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Lachgas zur Geburt: albern oder echte Option?

Gebärende atmet mit Hilfe der Hebamme Lachgas ein
Lachgas kann dabei helfen, Schmerzen unter der Geburt selbstbestimmt zu lindern. / Bild © Tyler Olson, Adobe Stock

Vielleicht hast du es schon mal in Geburtsvideos gesehen: eine Gebärende mit Atemmaske in der Hand, aus der sie regelmäßig tief inhaliert. Dabei handelt es sich um Lachgas. Es soll den Wehenschmerz dämpfen. Wie es wirkt, welche Vorteile und Nebenwirkungen es hat und für wen Lachgas nicht infrage kommt, erfährst du hier.

Das Wichtigste in Kürze

  • Was es bringt: Ein spezielles Lachgas-Sauerstoff-Gemisch zur Geburt beruhigt, nimmt Angst und dämpft Wehenschmerz kurzfristig, ohne die Wehen zu schwächen – die Wirkung setzt schnell ein.
  • So nutzt du es: Du atmest es über eine Maske zu Wehenbeginn ein und dosierst die Stärke selbst.
  • Vorteile: Einfache, flexible Anwendung; oft weniger weitere Schmerzmittel nötig; nach bisherigen Beobachtungen keine Belastung fürs Kind.
  • Worauf achten: Mögliche Neben- und Wechselwirkungen; besonderes Risiko bei (latentem) Vitamin-B12-Mangel – wird vorher in der Anamnese geklärt.

Was ist Lachgas eigentlich?

Lachgas, eigentlich Distickstoffmonoxid (N2O), ist ein farbloses, süßlich riechendes Gas. Es wirkt je nach Dosierung sedierend bis narkotisierend, also beruhigend bis einschläfernd. In höheren Dosen kann es zudem Schmerzen lindern. 

Entdeckt wurden diese Effekte bereits Ende des 18. Jahrhunderts, aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es als Anästhetikum in der Medizin etabliert.

Warum N2O umgangssprachlich „Lachgas“ getauft wurde, darüber gibt es verschiedene Theorien. Eine Vermutung lautet, dass der Name auf die Rausch- und Euphoriezustände zurückgeht, die das Gas – in hohen Dosen inhaliert – auslösen kann.

Leider ist das auch der Grund dafür, dass es inzwischen als Partydroge missbraucht wird, mit teils gefährlichen Folgen (Überdosierung). Im Herbst 2025 wurde deshalb ein Gesetz zum bundesweiten Lachgasverbot für Minderjährige beschlossen.

Zugegeben, das klingt ziemlich abschreckend, soll aber explizit den Missbrauch von Lachgas bekämpfen. Der professionelle Einsatz, unter anderem in der Medizin, bleibt davon unberührt und hat viele Vorteile. Als offiziell zugelassenes Anästhetikum findet Lachgas deshalb auch heute noch Anwendung in einigen Arztpraxen und Kliniken.

In Deutschland erlebte der Einsatz von Lachgas zur Geburt vor ein paar Jahren eine kleine Renaissance, bleibt aber trotzdem vergleichsweise selten im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien, Kanada, Australien und Finnland.

Was bewirkt Lachgas zur Geburt?

In der Geburtshilfe dient Lachgas als Schmerzmittel in der Austrittsphase. Es kommt vorwiegend dann zum Einsatz, wenn die Gebärende andere Formen der Schmerzlinderung ablehnt, wie eine PDA oder einen Schmerztropf, oder wenn die optimalen Zeitfenster dafür schon überschritten sind.

Das Lachgas wird dabei nicht pur inhaliert, sondern in einem 50:50-Mischungsverhältnis mit Sauerstoff. 

So wird sichergestellt, dass Mutter und Kind immer noch genügend Sauerstoff bekommen und sich die Gebärende nicht versehentlich in Narkose versetzt. Denn das Ziel ist ein anderes: Das Lachgas soll die Wehenschmerzen dämpfen und so dabei helfen, sich besser auf die Geburt fokussieren und Anspannung loslassen zu können.

Wie wird es angewendet?

Das Gas-Sauerstoff-Gemisch wird über eine Atemmaske inhaliert, jedoch nicht dauerhaft, sondern immer nur für ein paar tiefe Atemzüge. 

Wichtig ist das Timing: Damit die größtmögliche Wirkung am Wehenhöhepunkt erreicht wird, sollte direkt zu Beginn einer Wehe mit der Inhalation begonnen werden. Dafür hält die Gebärende die Atemmaske selbst in der Hand und setzt diese nach Bedarf auf und ab. 

Damit die Begleitperson und das Geburtshelferteam nicht unbeabsichtigt mitinhalieren, strömt das Gas nur bei aktivem Ansaugen in die Maske (per On-Demand-Ventil) und/oder wird per Abluftschlauch direkt abgesaugt.

Welche Vorteile bietet Lachgas gegenüber anderen Methoden?

Der Einsatz von Lachgas hat viele praktische Pluspunkte gegenüber einer PDA und/oder anderen medikamentösen Schmerztherapien zur Geburt:

  • Schneller Wirkeintritt: Die Wirkung des Gasgemischs setzt rasch ein, meist in weniger als einer Minute. So kann die Schmerzlinderung effektiv gesteuert und zügig erreicht werden. Das ist praktisch für schnelle Geburten oder Geburtsphasen, in denen es für eine PDA oder andere Optionen schon zu spät ist.
  • Einfache und sichere Anwendung: Die Inhalation über eine Atemmaske ist simpel und erfordert keine besondere Übung. Durch das fertige Mischungsverhältnis sowie den technischen Aufbau der Atemmaske ist eine Überdosierung zudem sehr unwahrscheinlich.
  • Selbstbestimmte Anwendung: Die Schwangere entscheidet selbst, wann und wie viel Lachgas sie inhaliert. Das kann ihr ein Gefühl der Sicherheit vermitteln und damit zur Entspannung beitragen. Zudem weiß die Gebärende selbst am besten, wann eine Wehe sich ankündigt und sie mit dem Inhalieren beginnen muss.
  • Keine Auswirkung auf das Kind: Untersuchungen zeigen: Die Methode schadet dem Kind unter der Geburt nicht – die APGAR-Werte zeigen keine auffälligen Unterschiede zu anderen Neugeborenen.
  • Keinen Einfluss auf die Wehentätigkeit: Lachgas verändert weder Stärke noch Häufigkeit der Wehen. Der Geburtsverlauf bleibt dadurch unbeeinträchtigt.
  • Schonend für Atmung und Kreislauf: Das Gasgemisch reizt die Atemwege nicht und beeinträchtigt weder die Atmung noch den Blutdruck der Anwenderin.
  • Schnelles Abfluten: Lachgas reichert sich nicht im Gewebe der Gebärenden oder des Kindes an und wird innerhalb von wenigen Minuten nahezu vollständig wieder ausgeatmet.
  • Weniger Einsatz von Schmerzmitteln: Durch den Einsatz von Lachgas werden mitunter weniger bis keine anderen Schmerzmittel gebraucht.

Gibt es Nebenwirkungen und Risiken?

Wie bei (fast) allen Methoden zur Schmerzerleichterung hat auch die Anwendung von Lachgas ein paar Nachteile, über die du Bescheid wissen solltest. Zu den typischen Nebenwirkungen gehören:

  • Benommenheit und Schwindel (bei etwa 2 Prozent aller Anwenderinnen)
  • Übelkeit, teilweise auch mit Erbrechen (bei etwa 8 Prozent der Anwenderinnen)
  • Mundtrockenheit

Selten kommt es zu Halluzinationen (bei etwa 1 Prozent der Anwenderinnen); noch seltener zur Hyperventilation, zu Muskelkrämpfen oder zu Sauerstoffmangel. Diese Risiken gehen vorrangig auf eine unsachgemäße Anwendung zurück.

Die unmittelbaren Nebenwirkungen halten in der Regel nur wenige Minuten an und flauen ab, sobald das Gas den Körper über die Atmung wieder verlassen hat.

Unter Umständen kann Lachgas die Wirkung (oder Nebenwirkung) anderer Medikamente ungewollt verstärken. Darüber sollte das Geburtsteam den Überblick behalten.

Ein größeres Risiko stellt der (langfristige) Einfluss von N2O auf den Vitamin-B12-Spiegel dar.

Risiko durch Lachgas: Vitamin-B12-Mangel

Lachgas kann den Vitamin-B12-Haushalt stören, weil es sich an Vitamin B12 bindet und dadurch dessen Wirkung blockiert. Fehlt funktionsfähiges Vitamin B12, gerät der Methionin- und Folsäurestoffwechsel aus dem Gleichgewicht. Mögliche Folgen können Blut- und Nervenschäden sein. 

Je höher die Dosis und je länger die Anwendung (> 6 Stunden), desto größer das Risiko. Doch auch für kürzere Anwendungen zeigten Untersuchungen Gefahrenpotenzial, wenn bereits zuvor ein B12-Mangel bestand. Da ein Mangel gar nicht selten ist (bei jungen Erwachsenen ca. 5 bis 7 Prozent), gelten Schwangere als Risikogruppe. 

Wichtig sind daher eine vorherige Anamnese zur Einschätzung des Risikos und bei Verdacht eine frühe Behandlung mit Vitamin B12

Mögliche Symptome eines Mangels treten erst zwei bis acht Wochen später auf und umfassen etwa eine brennende Zunge, Taubheitsstörungen oder eine träge Verdauung. Dein ärztliches Behandlungsteam wird dich genau darüber aufklären, auf welche Anzeichen du nach der Geburt achten solltest.

Was sagen Studien und die Leitlinien?

Übersichtsarbeiten (etwa vom Cochrane-Netzwerk) ordnen Lachgas den „wirksamen Methoden“ gegen Geburtsschmerzen zu. Aber: Viele Studien sind qualitativ schwach und sehr unterschiedlich; deshalb wird Lachgas weiter kritisch betrachtet.

Die offizielle S3-Leitlinie zur „Vaginalen Geburt am Termin“ gibt dem Lachgas dennoch sein Okay: „Lachgas-Sauerstoff-Gemische (50 %/50 %) können zur Schmerzerleichterung unter der Geburt unter Beachtung der technischen Voraussetzungen verwendet werden.

Das bedeutet, Kliniken können ihren Gebärenden diese Methode anbieten, wenn sie über die technischen Voraussetzungen verfügen und das Personal entsprechend geschult ist. 

Fazit: Schnelle Erleichterung, aber mit Nebenwirkungen

Lachgas kann dich unter der Geburt schnell und unkompliziert unterstützen: Es beruhigt und dämpft Schmerzen, ohne die Wehen zu schwächen oder deinem Baby zu schaden. Ein weiterer Pluspunkt: Die Wirkung setzt rasch ein und du kannst sie selbstbestimmt steuern.

Wie bei jedem Verfahren sind Nebenwirkungen möglich. Am häufigsten sind ein Benommenheitsgefühl und Übelkeit. Beides klingt in der Regel schnell wieder ab.

Wichtig zu wissen: Bei einem Vitamin-B12-Mangel ist Lachgas nicht geeignet. Lass deine B12-Versorgung möglichst vorher prüfen. Besteht der Verdacht auf einen Mangel, verzichte vorsichtshalber auf Lachgas oder beginne unmittelbar eine Vitamin-B12-Kur – deine Frauenärztin oder dein geburtshilfliches Team können dich dahingehend am besten beraten.

Mit guter Vorbereitung und einer kurzzeitigen, fachgerechten Anwendung kann Lachgas eine starke Unterstützung unter der Geburt sein, besonders dann, wenn du keine PDA möchtest oder sie aus anderen Gründen nicht infrage kommt. 

Wenn du interessiert bist, erkundige dich beim Infoabend der Klinik oder beim Anmeldegespräch, ob Lachgas vor Ort angeboten wird, und ergänze es in deinem Geburtsplan.

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Quellen

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✔ Inhaltlich geprüft am 30.12.2025
Dieser Artikel wurde von Christine Müller geprüft. Wir nutzen für unsere Recherche nur vertrauenswürdige Quellen und legen diese auch offen. Mehr über unsere redaktionellen Grundsätze, wie wir unsere Inhalte regelmäßig prüfen und aktuell halten, erfährst du hier.

Veröffentlicht von Carolin Severin

Carolin ist zweifache Mama und leidenschaftliche Familien-Redakteurin. Sie beschäftigt sich schon seit über 10 Jahren hauptberuflich mit allem, was (werdende) Eltern interessiert. Bei Babelli versorgt sie euch mit Informationen und News rund ums Thema Schwangerschaft. Dabei ist es ihr besonders wichtig, komplexe medizinische Themen verständlich und sensibel aufzubereiten und dabei möglichst Sorgen und Ängste zu nehmen. Dafür arbeitet sie eng mit unserer Expertin Hebamme Emely Hoppe zusammen.