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Paartherapie für Eltern: Bringt das was?

Elternpaar sitzt bei der Therapeutin und hat die Arme verschränkt
Viele Konflikte lassen sich mit Unterstützung von außen lösen. / Bild © Nomad_Soul, Adobe Stock

Elternsein ist eine der schönsten, aber auch herausforderndsten Aufgaben im Leben. Zwischen Schlafmangel, Care Arbeit, Mental Load und dem ganz normalen Alltagschaos bleibt die Paarbeziehung oft auf der Strecke. Das ist der Punkt, an dem viele Elternpaare heimlich oder offen über Trennung nachdenken. Ist Paartherapie die Rettung? 

Ja, durchaus!

„Ob ich alleine oder mit jemand anderem glücklicher wäre?“ Dass Paare gelegentlich über Trennung nachdenken, ist eher die Regel als die Ausnahme. Und Reibung gehört zu tiefen, menschlichen Beziehungen dazu, sofern die Reibung respektvoll bleibt. Oft verfliegt die Trennungsfrage schon, sobald man sich nach einem Streit wieder zusammengerauft hat. 

Nicht so mit Kindern. Denn vermeintlich kleine Probleme aus der Vor-Kind-Zeit werden jetzt akut, weil erfolgreiche Teamarbeit nötig ist, um den Alltag zu wuppen. Die Trigger häufen sich, bis einer oder beide genug davon haben. Nicht ohne Grund trennen sich auffallend viele Eltern, sobald das erste Kind etwa drei bis vier Jahre alt ist. Denn erst dann zeigt sich deutlich, dass die fühlbare Distanz eben nicht nur am Schlafmangel der Babyjahre lag.

Warum erleben Eltern häufig ernste Beziehungskrisen?

Eltern in der Krise – statistisch betrifft es jedes dritte Paar im Umfeld. Klar. Denn Kinder zu bekommen und Verantwortung übernehmen zu müssen, verändert vieles:

  • Schlafmangel, Stress und Zeitmangel belasten die Beziehung
  • Zärtlichkeit und Intimität kommen oft viel zu kurz
  • Die Liebe verändert sich grundlegend und das macht Angst
  • Verinnerlichte Rollenbilder und Erwartungen prallen aufeinander
  • Verhaltensweisen und Einstellungen zeigen sich, von denen man vor der ganzen „Care Arbeit“ nichts ahnte
  • Das Umfeld in dem die Familie lebt, mitsamt der dort vorgegebenen Rollenvorbilder und gesamtgesellschaftlichen Systeme spielt ebenfalls eine Rolle

Diese Veränderungen führen nicht selten dazu, dass sich Paare voneinander entfernen – manchmal unwiderruflich, wenn sie nicht gemeinsam an ihren Aufgaben wachsen und in dieselbe Richtung streben. 

Wegen der Kinder zusammenbleiben, ohne etwas zu ändern? Eine riskante Strategie. Wie wäre es stattdessen damit: 

Eine Paartherapie, ein Eltern-Coaching oder auch eine Beratung können eine Trennung verhindern, bevor es zu spät ist! Und: Mehr Leichtigkeit im Alltag täte allen gut, oder?

„Wir brauchen Hilfe“ zu sagen, ist kein Zeichen von Scheitern, wie so vielen von uns eingeredet wurde, sondern von Mut und Verantwortungsbewusstsein. Eine Garantie gibt es nicht, aber einen Versuch ist es immer wert. 

Therapie, Coaching, Beratung: Wo ist der Unterschied?

Auch wenn sich Angebote oft überschneiden oder miteinander kombiniert werden, gibt es doch grundlegende Unterschiede in der Herangehensweise:

  • Beratung gibt euch eine Landkarte mit allen wichtigen Orientierungspunkten und möglichen Wegen und weiteren Hilfe- und Kontaktstellen. 
  • Therapie hilft euch, wieder fit zu werden, wenn ihr auf dem Weg verletzt wurdet und bietet Auswege. Außerdem zeigt sie euch Wege, wie ihr die Perspektive des Anderen verstehen lernt. 
  • Coaching lässt euch klarer sehen, was ihr wollt, und geht mit euch den Weg zu eurem Ziel. 

In diesem Artikel geht es vorwiegend um Paartherapie.

Was passiert in einer Paartherapie?

Eine Paartherapie ist ein geschützter Raum, in dem beide Partner ihre Sichtweisen, Gefühle und Bedürfnisse äußern können – begleitet von einem neutralen Dritten, meist einer Psychologin oder einem systemischen Therapeuten. So werden Gespräche möglich, die ihr vorher nie führen konntet oder wolltet – oder, die ihr ohne Begleitung nicht auflösen könnt.

Einzelsitzungen und Paarsitzungen können kombiniert werden. Wenn sich ein Partner verweigert, kannst du notfalls auch allein eine Paartherapie durchlaufen. Dieser Fall ist gar nicht so selten (weiter unten mehr).

Welche Themen eignen sich für eine Paartherapie?

  • Kommunikationsprobleme, die immer wieder zu Missverständnissen oder Trotzreaktionen führen
  • Belastende Streits über die angemessene Begleitung des Kindes (sehr häufig) oder andere wichtige Themen wie beispielsweise Einmischung der Großeltern
  • Verletzungen und Enttäuschungen der letzten Jahre und/oder der eigenen Kindheit
  • Umgang mit Stress und Überlastung
  • Rückgewinnung von Nähe und Vertrauen

Ziel ist es nicht, „Schuldige“ zu finden, sondern ein neues Verständnis füreinander zu entwickeln – und konkrete, konstruktivere Wege für den Alltag zu entdecken.

Welche Vorteile hat eine Paartherapie für Eltern?

  • Bessere Kommunikation:
    Ihr lernt, offen und konstruktiv zu sprechen – auch bei Meinungsverschiedenheiten.
  • Mehr Verständnis:
    Bedürfnisse und Belastungen beider Partner werden sichtbar.
  • Stärkere Bindung:
    Eure Konflikte werden entschärft, so fühlt ihr euch wieder näher.
  • Stärkung des “Wir-Gefühls”:
    Sich im Miteinander sehen und den Weg zusammen gehen, statt “verklebt” oder emotional abhängig zu sein.
  • Positive Wirkung auf die Kinder:
    Eine stabile und wertschätzende Elternbeziehung hilft Kindern, sich sicher und geborgen zu fühlen. Ängste oder emotionale Ausbrüche, die mit dem Stress zuhause zu tun haben, lassen so automatisch nach.
  • Vorbeugung statt Trennung:
    Viele Krisen sind lösbar, wenn frühzeitig Hilfe angenommen wird.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Paartherapie?

Viele Paare würden von einer Therapie profitieren, bevor sie Kinder bekommen. Denn ihr müsst nicht emotional völlig erschöpft sein oder gar am Rande der Trennung stehen, um nach Hilfe von außen zu suchen. Frühzeitig zu handeln, kann richtig viel bewirken. 

Aber auch als Eltern in emotionaler Not könnt ihr eine Paartherapie erwägen, wenn

  • Gespräche immer wieder im Streit enden.
  • sich einer oder beide Partner emotional zurückgezogen haben.
  • ihr kein Team mehr seid oder sogar gegeneinander arbeitet.
  • die Beziehung noch „funktioniert“, aber nicht mehr lebendig ist. 
  • ihr als Eltern nur noch über die Kinder kommuniziert, aber nicht mehr über euch und die Beziehung.
  • eure Kinder euch spiegeln, wie sehr sie eure angeknackste Beziehung belastet.
  • die Großeltern oder andere Herzensmenschen sich in eure Paar- oder Familienthemen einmischen oder hier noch keine oder nur eine dürftige Ablösung eines Elternteils (deines Partners) aus der eigenen Urfamilie stattgefunden hat.

Was bringt eine Paartherapie allein?

Manchmal ist nur ein Elternteil bereit, für die Beziehung zu kämpfen und/oder an sich selbst zu arbeiten. Denn die innere Arbeit, die für Heilung nötig ist, kann durchaus zu Beginn schmerzhaft, verwirrend und anstrengend sein. Nicht jeder traut sich das zu und manchmal reagieren unsere inneren Abwehrsysteme sofort. Manchmal fehlt auch schlicht die Zeit.

Deshalb geht gar nicht selten (erst einmal) nur einer der Partner zur Paartherapie. Auch das kann sinnvoll und hilfreich sein. 

Denn:

… du lernst dich selbst und dein Verhalten zu reflektieren:
Du bekommst Klarheit über deine Muster, Bedürfnisse, Erwartungen und Grenzen in der Beziehung.

… du erkennst: „Veränderung beginnt bei dir“:
Beziehungen sind dynamisch. Wenn du dein Verhalten oder deine Kommunikation änderst, kann das auch spürbare Auswirkungen auf deinen Partner oder deine Partnerin haben.

… du lernst, wertschätzend zu kommunizieren:
Du kannst gezielt an deiner Art zu streiten, zuzuhören oder deine Gefühle auszudrücken arbeiten. Ganz unabhängig davon, ob deine Partnerin oder dein Partner mitmacht.

… du gewinnst Klarheit über eure Beziehung:
Manchmal nutzt ein Partner die Einzeltherapie, um herauszufinden, ob die Beziehung überhaupt noch zu retten ist und was die Voraussetzungen dafür wären.

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Oft ist es so, dass der andere Partner später doch mitmacht, wenn er oder sie den Veränderungswillen und positive Veränderungen spürt.

Wenn Paartherapie zur Bühne wird: Vorsicht bei toxischen Dynamiken

So hilfreich Paartherapie in vielen Beziehungen sein kann: Es gibt klare Grenzen! In toxischen Beziehungen, in denen emotionale Manipulation, Kontrolle oder gar psychische Gewalt eine Rolle spielen, kann eine gemeinsame Therapie mehr schaden als helfen. Denn statt auf Augenhöhe an einer Lösung zu arbeiten, nutzt der toxische Part (Stichwort: offener oder verdeckter Narzissmus) das therapeutische Setting womöglich, um sich zu inszenieren, Schuld umzulenken oder das Gegenüber weiter zu verunsichern. Jede neue Information kann dann zum „Futter“ werden – ein neuer Hebel für Machtspiele außerhalb der Sitzungen.

Deshalb ist in solchen Fällen besondere Vorsicht geboten. Einzeltherapie bietet hier einen geschützten Raum, in dem Betroffene ohne Einfluss von außen klarer sehen, Grenzen setzen und wieder in die eigene Kraft kommen können. Auch Fachkräfte sprechen in diesen Konstellationen oft bewusst keine Empfehlung für eine gemeinsame Therapie aus – weil echter Schutz und Veränderung manchmal erst im Alleingang möglich sind.

Wie finden Eltern eine passende Paartherapie?

Anlaufstellen für eine klassische Paartherapie sind psychologische oder therapeutische Praxen, online und vor Ort. 

Auch Coaching-Angebote gibt es online zuhauf. Wichtig hier: Coach darf sich theoretisch jeder nennen, der Begriff ist nicht geschützt. Trotzdem ist auch diese Form der Begleitung durchaus vielversprechend. Hier kann es auch helfen, Bewertungen des Coaches im Internet zu prüfen.

Familienberatung wird von Familienberatungsstellen und kirchlichen Einrichtungen wie der Caritas angeboten. Beraterinnen und Berater können ganz unterschiedliche Ausbildungen haben. Meist kommen sie jedoch aus dem psychologischen, sozialen und/oder pädagogischen Bereich. 

Manche Anbieter verbinden je nach Werdegang alle drei Hilfsangebote miteinander.

Egal, was ihr wählt: Die „Chemie“ zwischen Therapeutin, Coach oder Berater und euch sollte stimmen. Ein Erstgespräch hilft dabei, das zu erkennen. Falls nicht: weitergucken!

Was bedeutet das finanziell?

Beratungen für Eltern werden vielfach kostenlos angeboten. Therapien sind meist privat zu zahlen, können aber bei psychischen Erkrankungen von den Kassen übernommen oder unter bestimmten Bedingungen steuerlich geltend gemacht werden* und Coaching ist so gut wie immer eine Selbstzahlerleistung. 

*Nur Therapien durch eine psychotherapeutische Fachkraft und mit medizinischer Notwendigkeit sind steuerlich als „außergewöhnliche Belastung“ absetzbar.

Wenn dich die Kosten abschrecken, stelle dir ruhig einmal die Frage, was eine Trennung bedeuten könnte. Auch wenn eine Therapie nicht garantieren kann, dass ihr zusammenbleibt, ist der Nutzen für dich selbst, für euch als Paar (auch in Trennung) und für die Kinder doch oft deutlich größer als der finanzielle Aufwand.

Fazit

Eine gemeinsame Therapie kann euch als Eltern helfen, wieder zueinanderzufinden – nicht nur als Mutter und Vater, sondern als Paar. Wer rechtzeitig hinschaut und aktiv wird, kann nicht nur die Beziehung stärken, sondern auch das Familienklima insgesamt verbessern. 

Denn Veränderung beginnt IMMER bei jedem selbst!

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Quellen

Veröffentlicht von Anke Modeß

Anke ist Berlinerin und Mutter eines Schulkindes. Als langjährige babelli-Redakteurin, Journalistin und Coachin für Kinder, Jugendliche und Eltern liegen ihr Elternthemen besonders am Herzen.