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Achtung, Troublemaker! Ist das zweite Kind wirklich wilder? 

Zwei Brüder streiten sich um ein Plüschtier
Lauter, wilder, rebellischer – ist das wirklich typisch für Zweitgeborene? / Bild © cherryandbees, Adobe Stock

Das erste Kind ist „anfängerfreundlich“, das zweite ein Wirbelwind – viele Eltern würden das sofort unterschreiben. Es ist eines der bekanntesten Klischees rund um die Geburtenreihenfolge. Aber lässt sich dieses Phänomen tatsächlich wissenschaftlich belegen und vor allem: erklären?

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Geburtenreihenfolge bestimmt nicht den Charakter: Persönlichkeitsunterschiede sind wissenschaftlich kaum belastbar.
  • Wenn Zweitgeborene „wilder“ wirken, liegt’s oft am Kontext: Anstrengender ist oft der Alltag, nicht unbedingt das Kind.
  • Eltern sind beim zweiten Kind meist gelassener/müder; Regeln und Konsequenz verändern sich.
  • Jüngere lernen schneller durch Geschwister als Vorbilder und testen Grenzen gezielter, um ihren Platz zu finden. Das kann „rebellischer“ wirken.
  • Trotzdem bringt Kind 2 viel soziales Lernen, Nähe, Humor und Liebe ins Familienleben.

Typisch Erst- und Zweitgeborene! Oder etwa nicht?

Das erstgeborene Kind: gewissenhaft, vernünftig, pflegeleicht. Das jüngste dagegen: chaotisch, wild, immer auf Achse. Also Prinz William vs. Prinz Harry … Kommt dir das bekannt vor? Dann bist du damit nicht allein. 

Ein kurzer Blick auf Social Media reicht, und du findest unzählige augenzwinkernde Posts, Memes und Videos über Geschwister und ihre angeblich so klaren Charaktere. Die Großen wirken darin oft erwachsen und verantwortungsbewusst, die Jüngsten eher wie der Tasmanische Teufel von den Looney Tunes.

Kein Wunder also, dass sich die Klischees „typisch ältestes Kind“ und „typisch jüngstes Kind“ so hartnäckig halten. Aber wie viel Wahrheit steckt wirklich dahinter? 

Was sagt die Wissenschaft?

Wenn man sich die Forschung genauer ansieht, wird schnell klar: Der Zusammenhang zwischen Geburtenrang und Persönlichkeit ist eher schwach. Viele Studien haben untersucht, ob sich die Stellung unter Geschwistern in den sogenannten Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen zeigt. Das Ergebnis ist recht eindeutig: Wenn überhaupt Unterschiede gefunden werden, sind sie meist klein, uneinheitlich und kaum geeignet, etwas über den Charakter eines einzelnen Kindes auszusagen.

Aussagekräftiger sind Studien, die nicht die Persönlichkeit, sondern konkrete Verhaltensmuster untersuchen. Eine Studie mit Daten aus Dänemark und dem US-Bundesstaat Florida liefert dafür ein Beispiel. Die Forscher untersuchten Familien mit mindestens zwei Kindern und verglichen Brüder innerhalb derselben Familie. Das Ergebnis: Zweitgeborene Jungen haben gegenüber ihren älteren Brüdern eine 20 bis 40 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, Ärger in der Schule zu bekommen oder im Laufe des Lebens strafrechtlich auffällig zu werden.

Das klingt zunächst nach einer Bestätigung des „wilden Zweitgeborenen“. Aber wichtig ist: Solche Zahlen sagen nichts über das Wesen eines einzelnen Kindes, sondern zeigen nur, dass Zweitgeborene statistisch häufiger ein bestimmtes Verhalten zeigen. Die Erklärung oder zumindest eine Vermutung dafür liefern die Forschenden gleich mit: Eltern investieren umständehalber weniger Zeit in ihre Zweitgeborenen. Kommt ein drittes Kind dazu, sogar noch weniger. Viele der sogenannten „Sandwichkinder“ können davon sicher ein Lied singen.

Ein Trost für alle Sandwichkinder: Die Forschung schreibt gerade ihnen besonders positive Eigenschaften zu!

Was die Geburtenreihenfolge tatsächlich beeinflusst

Erstgeborene erleben oft mehr exklusive Aufmerksamkeit, strengere Regeln und höhere Erwartungen. Jüngere Geschwister wachsen dagegen in ein bestehendes Familiensystem hinein: Es gibt bereits Routinen, Rollen und ein älteres Kind, an dem sie sich orientieren können. Dadurch machen sie andere Erfahrungen als ihre größeren Geschwister, aus denen sich gewisse Verhaltensmuster entwickeln können.

Typische Unterschiede vom zweiten zum ersten Kind lassen sich häufig so erklären:

  • Weniger exklusive Aufmerksamkeit: Beim ersten Kind ist der Fokus klar. Beim zweiten läuft vieles parallel: Gespräche werden unterbrochen, Abläufe müssen schneller gehen, Aufmerksamkeit muss geteilt und Kompromisse müssen geschlossen werden. Das kann dazu führen, dass jüngere Kinder von Beginn an stärker um Aufmerksamkeit und die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse kämpfen, ohne, dass dies ihrem Charakter zuzuschreiben wäre.
  • Andere Regeln, andere Konsequenz: Viele Eltern sind beim ersten Kind vorsichtiger und konsequenter. Mit der Zeit entwickelt sich mehr Routine und sie werden gelassener, manchmal aber auch schlicht müder. Dadurch werden Regeln bei nachfolgenden Kindern oft anders gehandhabt.
  • Geschwister als Vorbilder und Publikum: Jüngere Kinder orientieren sich früh an ihren älteren Geschwistern. Sie schauen sich Verhaltensweisen ab, testen Grenzen und beobachten genau, was passiert. Wenn Quatschmachen Lachen oder Aufmerksamkeit bringt, wird es wiederholt. Gleichzeitig lernen sie schneller, welche Strategien bei den Eltern funktionieren – ihre großen Geschwister haben ihnen dahingehend bereits viel „Forschungsarbeit“ abgenommen.
  • Geschwister als Messlatte: Nicht selten prägt das ältere Kind – oft ganz unbewusst – die Erwartungen der Eltern an Entwicklung und Verhalten des jüngeren. Das wird nicht immer offen ausgesprochen („Dein Bruder/deine Schwester konnte das in dem Alter schon.“), aber kann sich auch im Verhalten der Eltern spiegeln. Für das jüngere Kind kann das wie zusätzlicher Druck wirken, mithalten zu müssen. Manche reagieren darauf, indem sie sich stärker abgrenzen, was im Alltag dann auch mal „rebellisch“ oder „wilder“ erscheinen kann.
  • Rollen im Familiengefüge:  Erstgeborene übernehmen nach der Geburt eines Geschwisterkindes oft mehr Verantwortung, weil sie plötzlich „die Großen“ sind. Jüngere entwickeln dagegen häufiger Strategien, um sich durchzusetzen oder ihren Platz zu finden, etwa über Tempo, Humor oder Lautstärke.

Nicht das Kind, sondern der Alltag wird herausfordernder

Dazu kommt: Mit einem zweiten (und jedem weiteren) Kind verändert sich auch die Belastungssituation für euch Eltern: mehr Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen – oft auch gleichzeitig –, mehr Koordination im Alltag, mehr Absprachen, mehr Organisation. Zusätzlich zu den gestiegenen Anforderungen an die Alltagsorganisation kommen häufig mehr Lärm, mehr Haushalt, weniger Schlaf, weniger Me-Time zur Erholung. Unter dieser höheren Grundbelastung entsteht im Alltag schneller Reibung.

Wenn du also das Gefühl hast, „das zweite Kind ist anstrengender“, liegt das oft auch an den veränderten Rahmenbedingungen, die dir mehr abverlangen.

Zweitgeborene sind keine Problemkinder, sondern ein Gewinn!

Auch wenn Zweitgeborene in manchen Studien bei einzelnen Verhaltensweisen etwas häufiger auffallen, sind sie deshalb keine „Belastung“ für die Familie – eher im Gegenteil. In der Familien- und Entwicklungspsychologie gilt die Beziehung zwischen Geschwistern als wichtig für das Familienleben und für die Entwicklung von Kindern.

Jüngere Geschwister wachsen in ein intensives soziales Lernfeld hinein, in dem sie alltäglich  prosoziales Verhalten (helfen, teilen, trösten…) üben können. Längsschnittforschung zeigt zudem, dass sich Geschwister in ihrer Empathieentwicklung gegenseitig beeinflussen, also nicht nur „die Großen die Kleinen“, sondern auch umgekehrt. Und weil Geschwister zwangsläufig auch streiten, üben sie sich auch darin, Konflikte konstruktiv zu lösen.

Aus dieser Perspektive kommt mit dem zweiten Kind nicht nur mehr Trubel ins Haus, sondern auch ein zusätzlicher Motor für soziales Lernen, von dem alle Familienmitglieder langfristig profitieren können. 

Und nicht zuletzt bedeutet ein weiteres Kind immer auch: mehr Lachen, mehr Nähe und mehr Liebe in der Familie.

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Fazit

Ein „Troublemaker-Gen“ gibt es nicht und die Geburtenreihenfolge bestimmt nicht, wie deine Kinder sind. Aber sie kann gewisse Verhaltensmuster erklären, die bei jüngeren Geschwisterkindern häufiger beobachtet werden als bei Erstgeborenen.

Und trotzdem ist es absolut nachvollziehbar, wenn sich das zweite Kind „herausfordernder“ anfühlt. Denn mit seiner Geburt veränderten sich Ansprüche, Zeit, Stresslevel und eure Familiendynamik. Wenn es sich für dich gerade anstrengend anfühlt, sagt das daher eher etwas über eure gestiegene Belastung im Alltag aus als über den Charakter deines Kindes. 

Das zweite Kind kommt in ein bestehendes System und bringt trotzdem seine ganz eigene Magie mit. Es merkt schnell, wie der Laden läuft, und findet darin einfach seinen eigenen Weg. Es bringt mehr Leben ins Haus, macht schwere Momente oft leichter und lehrt uns Eltern, wie gut es tun kann, Dinge einfach auszuprobieren und grundsätzlicher gelassener zu sein.

Kurzum: Das zweite Kind mag zunächst alles auf den Kopf stellen, verändert dabei aber meistens auch alles zum Besseren. ❤️ 

Quellen

Veröffentlicht von Carolin Severin

Carolin ist zweifache Mama und leidenschaftliche Familien-Redakteurin. Sie beschäftigt sich schon seit über 10 Jahren hauptberuflich mit allem, was (werdende) Eltern interessiert. Bei Babelli versorgt sie euch mit Informationen und News rund ums Thema Schwangerschaft. Dabei ist es ihr besonders wichtig, komplexe medizinische Themen verständlich und sensibel aufzubereiten und dabei möglichst Sorgen und Ängste zu nehmen. Dafür arbeitet sie eng mit unserer Expertin Hebamme Emely Hoppe zusammen.