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Frühchen stillen: Alles über das Stillen von Frühgeborenen

Mutter stillt ihr Frühchen auf der Klinikstation
Nicht jedes Frühchen kann gleich oder überhaupt gestillt werden. / Bild © nooh, Adobe Stock

So klein, so zerbrechlich: „Kann ich mein zu früh geborenes Baby stillen? Schafft es das Baby überhaupt schon, an der Brust zu trinken? Und was muss ich beachten?“ Wir klären alle offenen Fragen zum Thema ‘Frühchen stillen’.

Ein Frühchen ist noch unreifer als Babys, die um den ET herum zur Welt kommen. Das Stillen eines (oder mehrerer) frühgeborenen Babys bringt daher spezielle Herausforderungen mit sich, kann sich aber positiv auf Gesundheit, Entwicklung und Bindung des Kindes auswirken:

Warum Muttermilch für Frühchen besonders gut ist

  • Immunschutz: Muttermilch enthält Antikörper, die Frühgeborene dringend brauchen, da ihr Immunsystem noch unreif ist. Sie reduziert das Risiko für Infektionen erheblich.
  • Verdauung & Verträglichkeit: Frühchen vertragen Muttermilch besser als künstliche Nahrung, ihr Darm reift schneller.
  • Entwicklung: Muttermilch fördert die Reifung des Nervensystems. Auch Spenderinnenmilch kann das.
  • Bonding: Stillen fördert durch den Hautkontakt die enge Bindung zwischen Eltern und Baby und beruhigt das Kind. Aber auch Kanguruhen hilft schon enorm.

Es wäre also besonders schön, wenn du als Frühchen-Mama Muttermilch für dein frühgeborenes Baby bilden könntest. Nicht immer klappt das jedoch und innerer Druck kann sogar hinderlich sein. Glücklicherweise arbeiten die meisten Frühchen-Stationen mit Frauenmilchbanken zusammen. 

Das bedeutet: Wenn du keine Milch gewinnen kannst oder möchtest, oder wenn deine Milch nicht reicht, kann dein Kind möglicherweise die Muttermilch einer Spendermama erhalten. Und auch mit Formula-Milch wird dein Frühchen gut gedeihen! Aber dazu weiter unten mehr. Wir starten mit den Tipps fürs Stillen deines Frühchens:

Praktische Tipps für das Stillen von Frühchen

Viele Frühchen-Mamas möchten gern stillen. Damit es gelingen kann, braucht es je nach Alter und Reife des Kindes oft etwas Anlauf.

Ganz kurz gesagt ist die Reihenfolge meist so: 

  1. viel Bonding durch Hautkontakt 
  2. häufiges Milchgewinnen durch Abpumpen oder Ausstreichen
  3. Gabe der Muttermilch mit Sonde, Finger oder Spritze (je nach Reife)
  4. Nuckeln an der Brust
  5. Stillen

Und nun geht es los mit konkreten Tipps:

1. Unbedingt Unterstützung holen

Stillberaterinnen und speziell geschultes Neonatologie-Pflegepersonal begleiten dich individuell. Mütter berichten, dass sie trotz Startschwierigkeiten stillen konnten, wenn sie genug Hilfe bekamen. Gut, wenn ihr euch für eine stillerfahrene und babyfreundliche Klinik entscheiden durftet und in der Nähe des Babys untergebracht werden konntet.

2. Känguruhen (Kangoroo Care)

Haut-zu-Haut-Kontakt beruhigt dein Kind, fördert die Milchbildung und verbessert die Temperaturregulation.

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Kuscheln hilft dem Frühgeborenen beim Stabilisieren. / Bild © Tobilander, Adobe Stock

Frühchen, die regelmäßig auf die nackte Brust von Mutter (und/oder Vater gelegt) werden, können oft schneller gestillt werden, weil ihr Nervensystem gut nachreifen kann und weil die Milchbildung durch das Bindungshormone Oxytocin besser in Gang kommt.

3. Schnell mit Abpumpen beginnen: „JEDER Tropfen zählt“

Unter Umständen ist es auch möglich, schon vor einer sich abzeichnenden Frühgeburt Kolostrum zu gewinnen und aufzubewahren. Direkt nach der Geburt (möglichst innerhalb der ersten Stunden) kannst und solltest du mit Muttermilch abpumpen beginnen (8 – 12 Mal in 24 Stunden). Schon kleine Mengen Kolostrum sind sehr wertvoll. 

Die erfahrene Hebamme Christine sagt dazu:

„In Absprache mit der Frühchenstation direkt in einer kleinen Spritze – je nachdem, wie es deine Klinik handhabt – da am Anfang oft nur ein paar Tropfen bis Milliliter kommen und JEDER TROPFEN ZÄHLT. Daher auch beim Abpumpen der Tipp, am Anfang vielleicht die Flaschen falsch herum, also nach oben zu halten, damit du nach dem Pumpen die wenigen Tröpfchen gleich mit der Spritze aufziehen kannst, und sie nicht in den Schläuchen der Milchpumpe ‘verschwinden‘.“

Das medizinische Fachpersonal wird dich beraten.

Die abgepumpte Milch (oder Spenderinnenmilch) kann über eine Sonde und/oder Spritze gegeben werden – letztes erst, sobald dein Baby schon reif genug dafür ist.

4. Schrittweises Herantasten und viel Geduld

Bei sehr früh geborenen Babys wird die Muttermilch zuerst nur über eine Sonde oder maximal mit dem Finger gegeben, während ihr kuschelt (sofern möglich). Später darf die Fütterung mit einer Spritze erfolgen und das Baby saugt an deiner Brust ohne zu trinken. Sobald es reif genug ist, kann es dann richtig stillen.

Versuche eine Stillposition (z. B. den Rückengriff) zu finden, in der du das Köpfchen gut unter Kontrolle hast und notfalls beim Ergreifen der Brustwarze helfen kannst. Gleichzeitig solltest du in den ersten Wochen immer beobachten, ob das gleichzeitige Atmen und Trinken gut klappt.

Stillen hilft Frühchen-Mamas

Bei der zusätzlichen psychischen Belastung nach einer Frühgeburt tut jede mentale Unterstützung gut. Und viele Mütter empfinden das Stillen oder Füttern ihres Frühchens mit abgepumpter Milch als wichtige Möglichkeit, trotz verlängertem und oft ungeplantem Klinikaufenthalt ihres Babys aktiv etwas tun zu können. Sie fühlen sich weniger hilflos. Vielleicht geht erfolgreiches Stillen auch deshalb mit einem geringeren Risiko für eine Wochenbettdepression einher.

Aber auch, wenn es nicht klappt, bist du nicht schuld! Erlaube dir, traurig oder enttäuscht zu sein, falls diese Gefühle hochkommen, und versuche dann, nach vorn zu schauen. Denn eines ist sicher: Dein Frühchen wird dank moderner Medizin auch mit künstlicher Nahrung gut versorgt! 

Warum es manchmal nicht klappt

So schön die Vorstellung vom Stillen eines Frühgeborenen auch ist, in der Praxis ist es oft gar nicht so leicht, Frühchen zu stillen. Gründe dafür können sein:

Eventuell fehlende Saugreife

Viele Frühgeborene haben noch keinen koordinierten Saug-Schluck-Atem-Reflex. Deshalb können sie eventuell nicht sofort stillen. Wann der Reflex voll ausgereift ist, ohne dass die Sauerstoffsättigung beim Füttern absinkt, ist höchst individuell. Füttern oder stillen sollte laut dieser wissenschaftlichen Arbeit daher nicht forciert werden, ohne auf die tatsächliche Saugreife zu warten. 

Das Baby würde dann eine Magensonde bekommen, durch die es entweder abgepumpte Muttermilch oder Frühgeborenennahrung erhält.

Geringe Kraft des Babys

Viele Frühchen sind aufgrund ihrer Unreife schneller erschöpft und können kürzer und weniger effektiv saugen. Dadurch bekommen sie mit Stillen allein eventuell noch nicht genug Nährstoffe, selbst wenn der Saug-Schluck-Atem-Reflex schon gut funktioniert. 

Verzögerte Milchbildung

Durch die frühe Geburt ist die Milchbildung manchmal verzögert oder instabil. Sehr häufiges Abpumpen und Brustmassagen sind wichtig, um die Milchmenge aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Nicht alle Frühchen-Mamas haben die Kraft oder Zeit, das über einen längeren Zeitraum zu leisten. Viele Frühchenstationen arbeiten deshalb mit Frauenmilchbanken zusammen, die nach strengen Kriterien gespendete Muttermilch bereithalten.

Medizinische Einschränkungen

Je nach Gesundheitszustand des Frühchens (z. B. Atemunterstützung) und/oder der Mutter ist Stillen an der Brust manchmal nicht sofort möglich, auch wenn das Baby theoretisch reif genug wäre.

Unterbringung der Mutter

In manchen Kliniken werden Frühchen-Mamas nach der Entlassung von der Gyn-Station direkt beim Baby oder in einem Begleitzimmer in der Nähe aufgenommen und dürfen 24/7 jederzeit zum Baby. In anderen Kliniken können sie nur zu bestimmten Zeiten vormittags und nachmittags je drei Stunden zum Kind und sind ansonsten auf anderen Stationen untergebracht. Beide Konzepte können in als “stillfreundlich” zertifizierten Häusern vorkommen. 

Frühgeborene Mehrlinge

Da viele frühgeborene Kinder Zwillinge oder gar Drillinge sind, vervielfacht sich der Aufwand. Infolgedessen kann es ein längerer und kräftezehrender Weg sein, in eine harmonische Stillbeziehung zu kommen. Absolut verständlich! Ein absolutes Ausschlusskriterium ist aber auch eine Frühgeburt von Zwillingen nicht, wenn du genug unterstützt wirst und bereit dafür bist. Es bleibt jedoch deine Entscheidung als Mutter, ob du es zumindest versuchen möchtest.

FAQ – Häufige Fragen zum Frühchen stillen

Kann jedes Frühchen gestillt werden?

Prinzipiell ja, auch wenn manchmal ein langer Weg nötig ist. Abpumpen und Hautkontakt sind erste Schritte.

Wie lange dauert es, bis Frühchen effektiv trinken können?

Das hängt vom Zeitpunkt der Geburt ab. Oft, aber nicht immer, gelingt gleichzeitig Saugen und Atmen ab ca. der 34. SSW zuverlässig.

Was tun, wenn die Milchmenge nicht reicht?

Wenn die Milch nicht so recht fließen will, wird zusätzlich zu den Stillversuchen regelmäßiges Abpumpen (8–12x täglich) nötig. Versuche, so viel Hautkontakt mit deinem Baby zu haben wie möglich, und lass dich gern beraten. Bei Bedarf kann mit Spendemilch oder spezieller Frühgeborenennahrung ergänzt werden.

Muss Muttermilch angereichert werden?

Preterm-Milch (Muttermilch nach Frühgeburt) weist eine größere Nährstoffdichte und auch mehr Abwehrstoffe auf, weshalb sie bei etwas reifer geborenen Frühchen oft ausreicht. Bei sehr kleinen oder sehr früh geborenen Frühchen wird die Muttermilch der eigenen oder einer Spendermutter meist mit zusätzlichen Nährstoffen (Fortifier) angereichert, damit das Baby gut gedeiht.

Fazit

Frühchen zu stillen, ist eine besondere Herausforderung, aber auch eine große Chance. Denn Muttermilch ist die beste Nahrung für Frühgeborene und unterstützt das noch unreife Immunsystem sowie die Entwicklung und Bindung des noch unreifen Babys. Geduld, Unterstützung und frühzeitiges, regelmäßiges Abpumpen helfen, dass Stillen auch bei Frühgeborenen nach ein paar Wochen bis Monaten gelingen kann. 

Und sollte es nicht klappen, bekommt dein Kind auch mit Spendermilch oder Flaschennahrung alle wichtigen Nährstoffe, die es zum Gedeihen braucht!

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Quellen

✔ Inhaltlich geprüft am 04.12.2025
Dieser Artikel wurde von Christine Müller geprüft. Wir nutzen für unsere Recherche nur vertrauenswürdige Quellen und legen diese auch offen. Mehr über unsere redaktionellen Grundsätze, wie wir unsere Inhalte regelmäßig prüfen und aktuell halten, erfährst du hier.

Veröffentlicht von Anke Modeß

Anke ist Berlinerin und Mutter eines Schulkindes. Als langjährige babelli-Redakteurin, Journalistin und Coachin für Kinder, Jugendliche und Eltern liegen ihr Elternthemen besonders am Herzen.