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Neurodivergente Kinder haben meist neurodivergente Eltern

Mutter und Kind laufen Hand in Hand durch eine bunte Traumlandschaft
Eltern und Kinder dürfen zusammen wachsen. / KI Bild © Sanych, Adobe Stock

Warum wir bei Neurodivergenz nicht nur auf die Kinder, sondern vor allem auf die Eltern schauen dürfen und was Gene, Umwelt und der Darm damit zu tun haben, erfährst du hier.

Klingt das vertraut?

  • die feinfühlige Mama, deren Kind jeden Morgen in der Kita weint und Bauchweh hat
  • das impulsive Kind mit dem strengen Papa, der nie weint und der vergessen hat, wie oft er selbst früher beschämt wurde, weil er nicht stillsitzen konnte
  • die energische Mutter, die kaum noch lacht, mit dem Kind, das Angst hat, allein zu schlafen
  • der überforderte Papa, der zuhause schnell ausrastet, mit dem Kind, das so oft hinfällt und dem alles zu laut ist

Sich selbst zu erkennen, kann heilsam sein

Vielleicht hast du ein Kind, das sich anders verhält als viele andere Kinder, oder das du beispielsweise als besonders sensibel und/oder begabt wahrnimmst. Vielleicht steht Diagnostik im Raum oder ihr habt eine „Diagnose“ wie ADHS oder Autismus?

Und vielleicht hast du beim Lesen im Internet oder im Gespräch mit Fachleuten über deine Beobachtungen schon gedacht: „Das kenne ich auch von mir“ oder vom anderen Elternteil?

Dann bist du nicht allein. 

Viele Eltern entdecken über ihre Kinder auch sich selbst. Und das ist kein Zufall: Neurodivergenz ist in der Regel familiär veranlagt – und wird nicht nur über Gene, sondern auch über Epigenetik* und sogar über den Darm weitergegeben. Oft über viele Generationen hinweg.

Klingt vielleicht überraschend, aber lies einfach weiter. Auch dann, wenn du dich nur informieren willst. Denn das Wissen ist im Umgang mit allen Menschen enorm wertvoll: 

Nur mit Klarheit kann Verständnis entstehen. Verständnis füreinander führt zu Verbundenheit und die können wir alle in diesen trubeligen Zeiten gut brauchen, oder?

Aber first things first.

1. Neurodivergenz ist genetisch vererbbar

Studien konnten aufzeigen, dass Eigenschaften wie ADHS oder Autismus oft vererbt werden – also über die Gene in der Familie weitergegeben werden. Zum Beispiel:

  • Wenn ein Kind ADHS hat, liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 70 bis 80 Prozent (je nach Quelle auch höher), dass ein Elternteil ähnliche Merkmale hat. Ob diagnostiziert oder nicht, spielt keine Rolle.
  • Auch bei Autismus ist die familiäre Vererbung stark – etwa 60 bis 90 Prozent der Merkmale sind genetisch mitbedingt.
  • bei anderen Ausprägungen wie Hochsensibilität sieht es erfahrungsgemäß ähnlich aus, auch wenn es dazu weniger Studien gibt. 

Das heißt: Wenn dein Kind neurodivergent ist, ist es mindestens einer von euch Eltern wahrscheinlich auch. Dabei kann sich Neurodivergenz ganz unterschiedlich zeigen. Die Anzeichen müssen also nicht gleich sein.

Neurodivergent zu sein, ist nichts Schlechtes – es ist einfach eine andere Art, wie das Gehirn Reize verarbeitet, denkt, fühlt und reagiert.

Einer von fünf Menschen gilt als neurodivergent in irgendeiner Form. Dabei gleicht auch hier kein Mensch dem anderen, die bekannten Bilder überschneiden sich. Für manche gibt es Einzeldiagnosen, für andere nicht. Und meist ist es ein individueller Mix verschiedener Ausprägungen, die keine Einzeldiagnose abbilden kann. 

Es gilt also: Kennst du einen neurodivergenten Menschen, kennst du genau EINEN neurodivergenten Menschen! 

2. Gene allein erklären nie alles

Jetzt wird’s spannend: Auch wenn wir bestimmte Veranlagungen in uns tragen, bedeutet das nicht, dass alles festgelegt ist. Denn unsere Umwelt – also Erfahrungen, Stress, Ernährung, Beziehungen – kann mitbestimmen, wie sich unsere Gene „verhalten“. Das gilt für alle Menschen gleichermaßen.

Diese Wechselwirkung nennt man Epigenetik. Das bedeutet:

Was du erlebst, beeinflusst, welche Gene in deinem Körper aktiv sind – und auch, wie sich das auf deine Kinder auswirken kann.

Wenn du zum Beispiel in deiner Kindheit viel Stress, Druck oder emotionale Unsicherheit erlebt hast, kann das epigenetisch Spuren hinterlassen. Manche dieser Spuren können sogar an die nächste Generation weitergegeben werden – nicht als „Fehler“, sondern als Prägung.

Gleichzeitig kann eine liebevolle, verständnisvolle und stabile Umgebung viele dieser Prägungen auch wieder abmildern – für dich selbst und für dein Kind.

3. Neurodivergenz und der Darm

Vielleicht hast du schon mal gehört, dass der Darm und das Gehirn eng miteinander verbunden sind. Tatsächlich gibt es die „Darm-Hirn-Achse“, also einen ständigen Austausch zwischen dem, was im Bauch passiert, und dem, wie wir uns fühlen oder denken.

Besonders interessant:
Die Darmbakterien, die wir in uns tragen (das sogenannte Mikrobiom), können beeinflussen:

  • wie unser Immunsystem arbeitet,
  • wie gut wir Stress regulieren,
  • und sogar, welche Gene im Gehirn aktiv sind.

Studien (siehe Quellen unten) zeigen:
Menschen mit ADHS oder Autismus haben oft ein etwas anderes Mikrobiom als „neurotypische“ Menschen. Und es gibt Hinweise darauf, dass diese Unterschiede im Darm mit bestimmten Verhaltensmustern oder Reizempfindlichkeiten zusammenhängen.

Und wir wissen ohnehin: Sogar die Ernährung der Eltern in der Schwangerschaft oder ihr Stresslevel kann das Mikrobiom des Kindes beeinflussen – und damit auch dessen Entwicklung.

Das bedeutet nicht, dass alles „beeinflussbar“ ist oder dass du alles kontrollieren musst – letztlich ist selten ganz klar, was Ursache und was Wirkung ist – aber es zeigt: Körper, Geist und Umwelt gehören zusammen.

4. Was du daraus für dich mitnehmen kannst

  • Wenn du merkst, dass du viele Eigenschaften deines Kindes „wiedererkennst“: Du bildest dir das nicht ein. Es gibt dafür biologische und familiäre Gründe. Oft maskieren wir Erwachsene unsere Besonderheiten seit Kindertagen unbewusst so gut, dass wir selbst nicht mehr wissen, wer wir wirklich sind.
  • Du darfst auch für dich selbst schauen, was du brauchst. Vielleicht ist jetzt der Moment gekommen, eigene neurodivergente Anteile besser zu verstehen und anzunehmen.
  • Dein Kind ist nicht „auffällig“, weil du etwas falsch gemacht hast. Sondern weil ihr beide vielleicht einfach anders tickt – und das ist okay.
  • Verständnis, eine liebevolle Umgebung, gute Ernährung, sichere Beziehungen – all das wirkt sich nicht nur auf das Hier und Jetzt aus, sondern kann sogar biologisch „heilsam“ wirken.
  • Du musst kein perfekter Mensch sein, aber vielleicht ein ehrlicher, neugieriger und mitfühlender Fan deines Kindes, der sich selbst annimmt und lieben kann. Das kann ein längerer Weg sein, jeder kleine Schritt in diese Richtung lässt dich und dein Kind heilen.

5. Was du nun konkret tun kannst

Hier sind ein paar Ideen, wie du mit dem Wissen über Vererbung, Epigenetik und Mikrobiom im Alltag umgehen kannst, falls ihr auch ein bisschen „anders“ seid:

Achte auf Stressreduktion für dich und dein Kind. Weniger Stress und ausreichend Erholungspausen helfen eurem Nervensystem, sich zu beruhigen.

Selbstregulation kann bei Neurodivergenz schwerer fallen, weil Reize ungefiltert durchkommen und die Verarbeitung länger dauert. Daher ist der Grundstresspegel oft höher.

Gesunde Ernährung, möglichst wenig stark verarbeitete und vielfältige Lebensmittel unterstützen das Mikrobiom. Weniger Zucker in allen Formen ebenfalls. 

Wir wissen, dass das bei neurodivergenten Kindern und auch Erwachsenen oft nicht leicht ist. Stichwort: Picky Eater. Auch Allergien und Unverträglichkeiten sind bei Neurodivergenz nicht selten. Lasst euch vielleicht beraten.

Probiotika und Präbiotika (z. B. fermentierte Lebensmittel, Ballaststoffe) können helfen. 

Sprich auch hier am besten auch hier mit einer Fachperson. Das gilt auch für Nahrungsergänzungsmittel wie Omega-3, die sehr hilfreich sein können.

Hole dir selbst Unterstützung, wenn du das Gefühl hast, überfordert zu sein. 

Du musst nicht alles allein tragen und Überforderung ist gerade bei neurodivergenten Eltern oft ein Thema. Es wäre gut, wenn Neurodivergenz für die beratende Person kein Fremdwort ist. Der Begriff an sich ist noch relativ neu. Eventuell wirst du gebeten, euren Alltag zu schildern, damit die Fachkraft versteht, was du meinst. Es kann helfen, vorher ein paar Stichpunkte aufzuschreiben.

Austausch mit anderen neurodivergenten Eltern kann sehr entlastend sein. Du bist nicht allein. 

Du wirst sehen, dass sich neurodivergente Menschen von ganz allein finden. Trotz aller Individualität gibt es oft ein Grundverständnis füreinander, das ein angenehmes Gefühl von Gemeinschaft geben kann. 

Aber auch bei Instagram findet man immer mehr Menschen, die Neurodivergenz bei sich und/oder ihren Kindern erkannt haben und ihre Erfahrungen und Tipps teilen.

Davon abgesehen gibt es Vereine, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Menschen mit bestimmten neurodivergenten Ausprägungen zu vernetzen, wenngleich es sich dabei meist um Einzeldiagnosen wie ADHS oder Autismus handelt, weil das die offiziellen Bezeichnungen sind.

Fazit: Du bist Teil der Geschichte und Teil der Lösung

Neurodivergenz wird nicht nur „weitergegeben“, sie wird in jeder Generation gelebt, geprägt und verändert. Du kannst nicht alles kontrollieren. Aber DU kannst beeinflussen, wie ihr als Familie damit umgeht.

Ob durch Verständnis, Offenheit, neue Routinen, achtsame Ernährung oder gute Gespräche:
Was du heute veränderst, kann morgen schon Wirkung zeigen – in dir und in deinem Kind. 

Dabei geht es nicht ums Funktionieren in unserer nicht immer neurodivergent-freundlichen Welt: 

Das Wichtigste ist, alle Menschen (wieder) in die Selbstliebe zu bringen und ihnen Strategien mitzugeben, damit sie ihre Stärken im Außen leben können und ihr Strahlen nicht verlieren.

Quellen

Quellen

Artikel und wissenschaftliche Studien zur genetischen Vererbung einzelner Bilder:

Wissenschaftliche Arbeiten zu Genetik, Epigenetik und Mikrobiom im neurodivergenten Kontext:

110b5930cbbe46d09e550c0545b6f7bc - Neurodivergente Kinder haben meist neurodivergente Eltern
Veröffentlicht von Anke Modeß

Anke ist Berlinerin und Mutter eines Schulkindes. Als langjährige babelli-Redakteurin, Journalistin und Coachin für Kinder, Jugendliche und Eltern liegen ihr Elternthemen besonders am Herzen.