Ist Bluetooth doch kritischer, als wir meinen? Und sind Embryonen im Mutterleib besonders gefährdet? Eine neue Studie scheint das nahezulegen. Wir erklären verständlich, was man daraus ableiten kann und was nicht.
Ende Oktober veröffentlichte das renommierte Fachblatt Cell Reports die Ergebnisse einer Gruppe aus 17 internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
Die Forschenden wollten wissen, ob Funkstrahlung wie Bluetooth/WLAN frühe Schritte der Gehirnentwicklung beeinflussen kann.
Die Ergebnisse der Studie waren interessant und besorgniserregend zugleich, denn die Bestrahlung hinterließ Spuren.
Dr. med. Katumba, Chefarzt am SIHLMED Zentrum für Integrative Medizin in Zürich, formuliert es für babelli medizinisch korrekt so:
„Radiofrequenz KANN in einem hoch-sensiblen Entwicklungsfenster epigenetische Programme der Hirnentwicklung modulieren.“
Was das genau heißt, folgt nun.
Was und wie haben die Forschenden getestet?
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzten im Labor kleine 3D-Gewebemodelle, sogenannte „Gehirn-Organoide“. Das sind Mini-Modelle aus menschlichen Stammzellen*, die einige frühe Entwicklungsprozesse der Großhirnrinde nachahmen können.
*Stammzellen sind Zellen, aus denen sich all unsere verschiedenen Körperzellen entwickeln.
Diese Organoide setzten sie über einen Zeitraum hinweg immer wieder, dauerhaft oder eben gar nicht einer Bluetooth-ähnlichen Funkquelle (2.4 GHz) aus und verglichen, wie sich die Zellen entwickelten. Genauer:
- welche Zelltypen entstanden,
- wie schnell sich Vorläuferzellen weiterentwickelten und
- welche Gene stärker oder schwächer aktiv waren.
Was kam genau heraus?
Die Autorinnen und Autoren der Arbeit berichten im Kern vier Dinge:
- Die Entwicklung der bestrahlten Zellen war „aus dem Takt“
Stammzellen blieben länger in einem frühen Zustand, statt sich weiter zu spezialisieren. Einfach gesagt: Die Reifung verlief verzögert oder anders. - Einige Gene verhielten sich ungewöhnlich
Unter Bestrahlung waren bestimmte Gene anders aktiv – darunter auch Gene, die in der Forschung oft im Zusammenhang mit Autismus-Risiko diskutiert werden. - Virenähnliche DNA-Abschnitte wurden aktiver
Im menschlichen Erbgut gibt es immer alte, inaktive Überreste von Viren. Die Studie berichtet, dass solche Abschnitte in bestimmten Zellen stärker „aktiviert“ waren. - Es scheint eine Art Schalter im Zellkern zu geben
Die Forschenden vermuten, dass bestimmte Proteine im Zellkern beeinflussen, welche Gene an- oder ausgeschaltet werden – die Strahlung könnte diese BET-Proteine verändern. Als Test gaben sie hemmende Medikamente (BET-Inhibitoren). Dabei wurden einige der beobachteten Effekte tatsächlich teilweise abgeschwächt.
Dass Umweltfaktoren Gene in den Körperzellen an- oder ausschalten können, ist schon länger bekannt. Vielleicht hast du schon vom Begriff Epigenetik gehört? Er beschreibt genau das:
Äußere Einflüsse verändern nicht unbedingt die DNA selbst (das wäre eine Erbgutveränderung oder -schädigung). Sie können aber die „Genexpression“ ändern, also welche Gene von der DNA „abgelesen“ werden und welche nicht. So speichert der Körper Erfahrungen und gibt sie weiter.
Ist Bluetooth-Strahlung also schädlich für Babys?
So beunruhigend die Ergebnisse für manche Menschen auch sind:
Dass sich Bluetooth und WLAN-Strahlung tatsächlich auf die embryonale Entwicklung auswirken oder gar Autismus hervorrufen, lässt sich davon NICHT direkt ableiten – aber leider auch nicht ausschließen.
Es braucht nun mehr Forschung.
Das Experiment zeigt: Unter Laborbedingungen kann Funkstrahlung in einem Organoid-Modell messbare Veränderungen bewirken.
ABER: Organoide sind kein vollständiger menschlicher Körper: Sie haben keine Durchblutung, keinen Schädel, keine mütterliche Bauchdecke, Gebärmutter oder Fruchtwasser.
Gleichzeitig gilt: Je mehr du Strahlung aller Art von deinem heranwachsenden Baby fernhalten kannst, desto besser. Panisch zu werden brauchst du aber nicht.
Wie du Strahlung reduzieren kannst
Mit Abstand zur Funkquelle, also Router und Endgerät, ist schon viel gewonnen!
Schon ab 1 Meter Entfernung reduziert sich die Strahlung deutlich.
Wenn du also auf Nummer sicher gehen willst, versuche Folgendes:
- Möglichst kein Handy, Tablet oder Laptop auf oder neben dem Bauch
- Falls möglich: Kabel statt Funk und Bluetooth/WLAN aus
- Router und Bluetooth/WLAN nachts gern aus
- Möglichst keine Repeater im Haus nutzen, die verstärken die Strahlung immens
- Beim Kauf neuer Geräte auf Strahlungsintensität SAR achten
- Und wann immer es geht: Digital Detox und raus in die Natur
Das hält auch euch als Eltern oder werdende Eltern gesünder. Und gesund bleiben wollen wir doch alle, oder?
Fazit
In einem Labor-Modell sah man Veränderungen darin, wie Zellen reifen und welche Gene aktiviert werden, wenn sie direkter Bluetooth-ähnlicher Strahlung ausgesetzt sind – aber daraus folgt noch kein direkter Beweis für uns Menschen im Alltag.
Jegliche Strahlung auszuschließen, ist weder möglich noch nötig. Wenn unsere Welt gerade hoch-technisiert ist, werden wir Menschen lernen, damit umzugehen. Dennoch machst du mit gesundem Menschenverstand nichts falsch.
Dr. Katumba ordnet es für wissenschaftlich Interessierte so ein:
„Diese Studie beweist keine klinische Schädigung, aber sie zeigt erstmals einen plausiblen epigenetischen Wirkmechanismus von RF (Radiofrequenz) auf die frühe menschliche Hirnentwicklung – und ist damit hochrelevant für Vorsorge, Regulierung und weitere Forschung.“
Quellen
Bilal Cakir, Yoshiaki Tanaka, Mu Seog Choe, Ferdi Ridvan Kiral, Jonghun Kim, Nicola Micali, Young-Jin Kang, Bhushan Dharmadhikari, Benjamin Patterson, Woo Sub Yang, Yoonmi Cho, Yangfei Xiang, Mei Zhong, Sang-Hun Lee, Prabir Patra, Pasko Rakic, In-Hyun Park, Radiofrequency regulates the BET-mediated pathways in radial glia differentiation in human cortical development, Cell Reports, Volume 44, Issue 10, 2025, 116238, ISSN 2211-1247, https://doi.org/10.1016/j.celrep.2025.116238 (abgerufen am 13.01.2026)
Bundesinstitut für Strahlenschutz: Weniger Strahlung bei der Nutzung von Smartphones oder Tablets: https://www.bfs.de/DE/themen/emf/mobilfunk/vorsorge/smartphone-tablet/smartphone-tablet_node.html (abgerufen am 13.01.2026)
Bundesumweltministerium: Strahlenschutz beim Mobilfunk: https://www.bundesumweltministerium.de/themen/strahlenschutz/nichtionisierende-strahlung/strahlenschutz-beim-mobilfunk/ueberblick-strahlenschutz-beim-mobilfunk (abgerufen am 13.01.2026)
BUND: Mobilfunk im Kinderzimmer – eine kritische Betrachtung: https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/ressourcen_und_technik/ressourcen_technik_mobilfunk_im_kinderzimmer.pdf (abgerufen am 13.01.2026)













