht hast und es weiterhin dein Wunsch ist, kannst du bei einer psychiatrischen Praxis, Klinik oder einem ADHS- oder Autismus-Zentrum nachfragen, also den herkömmlichen Weg über Fachkräfte mit ärztlicher Approbation gehen. Vorsicht: In vielen Praxen diagnostizieren die approbierten Fachkräfte nicht selbst – also vorab checken, wer die Testungen und Gespräche durchführt!
Möglicherweise wird es länger dauern, bis du einen Termin bekommst. Die Diagnostik selbst zieht sich ebenfalls über mehrere Monate.
Psychologische Psychotherapeut*innen mit entsprechender Zusatzausbildung bieten ebenfalls ADHS- und Autismus-Diagnosen an. Auch ihre Diagnosen werden von Ämtern, Pflegekassen etc. anerkannt.
Du kannst dich zudem privat als Selbstzahler-Leistung diagnostizieren lassen. Das klappt bedeutend schneller, wird jedoch im Nachgang nicht immer anerkannt, wenn es dir um Medikamente oder konkrete Unterstützungsmaßnahmen geht. Dessen darfst du dir bewusst sein.
Fazit
Es braucht nicht immer eine Diagnose, um erkennen, dass die Schwierigkeiten der eigenen Kinder auch etwas mit uns selbst zu tun haben. Bei Neurodivergenz-Formen wie ADHS, Autismus und AuDHS wird das besonders deutlich.
Wir hoffen, dass dir unser Artikel ein wenig weiterhelfen konnte.
Die reine Selbstreflexion kann schon viel bewirken. Denn sie trägt unter Umständen dazu bei, dass du dich selbst besser annehmen kannst und ihr Eltern und Kinder einander verstehen lernt.
Neurodivergenz ist nicht nur Energieräuberin, sie ist auch Superkraft!
Und die meisten Probleme im Familienalltag rühren von Konditionierungen her, die für uns als Kinder wichtig waren, um klarzukommen. Neurodivergente Kinder mussten sich besonders gut anpassen – und haben das als Erwachsene oft verdrängt, weil es weh tat (und die Erinnerung an bestimmte Situationen immer noch weh tut).
Wenn du das für dich und andere erkennst, führt es fast automatisch zu einem anderen Umgang in der Familie. Und das wollen wir ja eigentlich alle: ein liebevolles und gelassenes Miteinander, das uns Kraft gibt, oder?
Quellen
- The Worldwide Prevalence of ADHD: A Systematic Review and Metaregression Analysis: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31582733/ (abgerufen am 12.11.2025)
- The Guardian: The Heritability of Autism Spectrum Disorder: https://www.theguardian.com/society/article/2024/jul/08/do-gut-microbes-have-a-role-in-autism-itself (abgerufen am 12.11.2025)
- 11. Revision der ICD der WHO (ICD-11): https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/_node.html (abgerufen am 12.11.2025)
- ICD-10-GM: https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-10-GM/_node.html (abgerufen am 12.11.2025)
- MZ: Frau Niechzial, warum können Eltern enttäuscht sein, wenn sie keine Diagnose bekommen? https://www.mz.de/leben/familie/frau-niechzial-warum-konnen-eltern-enttauscht-sein-wenn-sie-keine-diagnose-bekommen-3913118 (abgerufen am 12.11.2025)
- Diplom-Psychologe Nicolai Semmler: Selbsttests ADHS und Autismus: https://adhs-erwachsene.net/selbsttests-adhs-und-autismus/ (abgerufen am 12.11.2025)













