Brauchst du Klarheit zu den vielen Wörtern rund um Neurodivergenz? Dann findest du hier kurze Erklärungen für die gängigsten Begriffe, die im Internet kursieren.
Wenn du dich mit dem Thema Neurodivergenz auseinandersetzt – sei es, weil dein Kind und/oder du selbst betroffen bist oder du dich aus anderen Gründen informieren möchtest – wirst du auf einen ganzen Kosmos an neuen Wörtern stoßen.
Hier ist eine Liste der wichtigsten Begriffe und Abkürzungen, die du kennen solltest. So kannst du auch mit Schule oder Fachpersonal klarer kommunizieren.
Grundbegriffe
Neurodivergent
Menschen mit von der „Norm“ abweichendem Nervensystem; keine „Diagnose“ und auch (noch?) kein anerkannter wissenschaftlicher Begriff.
Neurotypisch
Menschen mit als typisch geltendem Nervensystem
Neurodivers
neurodivergent und neurotypisch zusammen, also alle Menschen auf dieser Welt
Diagnose
offizielle Feststellung einer Störung oder Erkrankung durch medizinisches oder psychologisches Fachpersonal; basiert auf anerkannten Kriterien, kann aber einseitig oder veraltet sein
Selbstdiagnose
persönliche Einschätzung, dass man bestimmte Symptome oder Merkmale hat, ohne formelle Abklärung durch Fachkräfte
Weitere wichtige Begriffe
Hochsensibel/HSP
Menschen mit feiner und besonders intensiver Wahrnehmung von äußeren und inneren Reizen; keine offizielle Diagnose, kann aber Teil vieler neurodivergenter Ausprägungen sein
Maskieren/Masking
das unbewusste oder bewusste Unterdrücken von Verhaltensweisen, Impulsen oder Emotionen, um von anderen akzeptiert zu werden.
Fidgeting/Zappeln
unbewusste oder nervöse kleine Bewegungen, wie z. B. mit den Fingern spielen, mit dem Fuß wippen oder mit einem Stift klicken. Meist bei Langeweile oder unterdrücktem Bewegungsdrang.
Stimming
intensives selbststimulierendes und selbstregulierendes Verhalten, beispielsweise bestimmte wiederholende Handlungen (Stims) bei emotionaler Überforderung (exzessives Nägel kauen oder popeln, Haare drehen oder lutschen, Dinge ausgiebig in den Mund nehmen, Gegenstände verrücken, Schaukeln oder mit den Händen wedeln …)
Manche Stims können zu Zwangsstörungen werden – besonders schwierig, wenn es sich um den Körper handelt. Betroffene kratzen sich die Haut auf oder reißen nach und nach ihre Haare aus. Hier wäre wichtig, frühzeitig eine Ersatzhandlung anzubieten. Informiere dich frühzeitig über Stimtoys/Fidget-Toys und bei Bedarf therapeutische Möglichkeiten.
Hyperfokus
ein effizienter, aber auslaugender Zustand, in dem eine spannende Aufgabe die gesamte Konzentration fesselt, hyperfokussierte Menschen sind manchmal stundenlang nicht ansprechbar (wie ein Tunnel)
Meltdown
nervlicher Zusammenbruch wegen sensorischer oder emotionaler Überreizung (Overload). Äußert sich meist als Wutausbruch, eventuell gefolgt von Zumachen (Shutdown) und/oder Verstummen (Mutismus)
Spezialinteresse
Gebiet, Teilgebiet oder auch Person, mit der sich die Person dauerhaft besonders intensiv beschäftigt. Kann Stress reduzieren und alle Bereiche betreffen
RSD/ Rejection Sensitive Dysphoria
extreme emotionale Überempfindlichkeit gegenüber echter oder wahrgenommener Zurückweisung, Kritik oder Ablehnung. Kann zu starken Gefühlen von Scham, Traurigkeit oder Wut führen – oft überproportional zur Situation
Ableismus
sprachliche Abwertung oder Ungleichbehandlung von neurodivergenten Menschen und Menschen mit Behinderungen; die Person wird auf ihre Einschränkungen reduziert und nicht als Ganzes wahrgenommen
Die bekanntesten, aktuell möglichen (Einzel-)diagnosen
ADHS
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – bald veraltet
ADS
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ohne Hyperaktivität) – bald veraltet
AD(H)S fasst ADHS und ADS in einem Spektrum zusammen; die Hauptsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität können unterschiedlich stark ausgeprägt sein oder ganz fehlen
Autismus/ASS/Autismus-Spektrum-Störung
Entwicklungsbesonderheit, die soziale Interaktion, Kommunikation und Verhalten beeinflusst; Asperger und frühkindlicher Autismus galten als die beiden möglichen Ausprägungen und sind als Einzeldiagnosen bald veraltet. Jetzt geht man von einem Spektrum aus.
AuDHS
wenn Züge von AD(H)S und Autismus zusammen auftreten. Lange galt das als undenkbar, tatsächlich ist es recht häufig
Hochbegabung
breit gefächerte intellektuelle Begabung (z. B. IQ ab 130)
Inselbegabung
ist extrem spezialisiert und oft begleitet von Entwicklungsbesonderheiten
Dyskalkulie
Lerneinschränkung, bei der das Verständnis für Zahlen, Rechnen und mathematische Zusammenhänge deutlich beeinträchtigt ist, trotz normaler Intelligenz und Bildung
Dyslexie/LRS/Lese-Rechtschreib-Schwäche
Schwierigkeiten, Texte zu lesen und auch bekannte Wörter richtig zu schreiben. Kann auch einzeln auftreten
Dyspraxie
Einschränkungen bei Grob-/Feinmotorik oder bestimmten Handlungsabläufen. Betroffene können z. B. Schwierigkeiten haben, den Stift richtig zu führen, öfter hinfallen und/oder immer wieder vergessen, wie die Zähne richtig geputzt werden
Sensorische Verarbeitungsstörungen/SVS/SPD
Außenreize können nicht richtig verarbeitet werden, deshalb kommt es schneller zu Überreizung. Alle Sinne oder nur einzelne können betroffen sein
Pathological Demand Avoidance/PDA – Reflexartiges Ablehnen innerer und äußerer Anforderungen. Galt als eine Form von Autismus (PDA-Autismus), ist aber eventuell ein eigener Wesenszug, der z.B. auch bei ADHS auftreten kann
Kita, Schule, Unterstützung und Diagnostik
I-Kraft/Integrationskraft
unterstützende Person für Kinder mit Förderbedarf im Schul- oder Kita-Alltag
KJP/Kinder- und Jugendpsychiatrie
Fachbereich für psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Diagnosen können hier gestellt werden, sind jedoch des Öfteren nicht ganzheitlich
SPZ
Sozialpädiatrisches Zentrum; interdisziplinäre Anlaufstelle für Diagnostik und Therapie bei Entwicklungsauffälligkeiten. Ganzheitlicherer Ansatz
Förderbedarf
Individueller Unterstützungsbedarf in Lernen, Verhalten und/oder Entwicklung
Integration
Eingliederung von Kindern mit Förderbedarf in bestehende Regelgruppen mit gezielter Unterstützung.
Inklusion
Gemeinsames Lernen aller Kinder – unabhängig von Besonderheiten oder Förderbedarf. Abläufe und Räumlichkeiten sind so gestaltet, dass jedes Kind seinen Platz findet.
Nachteilsausgleich
Maßnahmen, die Benachteiligungen im Schulalltag ausgleichen, z. B. mehr Zeit bei Tests, Fokus auf mündlich oder weniger Text auf einem Arbeitsblatt.
Kriterienkataloge bei der Diagnostik
ICD-10
Internationale Klassifikation von Krankheiten, 10. Version – weltweit genutztes System zur Diagnose aller Krankheiten, inkl. psychischer Störungen (WHO, 1992).
ICD-11
Nachfolger der ICD-10 – modernisierte, digital ausgerichtete Klassifikation von Krankheiten mit aktualisierten psychischen Diagnosen (WHO, 2022). Einzeldiagnosen wie AD(H)S und ASS werden unter „Neuromentale Entwicklungsstörungen“ zusammengefasst; die Klassifikation wird Deutschland bisher nicht überall genutzt, weswegen auch aktuelle Diagnosestellungen veraltet sein können.
DSM-IV
Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, 4. Auflage – US-amerikanisches System zur Klassifikation psychischer Störungen (APA, 1994).
DSM-5
Aktuelle Version des DSM – überarbeitete Diagnostik psychischer Störungen mit dimensionalem Ansatz (APA, 2013). In der ICD-11 wurde versucht, sich anzugleichen.













