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Parentifizierung: Wenn Kinder zu früh Verantwortung übernehmen müssen

Kleinkind sitzt traurig und nachdenklich in der Mitte des Raumes, umgeben von Spielzeug.
Dein Kleinkind ist „pflegeleicht“? Warum du hier genauer hinschauen solltest … / Bild © Krakenimages.com, Adobe Stock.

Hast du schon mal von “Parentifizierung” gehört? Falls du selbst betroffen bist, dein Baby oder Kleinkind davor schützen möchtest oder dich das Thema einfach so interessiert, bist du hier genau richtig!

Das Wichtigste in Kürze

  • Parentifizierung ist eine subtile Rollenumkehr in der Familie, die meist durch die Erziehung und dem psychischen Zustand der Eltern entsteht.
  • Betroffene Kinder übernehmen (für Eltern wie auch das Kind unbewusst) zu früh (emotionale) Verantwortung für Dinge, die nicht in ihrer Verantwortung liegen.
  • Mögliche Folgen: Verlust des Zugangs zu eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen sowie Gefahr für psychische Belastungen und Erkrankungen im Teenie-, Jugend- und Erwachsenenalter.
  • Frühe Warnsignale sind ein auffällig überangepasstes Verhalten, regelmäßiges “Einfrieren”, das Zurückstellen eigener Bedürfnisse, kaum Trotz, frühe Selbstständigkeit und ständige Rücksicht auf Gefühle im sozialen Umfeld.
  • Für Eltern ist es meist nicht auf den ersten Blick klar, dass sie ihr Kind parentifizieren. Häufig wird diese Erziehung über Generationen unhinterfragt weitergegeben.
  • Sie kann ein Zeichen von emotionaler Überforderung und fehlender Regulationsfähigkeit der Eltern sein, (unbewussten) Traumata, (unbewussten) psychischen Erkrankungen oder etwa einem fehlenden sozialen Umfeld der Eltern.
  • Sprich: Parentifizierung betrifft und belastet langfristig das Kind, geht aber von den Eltern aus.
  • Lösung: eigene Muster erkennen, Hilfe suchen und Familien-Kreisläufe bewusst durchbrechen, für ein freies und altersgerechtes Aufwachsen.

Achtung: Bevor du diesen Artikel liest!

Nicht immer sind die Merkmale oder unten genannten Sätze der Eltern am Ende auch eine Parentifizierung. Sie können, aber müssen nicht darauf hinweisen.

Um eine Parentifizierung feststellen zu können, muss das gesamte System des Kindes und der Familie immer ganzheitlich und unter Berücksichtigung aller Systemfaktoren betrachtet werden. Eine solche Diagnose wird ausschließlich nach ausgiebiger Untersuchung, Beratung und Begleitung in therapeutischen Praxen gestellt. 

Wir klären dich in diesem Artikel lediglich kurz und knapp darüber auf, ersetzen aber keine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema oder eine ärztliche wie psychotherapeutische Beratung und Begleitung. 

Themen wie Parentifizierung sind Teil einer Familien- oder Individualtherapie und gehören daher immer in fachkundige, erfahrene Hände. Solltest du nach dem Artikel das Gefühl haben, betroffen zu sein, findest du weiter unten Hilfe- und Anlaufstellen. 

Was bedeutet Parentifizierung?

Parentifizierung heißt, dass ein Kind (meist unbewusst) eine Verantwortung trägt, die es nicht übernehmen sollte. Sprich, es wird (unbewusst und absichtslos) in eine elterliche Rolle gedrängt. 

Wie zeigt sich Parentifizierung beim Kleinkind?

Das kann sich zum Beispiel darin zeigen, dass das Kleinkind sehr überangepasst ist, “pflegeleicht” und kaum für die Autonomiephase typisches, rebellisches oder bedürfnisorientiertes Verhalten zeigt.

Die Folgen von Parentifizierung zeigen sich in der Regel allerdings erst so richtig deutlich im weiteren Entwicklungsverlauf des Kindes. Manchmal sogar erst im Erwachsenenalter.

Mit diesem Artikel möchten wir absolut kein „Eltern-Bashing“ betreiben. Uns ist lediglich wichtig, dass du mögliche Anzeichen von Parentifizierung in der Erziehung mit deinem Kind erkennst, um sie rechtzeitig umlenken zu können. 

Und auch, um für dich selbst Heilung zu erfahren. Denn …

Bist auch du betroffen?

Nicht selten wird Parentifizierung über Generationen hinweg unhinterfragt weitergegeben. Wenn du erste Anzeichen von Parentifizierung bei deinem Kleinkind bemerkst, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch du in deiner eigenen Kindheit Parentifizierung erlebt hast. Wir gehen weiter unten noch darauf ein, was dann für dich wichtig ist.

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Mögliche Hintergründe: Wie kommt es überhaupt dazu?

  • Wenn Eltern keine Tools der Selbstregulation haben und von ihren eigenen Gefühlen eher überfordert sind, diese wegschieben oder “Schuldige” im Außen suchen. 
  • Psychische Erkrankung eines oder beider Elternteile
  • Suchterkrankungen einer oder beider Elternteile
  • Alleinerziehende ohne soziales Netz
  • Traumatisierte Eltern oder Traumatisierungserfahrungen über mehrere Generationen, die unhinterfragt weitergegeben wurden an die Folgegeneration

Mögliche Anzeichen von Parentifizierung

  • Das Kind protestiert kaum. Auch nicht in der Autonomiephase.
  • Das Kind beobachtet ständig die Erwachsenen, so als würde es “aufpassen”. Generell wirkt dein Kind fast unterwürfig vor Erwachsenen. Vor Bezugspersonen wie vor Fremden.
  • Das Trockenwerden geschieht auffallend früh und problemlos (nicht selten nässt oder kotet das Kind später nachts wieder ein). Möglicherweise wurde die schnelle Sauberkeitserziehung (unbewusst) durch sprachlichen Druck der Eltern beschleunigt. 
  • Dein Kleinkind sagt jüngeren Geschwistern, was “gut” und was “nicht gut” ist und agiert teilweise als “dritter” Elternteil (Abschauen von Erziehung der Eltern; starkes, inneres Regelwerk von “richtig” und “falsch” übernommen;).
  • Das kann sich auch in der Kita oder Schule zeigen, wenn dein Kind auf jüngere Kinder trifft.
  • Die Kita berichtet, dass das Kind traurig, unsicher und erschöpft wirkt. Oder aber, dass es viel Bestätigung der Fachkräfte braucht. Es benötigt in der Kita möglicherweise vermehrt “Anleitung”, gerade auch beim freien Spiel.
  • Das Kind sucht übermäßig viel Nähe zu erwachsenen Bezugspersonen. 
  • Möglicherweise hat es auch Probleme mit Langeweile, Nichts-Tun oder Pausen. Vielleicht ist auch der Schlaf beängstigend für dein Kind.
  • Dein Kind hat möglicherweise unbewusst übernommen, dass sein Selbstwert von Leistung abhängt. Mehr Leistung/Gehorchen = mehr Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern. Das erklärt auch ein wachsendes Abhängigkeitsverhältnis von Lob oder Bestätigung. 
  • Du erwartest vom Kleinkind, dass es „Bitte“ und „Danke“ sagt, den Wert von Geldscheinen erkennt und wiedergibt, früh zählen oder buchstabieren kann oder generell einfach „weiter“ ist als Gleichaltrige. Du legst viel Wert auf Förderung in eurem Familienalltag.
  • Du erwartest von deinem älteren Kind, dass es jüngere Geschwister oder Besuchskinder ganz selbstverständlich mitbetreut.

Wenn du gelernt hast, dass man schon früh funktionieren und seine Gefühle unterdrücken muss, kann es passieren, dass du dieselben Muster an dein Kind weitergibst oder das bereits unbewusst und unabsichtlich getan hast.

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Erste Anzeichen von parentifizierten Kindern: Sätze der Eltern

  • „Du bist aber reif/weit für dein Alter.“ (Auch von Bekannten und Fremden)
  • „Um dich muss man sich nie Sorgen machen.“
  • „Du bist so pflegeleicht.“
  • “Brav bist du. Sehr sehr brav.”
  • “Du kannst mehr als andere Kinder.”
  • “Du bist ein Anfängerkind. Du hast schon als Baby nie geschrien.”

Typische Erfahrungen betroffener Kinder: Oft gibt es in solchen Familien ein „Sorgenkind“ und ein „funktionierendes Kind“. Letzteres erfüllt die Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft und verliert dabei den Zugang zu den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen und zur Intuition.

Dieses ständige Funktionieren kann im Erwachsenenalter zu Depressionen, Suchterkrankungen oder anderen psychischen und körperlichen Belastungen führen.

Erkennst du dich hier wieder?

Vielleicht siehst du bestimmte oben genannte Merkmale oder Sätze als Zeichen guter Erziehung.

Langfristig kann es jedoch dazu führen, dass dein Kind zu früh zu viel Verantwortung übernimmt und Aufgaben schultern muss, die nicht seinem Alter entsprechen. Es hat möglicherweise nie gelernt, frei und ein Kind sein zu dürfen. Oder, dass es eine eigene Meinung, Bedürfnis oder ein individuelles Gefühl haben und äußern kann. Und später zeigt sich genau diese Lücke möglicherweise durch psychische Erkrankungen oder Belastungen aller Art.

Die Erkenntnis, dass Parentifizierung stattfindet, ist der erste Schritt zur Veränderung. Wenn du Anzeichen bemerkst, solltest du nicht nur Hilfe für dein Kind, sondern auch für dich selbst suchen. Denn oft liegen die Ursachen in der eigenen Kindheit.

Durchbrich den Kreislauf von Generationen!

Ist dem so, ist es wichtig, das wahrzunehmen, Gefühle zuzulassen, aber sich auch nicht in Selbstmitleid zu verlieren, sondern Selbstverantwortung zu übernehmen. Sprich: Eigene Muster zu erkennen und für das eigene seelische Wohl zu sorgen. Und du als Erwachsener hast die Verantwortung, genau das herzustellen. Für dich und dein Kind.

Deine Eltern und Großeltern konnten das möglicherweise nicht erkennen. Du bist da einen Schritt weiter.

Kostenlose Hilfen und Anlaufstellen

Es gibt viele kostenlose Angebote, bei denen du dich über Parentifizierung informieren und Unterstützung für dich und dein Kind bekommen kannst. Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche, auch wenn du vielleicht etwas anderes gelernt hast:

Allein die Tatsache, dass du diesen Artikel liest, zeigt, dass du den Willen zur Veränderung mitbringst. Für dich und dein Kind.

Was du jetzt tun solltest, um dich und dein Kind zu entlasten!

Das Kind entlasten: Ab zur Kinderarztpraxis!

Wenn du das Ganze abklären lassen und Muster erkennen und durchbrechen möchtest, empfehlen wir dir den Gang zur Kinderarztpraxis. Wenn tatsächlich Parentifizierung oder eine andere psychische Ursache hinter dem Verhalten steckt, kann dich die Kinderarztpraxis gut beraten sowie an Fachstellen der Kinder- und Jugendpsychotherapie weiter verweisen.

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Und nun zu dir …

Selbstbegegnung: Wo sind deine seelischen Wunden?

Es ist nicht einfach, sich die eigene Prägung nochmal bewusst zu machen. Vor allem, wenn du gelernt hast, die eigenen Eltern nicht infrage zu stellen.

Die inneren Überzeugungen als erwachsener Mensch noch einmal zu prüfen und das Erlebte zu reflektieren, braucht Mut und Zeit. Es ist kein Prozess, der von heute auf morgen geschieht. Er erfordert viel Kraft, Vertrauen und ein eigenes Tempo.

Sei dir sicher: Du musst da nicht alleine durch. Du darfst dir immer Unterstützung holen. Das ist ein Zeichen großer Charakterstärke und Weisheit. Alles, was du für dich heilst, muss dein Kind später nicht “austragen” oder “für dich” heilen.

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Fazit

Parentifizierung ist komplex und gerade im frühen Kindesalter oft schwer zu erkennen. Je früher man sie jedoch bemerkt, desto größer ist die Chance, den Kreislauf zu unterbrechen. 

Kinder brauchen für eine gesunde, nachhaltige Entwicklung viel Raum für Spiel, Freude, Kreativität und Ausprobieren. Ohne, dass ihr Wert an Leistung oder einem “Funktionieren müssen” geknüpft ist. Nur so können sie zu emotional bewussten und selbstbestimmten Erwachsenen heranwachsen. 

Lass dein Kind wieder Kind sein. Und versöhne du dich mit deinem eigenen inneren Kind, indem du Muster erkennst, dir Hilfe holst und den Kreislauf ein für alle Mal durchbrichst. Das ist das größte Geschenk, was du dir, deinem Kind und Folgegenerationen machen kannst.

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Quellen

  • Bürgin, Dieter (1993). Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag.
  • Caby, Filip und Andrea (2011). Die kleine psychotherapeutische Schatzkiste. Tipps und Tricks für kleine und große Probleme vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter. (2. Auflage). Dortmund: Borgmann Media.
  • Dilling, Horst, Freyberger, Harald J. (2016): ICD-10. Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. (8. Auflage). Hogrefe Verlagsgruppe.
  • Franke, U. (2021). Wenn ich die Augen schließe, kann ich dich sehen: Familien-Stellen in der Einzeltherapie und -beratung. Ein Handbuch für die Praxis (7. Aufl.). Carl-Auer Verlag.
  • Greving, Prof. Dr. Heinrich, Ondracek, Prof. Dr. Petr (2010): Handbuch Heilpädagogik. (2. Auflage) Troisdorf: Bildungsverlag EINS GmbH.
  • Lück, Sabine (2023). Vererbtes Schicksal. Wie wir belastende Familienmuster überwinden und unser wahres Potenzial befreien. München: Kailash Verlag.
  • Perls, Frederick S., Hefferline, Ralph F., Goodman, Paul (2015). Gestalttherapie. Grundlagen der Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung. (9. Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.
  • Siegel, Elaine V. (1997): Tanztherapie. Seelische und körperliche Entwicklung im Spiegel der Bewegung. Ein psychoanalytisches Konzept. (4. Auflage) Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.
Veröffentlicht von Leonie Illerhues

Leonie war nach ihrem Studium der Heilpädagogik lange im Schulhort-, Kita- und Krippenbereich tätig. Erziehungs- und Entwicklungsthemen im Baby- und Kleinkindalter sind deshalb ihr Steckenpferd. Seit 2022 ergänzt Leonie unser Team mit diesem Schwerpunkt.