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Neurodivergenz bei Eltern: Energieräuberin und Superkraft

Mutter und Sohn zeigen ihre Armmuskeln
Nicht immer ist alles super, aber zusammen sind wir superstark. / Bild © Sunny studio, Adobe Stock

Einer von fünf Menschen gilt als neurodivergent, also auch eines von fünf Elternteilen. So häufig ein „anders“ tickendes Nervensystem auch ist, so unsichtbar „anders“ kann das Leben damit sein. Was Neurodivergenz für die Familien bedeuten kann, zeigen wir hier.

Die Vierjährige hat den dritten Meltdown heute, ihr achtjähriger Bruder springt seit Stunden über die Möbel, Mama ist erst streng und dann verzweifelt, und Papa ist alles zu viel. Er geht einfach ohne ein Wort aus der Tür. 

Eine normale Familienszene? Mag sein, vielleicht steckt aber auch etwas anderes dahinter.

Wie wir schon im Artikel „Neurodivergente Kinder haben meist neurodivergente Eltern“ beschrieben haben: 

Eine Neurodivergenz kommt selten allein und Eltern finden es oft erst heraus, wenn ihre eigenen Kinder von dem abweichen, was momentan als Norm angesehen wird – sobald die kleinen Menschen also irgendwie „auffällig“ werden. Dann geht es auf Ursachensuche und die endet oft bei einem selbst. Manche hatten es schon länger geahnt, andere erwischt es kalt. Wieder andere leugnen, weil Hinschauen weh tun kann oder weil sie viele, viele Jahre so gut „maskiert“ haben, dass sie selbst nicht mehr wissen, wer sie tief drin wirklich sind.

Aber egal, ob oder wann die Erkenntnis kommt: Wenn sowohl Kinder als auch Eltern neurodivergent sind, kann das zu ganz besonderen, positiven wie negativen Dynamiken im Familienleben führen.

Lass uns mit den herausfordernden Umständen starten, die nicht auftreten müssen, es jedoch gehäuft tun – nicht ab und zu, wie bei neurotypischen Familien, sondern öfter oder sogar jeden Tag.

Typische Herausforderungen im Alltag einer neurodivergenten Familie

  • Reizüberflutung auf allen Seiten:
    Neurodivergenz geht oft mit Reizoffenheit und/oder Reizverarbeitungsschwierigkeiten einher. In einem Haushalt mit mehreren neurodivergenten Personen kann es daher schnell zu Überreizung und Überforderung auf mehreren Ebenen kommen. Denn wenn das Nervensystem überreizt ist, braucht es oft mehr und längere Ruhepausen. Im trubeligen Familienalltag ist es dann besonders schwer, alle Bedürfnisse zu vereinen.
  • Termine, Termine, Termine:
    Wenn zu normalen Arztterminen und Hobbys Förderung, Diagnostik, Therapie und Aufklärung in Kita und Schule hinzukommen, ist der Terminkalender für Kinder und Eltern schnell übervoll.
  • Erschwerte Organisation:
    Viele neurodivergente Menschen tun sich schwer mit Zeitmanagement und festen Routinen – oder sind im Gegenteil stark auf Struktur angewiesen. Im Familienalltag kann das zu Spannungen führen, besonders wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen. Es kann herausfordernd sein, Verabredungen zu organisieren, den Haushalt zu stemmen, Termine einzuhalten oder Freundschaften zu pflegen. Hinzu kommt, dass sich manche neurodivergente Menschen besonders schnell abgelehnt oder ausgeschlossen fühlen – sei es durch die Neigung zu dieser Denkweise (RSD – Rejection Sensitivity Dysphoria) oder durch tatsächliche Ablehnung.
  • Emotionale Überforderung und ungünstige Kommunikation:
    Sowohl neurodivergente Kinder als auch neurodivergente Eltern erleben oft besonders starke Gefühle. Viele haben Schwierigkeiten, diese zu regulieren. Wenn Eltern selbst in einem strengen und/oder wenig unterstützenden Umfeld aufgewachsen sind, können sie außerdem emotionale Blockaden oder negative Überzeugungen entwickelt haben. Das macht es schwer, offen und einfühlsam miteinander zu sprechen. In der Folge kommt es häufig zu Konflikten nach immer gleichen Mustern, die sich erst lösen lassen, wenn die Erwachsenen ihre eigene Vergangenheit reflektieren und bewusst alte Konditionierungen ablegen.
  • Schuld- und Schamgefühle:
    Viele neurodivergente Eltern empfinden Scham und Schuld, weil sie ständig das Gefühl haben, nicht den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Viele haben zudem in ihrer eigenen Kindheit negative Erfahrungen gemacht, die in der Elternrolle wieder hochkommen – besonders, wenn sie merken, dass sie bestimmte Bedürfnisse oder Reaktionen ihrer Kinder schwer begleiten können. Wird das eigene Kind ebenfalls als bedürftig wahrgenommen, kommen oft zusätzliche Sorgen, Ängste und der Wunsch, „alles besser machen zu wollen“ hinzu. Das kann den inneren Druck und das Gefühl zu versagen, noch verstärken. 

Die Liste ist nicht vollständig. Dennoch brauchen neurodivergente Eltern kein Mitleid, sondern Verständnis, Anerkennung für ihr Sein und Tun und, sofern gewünscht, Unterstützung an den richtigen Stellen. 

Leider fehlt in vielen Beratungsstellen, Schulen oder medizinischen Kontexten (noch) das Bewusstsein für neurodivergente Familiensysteme. Neurodivergenz ist kein medizinischer Fachbegriff und das Wissen beschränkt sich mitunter, wenn überhaupt, nur auf einzelne Diagnosen, die oft nur einen Teil von dem abbilden, was Menschen ausmacht. 

Viel zu lange nahm man an, dass sich das meiste von allein „verwächst“ und dass alle Elternhäuser potenziell gleich funktionieren – und sich vielleicht nur etwas mehr anstrengen müssen. 

Was neurodivergente Familien brauchen

Die meisten neurodivergenten Familien strengen sich an, sehr sogar!

Doch auf festgefahrene Meinungen statt Verständnis zu stoßen, immer erklären und verteidigen zu müssen, ist extrem kraftraubend – zusätzlich zu den Herausforderungen, die eine Neurodivergenz ohnehin mit sich bringen kann (nicht muss). Daher braucht es dringend:

Mehr Aufklärung und Entstigmatisierung in Schulen, Kitas, Arztpraxen und Medien

Bedarfsgerechte Unterstützung und Förderung, die nicht auf Anpassung an die Norm, sondern auf individuelle Stärken und Bedürfnisse abzielt

Gute bezahlbare Erholungsmöglichkeiten oder genug Kur-Plätze für die ganze Familie, damit sich die Nerven erholen können

Austauschmöglichkeiten mit anderen neurodivergenten Eltern, ohne Scham oder Rechtfertigungsdruck und für mehr Gemeinschaftsgefühl

Professionen mit neurodivergenter Ausrichtung, also Beraterinnen, Therapeutinnen, Pädagoginnen, Lehrkräfte, die selbst neurodivergent sind oder sich darauf spezialisiert haben und neurodivergente Familien wirklich verstehen und begleiten können

✅ Auf Wunsch niedrigschwellige Diagnostik und ausreichend Therapiemöglichkeiten für Erwachsene und ihre Kinder gleichermaßen

Das Wichtigste zum Schluss

Ist bei dir nun der Eindruck entstanden, dass neurodivergente Familien besonders unterstützt werden müssen? Das mag in manchen Fällen stimmen und wäre in vielen Fällen zumindest wünschenswert – wenngleich die meisten „anders tickenden“ Familien ihr Leben und das ihrer Kinder durchaus gut gestalten können, es kostet sie „nur“ mehr.

Aber es fehlt noch etwas Wichtiges, um das Bild abzurunden. Denn:

Neurodivergenz ist auch eine Superkraft! 

Neurodivergente Eltern haben oft auch einzigartige Stärken

  • Empathie, Tiefe und Verständnis: Wenn sich neurodivergente Eltern in ihren Kindern erkennen, lernen sie, deren Bedürfnisse auf einer besonders tiefen Ebene zu erspüren. Sie wissen einfach, was ihr Kind braucht, ohne es erklären zu können. Auch für ihr Umfeld haben sie oft eine ganz besonders feinfühlige Antenne.
  • Tiefe Bindung: Wenn Eltern ihre Kinder wirklich „sehen“, jenseits äußerer Einflüsse und Normen, entstehen besonders enge und authentische Beziehungen.

Emotionale Blockaden aufgrund schwieriger Erlebnisse und übernommene Glaubenssätze können dazu führen, dass das wohlwollende Verständnis ausbleibt. Dann hilft Begleitung durch Beratung, Familien-Therapie und/oder Coaching.

  • Ein starker Wille und Kampfgeist: Eltern kennen ihre Kinder am besten. Das kann jedoch Diskussionen mit Personen nach sich ziehen, die ihnen diese Fähigkeit absprechen wollen. Wenn ihre Kinder häufiger auffallen als neurotypische Kinder, sind viele neurodivergente Eltern irgendwann besonders gut darin, die Grenzen ihres Kindes energisch (oder besonders diplomatisch geschickt) zu verteidigen.
  • Kreative Problemlösungen: Viele Familien entwickeln unkonventionelle und individuell passende Wege, um ihren Alltag zu meistern und ihre Kinder zu unterstützen. Etliche dieser Eltern sind im Kita- und Schulleben zudem besonders einfallsreich, engagiert und mitreißend.

Und wusstest du, dass viele berühmte Persönlichkeiten in Politik, Wissenschaft, Sport oder Unterhaltung neurodivergent sind oder waren? 

Fazit

Wenn Eltern und Kinder nervlich „anders ticken“, bringt das oft viel Unsichtbares mit sich: Reizüberflutung, emotionale Achterbahnfahrten, Schuldgefühle und ein Alltag, der kaum Luft lässt. Doch neurodivergente Eltern verstehen oft sehr genau, wie es ihren Kindern geht. Sie kämpfen leidenschaftlich, lieben tief und denken kreativ.

Was sie brauchen, ist kein Mitleid, sondern echtes Verstehen, passende Unterstützung und eine Gemeinschaft, in der sie so sein dürfen, wie sie sind – kraftvoll, verletzlich und echt, ohne dafür abgelehnt oder ausgeschlossen zu werden.

Persönliche Anmerkung der Autorin

Falls du dich nun fragst, ob du oder deine Angehörigen selbst neurodivergent sind, lehne dich erst einmal zurück, atme tief durch und nimm dir Zeit. Denn dieser neue Begriff soll auf keinen Fall für zusätzliches Unbehagen und Druck sorgen. Wenn ihr im Alltag gut klarkommt, gibt es wahrscheinlich auch keinerlei Anlass, irgendetwas zu verändern und zeitintensiv weiter zu recherchieren. Dann nimm das Anderssein gern an und feiere es!

Zeigen sich anhaltende Probleme, darfst du jedoch in dich hineinspüren: Könnte eine Neurodivergenz der Schlüssel sein, nach dem du schon länger gesucht hast?

Falls die Antwort „ja“ ist, lohnt es sich, erst ein wenig weiter zu stöbern, bevor du mit deiner Erkenntnis nach draußen gehst. Denn viele (auch selbst betroffene) Menschen blockieren erst einmal beim bloßen Gedanken an Anderssein oder öffnen sofort eine Schublade, in die sie dich stecken können. Das lässt sich nicht schönreden.

Leider gibt es keine umfassenden Selbsttests, die alles abdecken und offiziell anerkannt sind. Hochsensibilität und Hochbegabung sind zudem keine Diagnosen, es gibt dafür also keine „offiziellen“ Kriterienkataloge. Du kannst dennoch diesen Test auf ADHS und Autismus ausprobieren:

https://adhs-erwachsene.net/selbsttests-adhs-und-autismus/ (die Wortwahl auf der Seite ist nicht immer geschickt, am besten nicht so genau nehmen)

Behalte nur im Hinterkopf, dass Neurodivergenz oft einen Mix verschiedener Besonderheiten und „Normalheiten“ darstellt, also ein großes Spektrum ist. Und noch wichtiger ist herauszufinden, an welcher Stelle besonders unterstützt werden darf und sollte. Manchmal braucht es dazu Diagnosen, manchmal nicht.

Auf Instagram findest du einige Menschen, die ihre eigenen persönlichen oder auch beruflichen Erfahrungen zu verschiedenen Neurodivergenz-Themen wunderbar verständlich aufbereiten. In die „Bubble“ rutschst du ganz automatisch, sobald du einzelne Posts und Reels likst. Hier ein paar Beispiel-Accounts:

  • kapierfehler
  • filima_mo3
  • heart.mind.mothers
  • sonne.in.mir
  • adhsbeifrauen
  • carinasch_

Falls du mit deinem Kinder- oder Hausarzt sprechen möchtest, kannst du Besonderheiten für ein ganzheitliches Bild in Stichpunkten festhalten (bitte nicht vor dem Kind besprechen!). 

Sei jedoch vorbereitet, dass es von der Offenheit der Fachkraft selbst abhängt, ob du ernst genommen wirst oder nicht. Denn „Neurodivergenz“ ist in wissenschaftlichen Kreisen als Begriff noch nicht weit verbreitet (er stammt von Betroffenen) und die konkrete Diagnosestellung selbst wird, sofern als nötig erachtet, anderen Fachrichtungen überlassen. Zudem ist viel Fachwissen veraltet und an Schulungen dazu nimmt nicht jeder teil. 

Mit Kindern findest du im SPZ (Sozial-pädiatrisches Zentrum) eine gute Anlaufstelle, sofern es Termine gibt. Als Erwachsener musst du für deine Wohngegend leider selbst herausfinden, wo du dich bei Bedarf diagnostizieren lassen kannst. Manche Psychotherapiepraxen bieten diesen Service an (oft Selbstzahlerleistung), aber auch einige Kliniken. Da die Nachfrage groß ist – auch, weil immer mehr Menschen sich selbst erkennen – kann der Prozess länger dauern. 

Wichtig ist in der Zwischenzeit, dass du dein Kind und dich selbst so viel von innen stärkst wie möglich oder dich dabei begleiten lässt. 

Denn egal, wer oder wie ihr seid, ihr seid ein wertvoller Teil der Menschheit und dürft euer Licht strahlen lassen!

Quellen

Veröffentlicht von Anke Modeß

Anke ist Berlinerin und Mutter eines Schulkindes. Als langjährige babelli-Redakteurin, Journalistin und Coachin für Kinder, Jugendliche und Eltern liegen ihr Elternthemen besonders am Herzen.