Ist dein Baby ein „Schreikind“ oder ein besonders unruhiges Menschlein (gewesen), mit deutlich weniger Schlafstunden als andere? Warum frühe Schlafförderung auf jeden Fall sinnvoll ist und auf welche weiteren Symptome du achten kannst …
Eine Studie aus Helsinki ergab, dass ausgeprägte Schlafprobleme in der frühen Kindheit mit späteren ADHS-Symptomen zusammenhängen.
Was genau das für „mehr als normal“ übermüdete Eltern bedeutet, erklären wir gleich. Starten wir mit der Studie selbst.
Was die Studie untersucht hat
Die Forschenden wollten herausfinden, ob Schlafprobleme im Babyalter, wie zum Beispiel häufiges nächtliches Aufwachen oder eine kurze Schlafdauer, mit späterem ADHS im Alter von 5 Jahren zusammenhängen.
Dazu dokumentierten 713 Eltern mithilfe von Fragebögen das Schlaf- und Alltagsverhalten ihrer Kinder im Alter von 3, 8, 24 Monaten und 5 Jahren.
Das deutliche Ergebnis:
- Kinder, die noch im Kleinkindalter häufig nachts aufwachten, waren im Alter von 5 Jahren vermehrt unaufmerksam und hyperaktiv.
- Kinder, die in den ersten Jahren insgesamt kürzer als der Durchschnitt schliefen, waren später immer deutlich hyperaktiv und unaufmerksam.
ADHS ist eine derzeit klar eingegrenzte Diagnose mit den Leitsymptomen „Unaufmerksamheit“ und „Hyperaktivität/Impulsivität“. Verschiedene Ausprägungen sind möglich und der hyperaktive Teil kann fehlen. Für eine Diagnose müssen die Symptome jedoch deutlich ausgeprägt und der Leidensdruck bei Kind und Eltern groß sein. Möglicherweise werden sich die Kriterien in den kommenden Jahren aufgrund stetig neuer Erkenntnisse jedoch noch verändern.
Bedeutet das nun, dass schlecht oder kürzer schlafende Babys später die Diagnose ADHS bekommen?
Eventuell. Nur der Zusammenhang selbst bleibt unklar.
ADHS oder schlechter Schlaf: Was war zuerst da?
Wie so oft muss man bei der Interpretation von Studienergebnissen vorsichtig sein. Das Studiendesign zielte in diesem Fall darauf ab, überhaupt einen Zusammenhang festzustellen. Die Studie wollte oder konnte also nicht klären, ob:
- ADHS an den Schlafproblemen schuld ist, oder
- die Schlafprobleme ADHS begünstigen oder
- ob es eine gemeinsame Ursache gibt, die beides hervorruft oder
- all das gleichzeitig richtig ist.
Die Forschenden vermuteten jedoch in der Auswertung, dass eine Verbesserung des Schlafverhaltens spätere ADHS-Symptome abmildern könnte, und rieten daher zu „Schlafmanagement“.
Und auch das Ärzteblatt zitiert eine Psychologin, die angibt, dass bis zu 37% der mit ADHS diagnostizierten Kinder eigentlich* ein Schlafproblem hätten.
*Möglicherweise ist es oft ein „Auch“. Dazu gleich mehr (Anmerkung der Redaktion).
Fakt ist:
ADHS-Symptome lassen sich durch mehr Schlaf lindern
Bisherige Forschung zeigt deutlich: ADHS-Symptome und Schlafprobleme verstärken einander. Das bedeutet, zu wenig Schlaf macht unaufmerksam, impulsiv und sensibel. Gleichzeitig sorgen Gedankenrasen, körperliche Unruhe, Ängste, Dopamin- und Melatonin-Mangel und mögliche andere Ursachen dafür, dass Menschen schlecht einschlafen können. Das ist bei allen Menschen phasenweise so – bei Menschen mit ADHS kommt jedoch sehr viel zusammen und Schlafprobleme werden wahrscheinlicher.
Für Erwachsene gibt es einige Möglichkeiten, ihr Schlafverhalten selbstständig zu verbessern. Bei unseren Kleinsten ist das deutlich schwieriger.
Dennoch, um das Einschlafen und die Schlafdauer bei Babys und Kleinkindern zu verlängern, gibt es ein paar Dinge, die auch Eltern tun können:
- Verlässliche Zubettgehrituale und regelmäßige Zeiten einführen (nach und nach)
- Weniger Reize ab den frühen Abendstunden, Aktivitäten sollten tagsüber im Hellen stattfinden
- Keine Medienzeit bis 3 Jahre und später nicht mehr als empfohlen* und nicht vor dem Schlafengehen
- Störquellen wie Bildschirme aus dem Schlafzimmer entfernen und dunkel schlafen lassen
- Einschlafbegleitung und eventuell Familienbett zulassen
- Keine schweren Mahlzeiten und nichts Süßes vor dem Schlafengehen – Stillen ist aber gut, denn Muttermilch enthält abends Melatonin
- Jedem Verdacht auf schlafstörende, körperliche Ursachen nachgehen, mit viel Besonnenheit und Vertrauen
„Binaurale Musik“ mit „Theta-Wellen“ kann laut mancher Quellen beim Einschlafen helfen, auch wenn das wissenschaftlich nicht erwiesen ist. Einen Versuch wäre es dennoch wert, denn es schadet zumindest nicht, wenn du die Musik gezielt zum Einschlafen einsetzt und nicht zu laut machst. Wenn du Einschlafmusik nutzen möchtest, probiere doch mal unsere babelli Babyschlaf Playlist.
Vermutlich lässt sich vererbtes ADHS mit keiner der Maßnahmen „aufhalten“, aber wahrscheinlich abmildern. Umfassende Beratung gibt es leider selten. Dennoch sind beispielsweise Schreiambulanzen und später Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) gute Anlaufstellen für Eltern.
Doch könnte es nicht gemeinsame Ursachen FÜR BEIDES geben – also ADHS UND Schlafmangel?
Ja, durchaus, das ist denkbar. Vielleicht möchtest du nun weiterforschen:
Mögliche gemeinsame Ursachen
Es gibt organische und nicht-organische Ursachen, die zu schlechtem Schlaf führen und gleichzeitig in Verdacht stehen, ADHS-Symptome hervorzurufen oder zu verstärken.
Ein paar nennen wir jetzt:
1. Die Gene
- Vererbung: Sowohl ADHS als auch Schlafstörungen haben eine starke genetische Komponente. Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS häufig auch neurodivergente Eltern und/oder Eltern mit Schlafstörungen haben. Bestimmte Gene, die den Dopamin- oder Serotoninstoffwechsel regulieren, wurden mit beiden Störungen in Verbindung gebracht.
- Dopaminmangel (genetisch oder nicht): Dopamin spielt eine zentrale Rolle bei der Regulation von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Schlaf-Wach-Rhythmus. Ein Ungleichgewicht im Dopaminstoffwechsel wird sowohl mit ADHS als auch mit Schlafstörungen in Verbindung gebracht. Der Mangel in bestimmten Hirnarealen kann erworben sein. Beispielsweise kann frühe oder häufige Mediennutzung den Dopaminhaushalt so verändern, dass es immer mehr davon braucht, um sich gut und ausgeglichen zu fühlen (Suchtprinzip).
- Störung des zirkadianen Rhythmus: Viele Kinder mit ADHS haben einen verschobenen Schlaf-Wach-Rhythmus, die innere Uhr ist aus dem Takt. Dies kann durch genetische Faktoren oder Umweltbedingungen (z. B. lange Abende oder Lichtmangel) beeinflusst werden.
Umweltfaktoren
- Stress: Chronischer Stress (z. B. durch familiäre Konflikte) erhöht den Cortisolspiegel, was sowohl Schlafstörungen als auch ADHS-Symptome verstärken kann.
- Überreizung: Zu viel Interaktion und Trubel, optische Reize (z. B. durch Bildschirme und helles Licht) oder Dauerbeschallung können die kindlichen Nerven so strapazieren, dass sich das Nervensystem nicht mehr gut allein beruhigen kann. Auch ein Kind ohne genetische Veranlagung zu ADHS könnte in der Folge immer unruhiger werden, schlecht in den Schlaf finden und häufig aufwachen. Noch extremer wäre es, wenn es sich um ein neurodivergentes Kind handelt.
- Nährstoffmängel: Nicht alle Kinder und Erwachsenen sind gut mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt. Oft beginnen Mängel schon im Mutterleib. Fehlen wichtige Stoffe wie B-Vitamine, Magnesium oder Omega-3, reift das Nervensystem womöglich langsamer oder anders. Beides kann sowohl zu ADHS-Symptomen als auch zu abweichendem Schlafverhalten führen.
- Schadstoffbelastung: Eine besondere Belastung mit Stoffen wie z. B. Quecksilber (Amalgam) oder Kupfer (alte Trinkwasserrohre) kann den Organismus sehr strapazieren. Und weil der Körper nachts entgiftet, führt ein Zuviel von abzubauenden Stoffen zu häufigem Erwachen.
Erkrankungen oder Fehlentwicklungen
- Obstruktive Schlafapnoe: Bei einer obstruktiven Schlafapnoe sind die Atemwege nachts ab und zu blockiert. Auslöser können Polypen in der Nase, vergrößerte Mandeln (beides bekannter) oder ein verkürztes Zungenband* sein (unbekannter). Symptome bei allen drei Ursachen wären nächtliche Atemaussetzer und Schnarchen.
Vergrößerte Polypen oder Mandeln können durch Allergien, wie etwa gegen Staub oder Schimmel, verursacht oder begünstigt werden. Bei einem verkürzten Zungenband nimmt die Zunge eine ungünstige Ruhestellung ein und rutscht nachts leichter nach hinten in den Rachen. Viele Menschen mit ADHS haben ein verkürztes Zungenbändchen, das die gesamte Körperhaltung beeinflussen kann. Möglicherweise ist die Verwachsung Folge eines frühen Nährstoffmangels in der Schwangerschaft, der auch ADHS begünstigen könnte – oder eben auch genetisch.
- Allergien: Ein Drittel der Deutschen hat mindestens eine Allergie, sie reagieren beispielsweise auf Pollen, Staub oder Schimmel. Auch Nahrungsmittelallergien oder Unverträglichkeiten, die durch einen durchlässigen Darm (leaky gut) entstehen, sind nicht mehr selten – schon die Kleinsten können betroffen sein. Unerkannte Allergien, beispielsweise auf Milchbestandteile oder Hühnerei, stressen den ganzen Körper, belasten den Darm zusätzlich und können zu Nährstoffmängeln führen. Und ein entzündeter Darm führt zu innerer Unruhe und schlechtem Schlaf. Allergietests führst du am besten in einer allergologischen Praxis oder in der Kinderarztpraxis durch.
- Stoffwechselstörungen: Es gibt vererbbare oder erworbene Stoffwechselstörungen, beispielsweise Entgiftungsstörungen, die den kindlichen (und erwachsenen) Körper belasten und in Daueranspannung halten.
Tipp: Wenn euch die reguläre Arztpraxis bisher nicht weiterhelfen konnte und oder du dich unverstanden fühlst, könnte eine naturheilkundlich arbeitende Fachkraft vielleicht eine Alternative sein.
Fazit
Allgemein gilt: Babys schlafen unterschiedlich viel und unterschiedlich „durch“. Wenn dein Säugling noch keinen Schlafrhythmus hat, musst du dir nicht automatisch Sorgen machen. Es kann sich alles noch entwickeln. Behalte es dennoch im Hinterkopf, sollte die nächtliche Unruhe auch im Kleinkindalter weiter bestehen.
Denn dauerhaft unruhiger oder deutlich verkürzter Schlaf könnte auf eine Neurodivergenz oder eine darunterliegende Problematik hinweisen. Gleichzeitig kann dauerhafter Schlafmangel zu mehr Unruhe etc. führen. Es lohnt sich in jedem Fall, genauer hinzuschauen und, wo möglich, gegenzusteuern.
Wie viel Schlaf genug ist und was die Schlafzeiten verlängert, hängt sehr von eurem Kind und den Umständen ab. Manchmal reichen schon ein paar Veränderungen im Alltag aus, und manchmal braucht es Unterstützung von außen.
Wir wünschen dir ruhige Nächte!
Quellen
Quellen
- Huhdanpää, H., Morales-Munoz, I., Aronen, E. T., Pölkki, P., Saarenpää-Heikkilä, O., Paunio, T., Kylliäinen, A., & Paavonen, E. J. (2019). Sleep Difficulties in Infancy Are Associated with Symptoms of Inattention and Hyperactivity at the Age of 5 Years: A Longitudinal Study. Journal of Developmental and Behavioral Pediatrics, 40(6), 432-440. https://doi.org/10.1097/DBP.0000000000000684 (abgerufen am 02.03.2026)
- Das ADHS-Kompendium: Schlafprobleme bei ADHS – Symptome: https://www.adxs.org/de/page/31/13-schlafprobleme-bei-adhs-symptome (abgerufen am 02.03.2026)
- Das ADHS-Kompendium: Schlafprobleme bei ADHS – Behandlung (Erwachsene): https://www.adxs.org/de/page/238/schlafprobleme-bei-adhs-behandlung (abgerufen am 02.03.2026)
- Ärzteblatt: Schlafstörungen: Häufig und deutlich unterschätzt: https://www.aerzteblatt.de/archiv/schlafstoerungen-haeufig-und-deutlich-unterschaetzt-5972221b-e2f1-4597-8816-5d8b7b04220b (abgerufen am 02.03.2026)
- Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit: Sozialpädiatrische Zentren: https://www.kindergesundheit-info.de/themen/entwicklung/foerdern-unterstuetzen/sozialpaediatrische-zentren-spz/ (abgerufen am 02.03.2026)
- Barmer: Binaurale Beats – das steckt hinter dem Phänomen: https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/koerper/ohren/binaurale-beats-das-steckt-hinter-dem-phaenomen-1134034 (abgerufen am 02.03.2026)
- IMD Labor: Genetik der Entgiftung: https://www.imd-berlin.de/fachinformationen/diagnostikinformationen/genetik-der-entgiftung (abgerufen am 02.03.2026)













