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„Hauptsache, das Baby ist gesund!“ – Ach ja?

Eltern haben Hände auf Schwangerschaftsbauch der Mutter.
„Hauptsache, das Baby ist gesund.“ – ist das wirklich die Hauptsache? / © Bild Wedding photography, Adobe Stock.

Warum du mit diesem Satz vorsichtig sein solltest …

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Satz „Hauptsache, das Baby ist gesund“ kann unbeabsichtigt verletzen und ausgrenzen.
  • Er vermittelt (unbewusst), dass Gesundheit eine Voraussetzung für Lebenswert oder Lebensqualität ist.
  • Eltern von Kindern mit angeborener Behinderung oder chronischer Erkrankung fühlen sich dadurch oft unsichtbar gemacht. Und in erster Linie hat der Satz eine immense Auswirkung auf die betroffenen Babys.
  • Sprache prägt unser gesellschaftliches Denken – auch über das, was „normal“ oder „wertvoll“ ist.
  • Gesundheit ist das wertvollste Gut, was wir haben – allerdings ist sie nicht gleichzusetzen mit individueller Lebensqualität oder individueller Glückseligkeit. Das kann nur jeder Mensch für sich selbst wahrnehmen.
  • Wir haben das Leben nicht allein in der Hand. Ein “gesunder” Start ins Leben schützt nicht vor den Abbiegungen des Lebens. Auch ein gesundes Baby kann im späteren Entwicklungsverlauf eine Krankheit oder Behinderung erwerben. Dasselbe gilt für alle Erwachsenen.
  • Sensible, inklusive Sprache kann ein liebevollerer Weg sein, einander zu begegnen.

Wichtig: Die Rubrik “Das Wichtigste in Kürze” ist nur ein Überblick. Sie kann niemals die Komplexität von Themen widerspiegeln. Themen sollten immer individuell und ganzheitlich betrachtet werden. Wir möchten dich daher dazu ermutigen, dir den ganzen Artikel durchzulesen, für alle Infos zu diesem Thema.

Es ist ein Satz, der fast automatisch fällt, wenn Menschen über Schwangerschaft oder anstehende Geburten sprechen: „Hauptsache, das Baby ist gesund!“ 

Doch so gut gemeint dieser Satz auch sein mag – er ist nicht so harmlos, wie er klingt.

Was bedeutet eigentlich „gesund“?

In unserer Gesellschaft ist Gesundheit ein hohes Gut – keine Frage. Doch genau hier liegt auch die Gefahr: Gesundheit wird oft gleichgesetzt mit „richtig“, „wertvoll“ oder „glücklich“.

Was aber ist mit Babys, die mit einer angeborenen Erkrankung oder Behinderung auf die Welt kommen – oder mit jenen Kindern oder Erwachsenen, die im Laufe ihres Lebens eine Behinderung oder eine Krankheit erwerben? 

Mit dem Satz „Hauptsache, das Baby ist gesund“ wird – meist unbewusst – eine klare Grenze gezogen: zwischen einem Leben, das scheinbar „wertvoll“ ist, und einem, dessen Wertigkeit in Frage gestellt wird.

By the way bedeutet der Begriff “Behinderung”, an der Teilhabe der Gesellschaft behindert zu werden. Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten werden im Alltag exkludiert, weil unsere Systeme überwiegend auf Menschen ohne Behinderungen ausgelegt sind. Wir leben leider noch immer in einem ausgrenzenden System für marginalisierte Menschen.

Wenn Gesundheit zur Bedingung für Lebensqualität wird

Die Aussage impliziert: Nur ein gesundes Baby ist “richtig”. Nur wenn alles „normal“ verläuft, ist alles in Ordnung und die Familien dürfen sich freuen. 

Doch damit schließen wir alle chronisch kranken oder von Behinderung betroffenen Babys und ihre Lebensrealitäten aus.

Diese Sprache kann unbewusst verletzen – allen voran das betroffene Baby und an zweiter Stelle die Eltern, die ihr Kind mit einer Behinderung oder Krankheit begleiten und lieben. Sie leben eine individuelle Realität, die gleichwertig wertvoll, kraftvoll und bedeutungsvoll ist. Nur, weil wir sie möglicherweise noch nicht kennen, bedeutet das nicht, dass sie “weniger schön” ist.

Gesundheit ist das wertvollste Gut – aber nicht gleichzusetzen mit Lebensglück

Natürlich ist Gesundheit ein hohes Gut – und für viele Eltern steht der Wunsch „Hauptsache, das Baby ist gesund“ an erster Stelle. 

Doch diese Aussage blendet aus, dass Gesundheit nicht automatisch mit Lebensqualität, Glück oder persönlicher Erfüllung gleichzusetzen ist. Lebensglück nimmt jeder Mensch individuell wahr. Es liegt nicht allein an äußeren Maßstäben.

Gesundheit ist nicht garantiert – für niemanden

Auch ein Baby, das gesund zur Welt kommt, kann sich im Lauf der Entwicklung eine Erkrankung oder Behinderung erwerben. Dasselbe gilt für uns Erwachsene.

Gesundheit ist nie ein fester Zustand. Der Satz „Hauptsache, das Baby ist gesund“ ignoriert, dass sich Lebensrealitäten verändern können – und vermittelt unbewusst, dass alles andere weniger wünschenswert sei.

Wir haben das Leben nicht komplett in der Hand

Ein „gesunder Start“ ins Leben mag beruhigend wirken – aber er ist keine Garantie. Krankheiten, Unfälle, Schicksalsschläge oder Behinderungen können das Leben jederzeit neu formen. Es ist wichtig, diese Realität anzunehmen, ohne in Angst oder Panik zu verfallen. 

Denn gerade in der wertfreien Offenheit, ehrlichen Aufmerksamkeit, Neugier auf das, was ist, und Akzeptanz liegt oft die größte Stärke einer Familie – und in der Haltung, jedes Leben als lebenswert zu betrachten, unabhängig von Gesundheitszustand oder gesellschaftlichen Normen.

Sprache und Gedanken schaffen Wirklichkeit

Wir alle sind geprägt – durch gesellschaftliche Normen, durch Sprache, durch Geschichte. Gerade in Deutschland gibt es eine tiefgreifende historische Last, wenn es um die Bewertung von „lebenswertem Leben“ geht. Die Euthanasie-Verbrechen der NS-Zeit haben gezeigt, wohin das Denken in „lebensunwert“ und „lebenswert“ oder die Kategorisierung des Begriffes “Gesundheit” führen kann.

Auch wenn solche Aussagen heute oft unbewusst fallen – sie sind Teil einer gesellschaftlichen Prägung, die bis heute nachwirkt. Es ist an der Zeit, unsere Gedanken und Sprache zu reflektieren und bewusst offener zu sprechen.

Ein neues Bewusstsein schaffen

Was, wenn wir stattdessen sagen könnten:

  • “Hauptsache, das Baby ist glücklich.”
  • “Ich wünsche mir/dir ein glückliches Baby.”
  • „Ich wünsche mir, dass es meinem/deinem Baby gut geht – egal, wie es kommt.“
  • „Ich wünsche mir/dir Kraft für das, was auch immer auf uns/euch zukommt.“
  • „Ich hoffe, ihr werdet als Familie gut ankommen – in eurer ganz eigenen Realität.“

Diese Aussagen lassen Raum. Für alle Lebenswirklichkeiten. Für alle Babys. Für alle Familien.

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Veröffentlicht von Leonie Illerhues

Leonie war nach ihrem Studium der Heilpädagogik lange im Schulhort-, Kita- und Krippenbereich tätig. Erziehungs- und Entwicklungsthemen im Baby- und Kleinkindalter sind deshalb ihr Steckenpferd. Seit 2022 ergänzt Leonie unser Team mit diesem Schwerpunkt.