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Corona-Panik: Bitte mal kurz nachdenken

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.“ sagte einst Viktor Emil Frankl, Psychiater und Begründer der Logotherapie. In diesen Tagen denke ich viel an dieses Zitat. Gefühlt lässt uns die Geschwindigkeit, in der sich die Nachrichten um das Coronavirus verbreiten kaum Zeit zum Reagieren. Tatsächlich glaube ich, dass wir uns diese Zeit einfach nicht mehr nehmen.

Am vergangenen Freitag überschlugen sich die Nachrichten. Nach und nach meldeten immer mehr Bundesländer die Schließungen von Schulen und Kitas. Kultureinrichtungen, Bars, Fitnessstudios und andere öffentliche Einrichtungen zogen nach. Gerade wir Eltern verfolgten die Nachrichten um Kitaschließungen mit Spannung und Sorgen. Wie soll ich meiner Arbeit nachgehen, wenn ich zuhause mein Kind betreue? Bekomme ich überhaupt Geld, wenn ich zuhause bleibe? Wie werde ich meine Miete zahlen? Werde ich vielleicht sogar meinen Job verlieren?

Keine Zeit zum Nachdenken, Lösungen sofort!

Als Redakteure, die viel in sozialen Medien unterwegs sind, merken wir auch, wie schnell  und auch heftig Menschen auf solche Nachrichten reagieren. Innerhalb von Sekunden nach einer Veröffentlichung gibt es Kommentare und teilweise scharfe Meinungen in die eine oder andere Richtung. Da ist ganz viel Ärger über die Politik, die in den Augen einiger zu langsam, in den Augen anderer zu schnell handelt. Da haben Menschen hunderte ungeklärte Fragen, die alle jetzt sofort beantwortet werden müssen.

All diese Sorgen sind natürlich sehr berechtigt. Und sie zeigen, dass eine große Unsicherheit herrscht und auch eine gewisse Panik. Das Problem an Panik ist, dass sie uns am klaren Denken hindert. Wir sind nicht mehr besonnen und kreativ. Wir nehmen uns nicht mehr diesen Raum zwischen Reiz und Reaktion, um wirklich mal in uns zu gehen, innezuhalten und nachzudenken. Und das ist in Zeiten wie diesen einfach sehr anstrengend.

Es scheint mir, dass wir in Zeiten von Social Media zu der Überzeugung gelangt sind, dass wir immer sofort eine Antwort parat haben müssen. Immer gleich ein Like oder Dislike. Immer gleich eine Meinung, eine Sorge und ein ganzer Rattenschwanz an Nachfragen. Und damit setzen wir uns selbst und andere unglaublich stark unter Druck.

Das hat sicher auch etwas mit der Art der Berichterstattung über das Virus und mit dem allgemeinen Sensationsjournalismus in der heutigen Zeit zu tun. Da wird jede Nachricht ganz schnell in die Welt rausgeblasen, hauptsache klickstark. Im Sinne der reißerischen Headlines und klickstarken Artikel werden da Zitate gemacht, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen werden und Nachrichten verbreitet, die eben nur einen Teil der Wahrheit beinhalten. Und unser Daumen ist schon bereit, einen Like zu geben.

Medien orientieren sich an Klickzahlen

Am vergangenen Freitag haben wir beim Blick in unsere Analysetools festgestellt, dass deutlich weniger Menschen unsere Artikel lesen. Ganz klar, momentan interessieren sich alle für Nachrichten um das Coronavirus. Natürlich haben wir unsere Berichterstattung dahingehend angepasst. Wir möchten euch ja die Inhalte liefern, die ihr sucht und die Fragen beantworten, die ihr euch stellt. Und gerade für Eltern sind das manchmal auch noch ganz andere Fragen als die, die auf Nachrichtenseiten beantwortet werden.

Dass wir diese Analysen machen, hat natürlich wirtschaftliche Hintergründe. Je mehr LeserInnen unsere Artikel lesen, desto höher unsere Einnahmen. Das entscheidet letztendlich darüber, ob wir unsere Mitarbeiter bezahlen können. Und genauso geht es allen Medien. Wir entscheiden anhand von Zahlen, welche Inhalte wir veröffentlichen. Auch für die LeserInnen ist das ein Vorteil, denn sie bekommen die Nachrichten, die sie interessieren. Das Problem dabei ist, dass Nachrichten interessanter werden, je reißerischer sie sind. Und irgendwann steht dann der Journalismus an einem Punkt, wo er entscheiden muss: Informiere ich sachlich, weil die Menschen an dem Thema interessiert sind oder Informiere ich besonders reißerisch, um die Menschen für dieses Thema zu interessieren. Und dafür haben am Ende alle ihre eigenen Kriterien und Richtlinien.

Im sehr empfehlenswerten Corona-Update Podcast von NDR habe ich kürzlich en gutes Beispiel dafür gehört. Christian Drosten, Virologe an der Charite berichtet darüber, wie einige Medien Aussagen von ihm zitieren und dabei total aus dem Zusammenhang reißen. In einem Podcast berichtete er über eine Studie die zeigte, dass zu Zeiten der spanischen Grippe Schulschließungen und Schließungen von Veranstaltungen sehr effektiv waren. Die Medien zitierten, dass der Virologe sich entschieden für Schulschließungen in der aktuellen Corona-Krise aussprach. Und genau das versetzt Menschen in Panik und Politiker unter Druck, jetzt ganz schnell zu handeln, obwohl sie vielleicht eher noch ein bisschen Zeit bräuchten, um wirklich alle Folgen einzuschätzen.

Nimm dir Zeit für eine Denkpause

Ich kann jeden Elternteil verstehen, der sich Sorgen über seinen Job macht, angesichts der Schließung von Kitas. Jeden, der jetzt möglicherweise ohne Lohnzahlung auskommen muss, kann ich absolut verstehen, dass er sich Sorgen macht, wie er fortan seine Miete bezahlen kann.

Doch oder gerade deshalb möchte ich dich dazu einladen, im Angesicht von schockierenden Schlagzeilen und Nachrichten, die stündlich auf uns einprasseln einen Moment innezuhalten. Du musst nicht zu allem gleich eine Meinung haben. Du musst nicht in dem Moment, in dem du von der Kitaschließung hörst sofort mit dem Allerschlimmsten rechnen.

Ich habe mit vielen Eltern gesprochen an diesem Wochenende, die Mutmaßungen über ihre Arbeit anstellten. Und viele hatten noch nicht einmal mit ihrem Arbeitgeber gesprochen. Der steckt ja irgendwo auch im selben Boot. Da sitzen ja auch Menschen, die sich damit beschäftigen, wie es jetzt weitergeht. Da kann man doch ins Gespräch gehen und schauen wo jeder steht und welche Ideen jeder einbringt.

Nicht nur wir persönlich, auch politische und wirtschaftliche Entscheider müssen jetzt erstmal sondieren, wie es weitergeht. Ich möchte jedenfalls keine Politik, die sich auf Kurzschlussreaktionen, Druck und Panik aufbaut. Ich wünsche mir, dass politische Entscheidungen besonnen und aufgrund von Fakten und Informationen getroffen werden. Und das braucht manchmal ein bisschen Zeit.

Unseren Kindern keine Angst machen

Wie wir mit solchen Nachrichten umgehen, hat auch einen Einfluss darauf, wie unsere Kinder die aktuelle Situation wahrnehmen. Wenn Mama und Papa jetzt nur noch wild gestikulierend mit der ganzen Welt telefonieren und sich Untergangsszenarien ausmalen, dann merkt das dein Kind natürlich.

Wenn Mama und Papa sich jetzt gemeinsam hinsetzen und ihrem Kind erklären. „Du hast vielleicht mitbekommen, dass die Kita ab Montag geschlossen ist. Am Montag sprechen wir erstmal mit unseren Chefs und dann können wir gemeinsam überlegen, wie wir es uns zuhause schön machen„ dann klingt das schonmal ganz anders.

Du ignorierst ja das Problem nicht, indem du sagst. „Ich weiß noch nicht, wie wir das machen werden. Ich werde mal darüber nachdenken. Ich spreche erstmal mit meinem Partner und mit Freunden. Ich lese noch ein paar andere Artikel oder höre mal einen Podcast. Ich warte mal ab, was mein Chef am Montag sagt.“

Denn wenn du dir diese Zeit genommen hast, kannst du in Ruhe für dich sortieren, wie die Situation für deine Familie aussieht und hoffentlich einen Weg finden, der für euch alle passt.

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