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Neurodivergenz, was ist das?

Hände halten leuchtende Kugel im Dunkeln
Neurodivergenz ist auch ein Geschenk. / Bild © matucha12, Adobe Stock

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Was wie ein Modebegriff scheint, ist in Wahrheit ein wertvolles Wort für ein riesengroßes Spektrum des menschlichen Nervensystems. Hier bekommst du Klarheit zum Begriff und zu allem, was damit zusammenhängt.

Diagnosen wie ADHS, Autismus oder Begriffe wie Hochsensibilität kennen die meisten Menschen. Sie alle fallen unter „Neurodivergenz“. Aber auch LRS, Dyskalkulie, Hoch- und Inselbegabung und/oder Dyspraxie und noch einiges mehr gehören dazu.

Warum wir alle Neurodivergenz (er)kennen sollten

Wenn wir verstehen, dass und warum ein Kind eventuell anders fühlt, reagiert und lernt, können wir als Eltern oder Betreuende:

  • das Verhalten besser einordnen
  • gezielter unterstützen
  • die Beziehung entlasten
  • Selbstwert und Selbstvertrauen unseres Kindes stärken
  • und uns eventuell selbst erkennen und annehmen lernen, denn 80 bis 90 Prozent der neurodivergenten Kinder haben ihre ND von einem oder beiden Eltern geerbt, auch wenn sie sich bei ihnen anders zeigen kann.

Definition von Neurodivergenz

Neurodivergenz beschreibt Menschen, deren Nervensystem anders arbeitet als bei neurotypischen Menschen – also anders als das, was in der Gesellschaft derzeit als „normal“ gilt.

Das betrifft z. B. die Art, wie sie:

  • Informationen verarbeiten
  • fühlen, Reize wahrnehmen und auf Reize reagieren (z. B. Geräusche, Licht, Berührungen)
  • lernen, sich konzentrieren oder mit anderen Menschen umgehen 

Neurodivergenz ist also keine „Diagnose“ oder Krankheit. Sie umfasst abweichende neurologische Profile wie bei ADHS, Autismus, Hochsensibilität und Hochbegabung und alle Mischformen daraus als Teil menschlicher Vielfalt (neurodivergent + neurotypisch = neurodivers). Und sie sagt nichts über die Intelligenz eines Menschen aus.

Dabei ist wichtig, dass Neurodivergenz sich ganz unterschiedlich zeigt. Dieser Satz trifft den Kern:

Kennst du einen neurodivergenten Menschen, kennst du genau EINEN neurodivergenten Menschen. 

UND:

Einer von fünf Menschen gilt als neurodivergent.

Neurodiversität oder Neurodivergenz?

Neurodiversität beschreibt die komplette menschliche Vielfalt des menschlichen Nervensystems – also uns alle, so unterschiedlich wir auch sind. Neurodivergenz fasst die unterschiedlichsten Abweichungen von einer vermeintlichen „Norm“ zusammen. Als neurotypisch gelten dann alle anderen.

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„Das ist doch alles eine Modeerscheinung!?“

Ja vielleicht, aber es ist ein längst überfälliger Trend, der hoffentlich nicht mehr abebbt. Denn durch veraltete Diagnose-Kriterien, Vorurteile und verkrustete Stereotype haben viele Menschen ihr ganzes Leben lang gelitten, ohne zu wissen, warum. Um nicht aufzufallen oder bestraft zu werden, haben sie Strategien entwickelt, die zwar funktionieren, jedoch langfristig der Gesundheit schaden. 

„Frage mich nicht, ob ich etwas kann, sondern was es mich kostet.“
Autor unbekannt

„Funktionierende“ neurodivergente Menschen unterdrücken Persönlichkeitsanteile, Gefühle sowie psychische und körperliche Reaktionen bewusst oder unbewusst. Viele wissen nicht mehr, wer sie unter der Maske wirklich sind. 

Mithilfe der sozialen Medien wie Instagram finden vor allem Erwachsene durch Mitbetroffene Antworten, und sie erkennen sich neu. Das kann zuerst schmerzhaft sein, führt dann jedoch zu mehr Akzeptanz der eigenen Person und anderer. 

Und das ändert vieles zum Guten. 

Wenn der innere Widerstand der Eltern gegenüber ihren eigenen, bisher ungeliebten Anteilen nachlässt, werden auch neurodivergente Kinder vermehrt erkannt und die Diagnosezahlen bei Kindern steigen. Vor allem überangepasste Kinder (oft Mädchen) fallen so weniger durchs Raster. 

Neurodivergente Menschen haben in unserer heutigen Gesellschaft voller strenger Regeln oft Unterstützungsbedarf und profitieren davon, in ihrer Individualität endlich gesehen und akzeptiert zu werden. So lernen sie, sich selbst wieder zu lieben.

„Muss denn alles gleich krankhaft sein?“

Stimmt, langfristig wäre es schön, wenn jeder ohne irgendwelche Bezeichnungen einen Platz in der Gesellschaft finden kann, der ihm/ihr gut tut und damit auch allen anderen. Dann dürften Kinder nur Kinder sein und Eltern so, wie sie sein wollen oder können.

Doch das ist noch ein langer Weg.

Das Gute: Der Begriff „Neurodivergenz“ spricht nicht – wie die offiziellen Kriterienkataloge – von Krankheit oder Störung, er „pathologisiert“ nicht. Im Gegenteil. Menschen mit neurologischen Abweichungen wohlwollend als neurodivergent zu bezeichnen, möchte verbinden, statt abzustempeln. 

Dabei spielt es keine Rolle, ob eine oder mehrere Diagnosen vorliegen oder ob sich jemand selbst diagnostiziert hat (oder nur merkt, dass er oder sie anders tickt). 

Es geht darum, die Wahrnehmung zu verschieben.

Denn solange neurodivergente Menschen als Randgruppe wahrgenommen werden, wird unser System (z. B. Schule) starr bleiben. Wenn wir jedoch erkennen, dass einer von fünf Menschen neurologisch von der „Norm“ abweicht, bekommt das Thema eine ganz andere Priorität. 

Angenehmer Nebeneffekt: Betroffene nehmen sich nicht mehr als Außenseiter wahr, sondern fühlen sich als Teil einer starken Gruppe, die so vielfältig und bunt ist wie eine saftige Sommerwiese, ein tropisches Korallenriff oder die Sterne am Himmel. 

Zweiter Nebeneffekt: Medizinische Diagnosen wie ADHS beschreiben oft nur einen Teil der Besonderheiten und vernachlässigen die Stärken. Neurodivergenz umfasst jedoch den ganzen individuellen Mix – im ADHS-Fall neben den typischen Kriterien wie Konzentrationsschwäche eventuell auch autistische Züge, Reizoffenheit, Schwierigkeiten in bestimmten Schulfächern oder motorische Auffälligkeiten und auch allem Guten, das damit einhergeht. Bei einem All-you-can-eat-Buffet hat auch niemand das Gleiche auf dem Teller.

„Neurodiversität beschreibt die Bandbereite natürlicher Vielfalt in der menschlichen Gehirnentwicklung. Das Neurodivergenz-Konzept fokussiert nicht nur Defizite von Verhaltensauffälligkeiten, es betont auch Stärken.“

Psychiater und Neurologe Dr. med. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein

Neurodivergenz ist also ein riesengroßes Spektrum mit vielen möglichen Eigenschaften und die Grenzen sind immer fließend.

„Braucht es dann keine Diagnosen mehr?“

Das wäre schön, ist aber aktuell nicht empfehlenswert. Denn eine Diagnose macht Unterstützungsmöglichkeiten zugänglich, die ohne Diagnose privat bezahlt werden müssten oder sogar unmöglich wären.

Mögliche verschreibungspflichtige Medikamente fallen darunter, aber auch Schulbegleitung, bestimmte Therapieangebote und eventuelle steuerliche Vergünstigungen sowie finanzielle Hilfen (je nach Schweregrad). Nicht zuletzt, werden unauffällige Kinder von manchen Fachkräften erst „gesehen“, wenn die Eltern mit einem Dokument wedeln können. 

Nicht jedes Kind und nicht jeder erwachsene Mensch braucht eine Diagnose. Aber sie kann im Einzelfall enorm hilfreich sein.  

Wusstest du, dass z. B. impulsive Kinder (beispielsweise bei ADHS, aber auch Autismus) im Alltag deutlich häufiger zurechtgewiesen und bestraft werden als neurotypische Kinder? Das macht etwas mit dem Selbstwertgefühl. 

Manche Betroffene empfinden es als befreiend, endlich eine offizielle Erklärung für das zu haben, was sie schon lange fühlen. So darf die „Schuld“ endlich gehen. Und Eltern spüren Entlastung, weil sie eben nichts falsch gemacht haben.

Eine Diagnose kann also auch dabei helfen, mit sich selbst Frieden zu schließen oder gar nicht erst in Selbsthass oder Selbstverleugnung abzurutschen. 

Und auch das Wort „Neurodivergenz“ hat diesen Effekt.

Unser System muss sich ändern

Langsam kommt, auch dank sozialer Medien, etwas in Schwung. Und vieles hat sich im Umgang mit neurodivergenten Menschen – ganz unabhängig vom Begriff – in den letzten Jahren und Jahrzehnten vielerorts schon verbessert.

Dennoch gibt es noch ordentlich Luft nach oben. Das deutsche Regelschulsystem ist – bis auf wenige großartige Ausnahmen – für die meisten neurodivergenten Kinder noch immer eine enorme Herausforderung, an der nicht wenige scheitern. Auch wenn sich einige fortschrittliche Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte sehr bemühen, können sie allein nur wenig bewirken. Und es kostet sehr viel Kraft, gegen den Strom zu schwimmen. In vielen Köpfen herrscht noch immer Stillstand. Manche sind überfordert, andere mussten sich selbst so anpassen, dass sie sich verloren haben.

Die wissenschaftliche Seite darf ebenfalls viel aufholen. Sie bildet die Grundlage für die meisten Entscheidungen. Jährlich kommen neue Erkenntnisse zu den einzelnen Ausprägungen dazu. So wird beispielsweise bei ADHS und Autismus ein Zusammenhang mit dem Mikrobiom des Darms immer wahrscheinlicher. Ob die veränderte Darmflora und der abweichende Stoffwechsel Gründe oder Folgen von Neurodivergenz sind (oder beides), muss noch erforscht werden. Henne oder Ei, was zuerst da war, ist nicht immer leicht zu beantworten.

Forschung und Reformen brauchen Zeit und vor allem Geld, am besten aus unabhängigen Quellen. 

Unsere Vision ist die Erkenntnis, dass alle Menschen in ihrer Individualität gleich wertvoll sind und das Recht haben, sie selbst sein zu dürfen.

Umso wichtiger ist es, dass die Themen in der Öffentlichkeit präsenter werden. Dann wird auch die Politik mehr ermöglichen.

Buchempfehlung – zum Lesen oder Hören

Das Buch „Ein Kopf voll Gold“ von Saskia Niechzial* ist ein Meilenstein, wenn es um neurodivergente Kinder (und Eltern) geht. Sie verbindet darin alle Welten: Denn die selbst spät diagnostizierte Mutter zweier ebenfalls neurodivergenter Kinder ist zudem Grundschullehrerin. Ihr Buch beschreibt eingängig und detailliert, woran Eltern und Fachkräfte die wichtigsten neurodivergenten Ausprägungen erkennen und noch wichtiger: wie sie auch neurodivergenten und damit allen Kindern eine freudvolle Kindheit und Schulzeit schenken können.

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Quellen

Veröffentlicht von Anke Modeß

Anke ist Berlinerin und Mutter eines Schulkindes. Als langjährige babelli-Redakteurin, Journalistin und Coachin für Kinder, Jugendliche und Eltern liegen ihr Elternthemen besonders am Herzen.