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Sexualberaterin: „Unlust in der Babyzeit ist völlig normal“

Elternpaar redet über die Gründe für die fehlende sexuelle Lust nach der Geburt
Verständnis ist der Schlüssel. / Bild © La Famiglia, Adobe Stock

Die Geburt eines Kindes ist ein tiefgreifendes Ereignis. Körperlich, hormonell und emotional ändert sich vor allem für Frauen viel. Zudem sind die ersten Wochen, Monate (und manchmal auch Jahre) geprägt von Erschöpfung, Unsicherheit und veränderten Bedürfnissen. Auch die Sexualität ist nicht mehr wie vorher, das beweist unsere jüngste Umfrage unter Müttern mit Baby. Wir durften mit einer Hebamme und Sexualberaterin darüber reden.

Unsere Umfrage vom Mai 2025 unter Müttern mit Baby zeigt: 75 Prozent der Frauen haben Monate bis Jahre nach der Geburt keine Lust auf Sex. 

Auch dieser anonyme Erfahrungsbericht einer Umfrage-Teilnehmerin bestätigt das:

Erfahrungsbericht

„Unser Baby wird demnächst 10 Monate alt, doch seit der Entbindung hatte ich bisher so gut wie nie von selbst körperlich Lust. Wenn mich mein Mann streichelt, genieße ich schon die Intimität. Und wenn wir dann miteinander schlafen, ist es nicht unangenehm oder schmerzhaft, nur feucht werde ich nicht ausreichend und einen Orgasmus bekomme ich auch nicht. Ich denke, die Hauptprobleme sind zum einen, dass ich mich nicht so richtig fallenlassen kann wegen der ständigen Bereitschaft, zur Stelle zu sein, wenn das Baby aufwacht. Und ich nehme mich körperlich überwiegend als Milchfabrik wahr, ich mag es seitdem gar nicht mehr, an der Brust angefasst zu werden. Die Hormone spielen sicher auch eine Rolle: als Mama erfülle ich gerade meinen Zweck, einen Eisprung hatte ich nämlich seitdem keinen. Wir haben aber trotzdem halbwegs regelmäßig Sex, da ich wie gesagt die Nähe und Intimität genieße.“

Umfrage-Teilnehmerin, die anonym bleiben möchte

Mehr Erfahrungsberichte findest du hier.

Hebamme und Sexualberaterin Julia Ronnenberg erklärt uns im babelli Podcast, warum das so ist und sagt: „Unlust in der Babyzeit ist völlig normal – und in der Regel kein Grund zur Sorge.“

Wir danken der Einsenderin für ihre Offenheit und haben die wichtigsten Erkenntnisse aus der Podcast-Folge mit Julia für euch zusammengefasst:

Häufige Gründe für die Unlust

Gesellschaftliche Fehlentwicklungen prägen unser Selbstbild

In unserer Gesellschaft fehlt es oft an echter Wochenbettkultur. Frauen sollen schnell wieder fit, belastbar und begehrenswert sein. Das erzeugt ordentlich Druck. Viele Mütter fragen sich: Bin ich noch normal? Was stimmt nicht mit mir? Dabei ist ihr Körper nicht „kaputt“, sondern einfach im Prozess. Es ist Zeit, das anzuerkennen und zu feiern.

Hormonelle Achterbahnfahrt macht es nicht leichter

Direkt nach der Geburt sinken die Hormonspiegel von Östrogen und Progesteron rapide. Stattdessen dominiert Prolaktin – ein Hormon, das das Stillen unterstützt, aber auch die Libido hemmt. Ein natürlicher Schutz, damit frischgebackene Mütter nicht gleich wieder schwanger werden und das Baby lange gut versorgt ist. 

Dazu kommt: Viele Mütter fühlen sich „gesättigt“. Auch das ist ganz natürlich. Denn der Oxytocin-Bedarf – also jenes Kuschelhormon, das beim Hautkontakt mit Baby ständig ausgeschüttet wird – ist oft mehr als gedeckt. Zusätzliche Nähe oder Intimität mit dem Partner kann dann schnell als zu viel empfunden werden. 

Unser Tipp: Wenn auch der andere Elternteil viel mit dem Baby kuschelt, bekommt die Mutter die nötige Entlastung und der andere eine Extra-Portion Kuschelhormon gratis.

Körperliche Veränderungen brauchen Zeit und Akzeptanz

Auch körperlich braucht der weibliche Körper Zeit zur Heilung. Nicht nur die „Wunde“ in der Gebärmutter, die die Plazenta hinterlassen hat, muss heilen. Geburtsverletzungen, eine Kaiserschnittnarbe, ein gedehnter Beckenboden oder sogar eine Senkung der Gebärmutter führen oft zu Schmerzen beim Sex oder zu Ängsten. Und rund 80 Prozent der Frauen haben in den ersten Monaten nach der Geburt Beschwerden im Damm- und/oder Beckenbodenbereich. Auch die gedehnte Scheide fühlt sich erst einmal anders an als vorher. Der gesamte Körper hat sich für die neue Rolle als Mutter verändert.

„Viele Frauen unterschätzen, wie lange der Körper zur Regeneration braucht“, betont Julia Ronnenberg. Zwei Jahre kann es dauern, bis sich alles innen und außen gut erholt hat. 

Spiegel-Übung für ein besseres Körpergefühl

Wünschst du dir sehnsüchtig deinen Vor-Baby-Körper zurück? Probiere doch mal diese Übung für ein besseres Selbstbild:

Stelle dich eine Woche lang jeden Morgen für 3 Minuten nackt vor den Spiegel und betrachte dich völlig wertfrei. In der zweiten Woche lächelst du dich an und sprichst liebevoll mit deinem Mama-Körper, laut oder in Gedanken. Er hat viel geleistet und braucht deine Anerkennung jetzt sehr. Du wirst sehen, wenn du dich darauf einlässt, wird es dir nach ein paar Wochen besser gehen. Denn wir können immer nur im Moment leben und lieben.

Stress und Erschöpfung fordern ihren Tribut

Der Alltag mit Baby ist anstrengend. Schlafmangel, Daueranspannung und ständige Verfügbarkeit sind keine gute Mischung. Eine Studie der KKH zeigt: 70 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern fühlen sich öfter erschöpft oder ausgebrannt. Bei Babyeltern dürften die Zahlen deutlich höher sein. 

Verständlich, denn das vegetative Nervensystem bleibt im Stressmodus: Der Sympathikus – zuständig für Aktivität und „Kampf oder Flucht“ – fährt hoch, während der Parasympathikus, der für Entspannung und Lust wichtig ist, zu kurz kommt.

Und: Weibliche Sexualität ist anders

Viele Frauen spüren schlichtweg keine Lust, wenn sich ein seltenes „freies Zeitfenster“ von zehn oder fünfzehn Minuten ergibt. Sie brauchen Entspannung, damit Kopf und Körper in Stimmung kommen. 

Es hilft, als Paar offen miteinander zu sprechen, um Missverständnisse zu vermeiden. Allein, mit der Hebamme oder in einer Familienberatung. 

Sexuelle Bedürfnisse dürfen verschieden sein. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Wer (noch) keinen Sex möchte, kann Nähe auf andere Weise gestalten: durch Zärtlichkeit, Umarmungen, Küsse, bewusstes In-den-Arm-Nehmen. Solche Gesten signalisieren: Ich bin dir nah, auch wenn sich körperliche Intimität gerade anders anfühlt.

Partnerschaft unter Druck? Sieh es als Chance!

Wenn die Sexualität in der Babyzeit auf Sparflamme läuft, kann das zu Spannungen führen – vor allem, wenn einer der Partner Nähe vermisst oder sich zurückgewiesen fühlt. 

Diese Zeit erfordert Verständnis auf allen Seiten – und die Bereitschaft, sich mit weiblicher Sexualität auseinanderzusetzen und die eigenen Vorstellungen von Nähe, Liebe und Sex zu reflektieren. Statt eines schnellen „Zurück zur alten Normalität“ kann die Zeit nach der Geburt ein Übergang in eine neue Intimität sein. 

Denn mit Offenheit und Akzeptanz ist diese Phase auch eine Chance: Eine Einladung, partnerschaftliche Sexualität neu zu entdecken und anders zu leben – vielleicht zärtlicher, kreativer, langsamer oder humorvoller.

Der Podcast mit Julia Ronnenberg

Und das ist der Podcast mit Julia Ronnenberg. Hör gern rein!

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Fazit: Die Lust entwickelt sich neu – mit Unterstützung, Verständnis, Geduld und Offenheit

Sexuelle Unlust noch Monate nach der Geburt ist oft kein Zeichen für Beziehungsprobleme, sondern eine gesunde Reaktion auf eine tiefgreifende Veränderung. Wichtig ist es, einander mit Verständnis zu begegnen, Geduld zu haben und offen über Bedürfnisse zu sprechen – ohne Druck und ohne Schuldgefühle.

Und es braucht häufig konkrete und langfristige Entlastung, damit lustvolle Gedanken und Gefühle überhaupt erst aufkommen können.

Wie wir in dieser Phase miteinander umgehen, kann unsere Beziehung also dauerhaft stärken.

Also macht was draus!

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✔ Inhaltlich geprüft am 24.07.2025
Dieser Artikel wurde von Christine Müller geprüft. Wir nutzen für unsere Recherche nur vertrauenswürdige Quellen und legen diese auch offen. Mehr über unsere redaktionellen Grundsätze, wie wir unsere Inhalte regelmäßig prüfen und aktuell halten, erfährst du hier.

Veröffentlicht von Anke Modeß

Anke ist Berlinerin und Mutter eines Schulkindes. Als langjährige babelli-Redakteurin, Journalistin und Coachin für Kinder, Jugendliche und Eltern liegen ihr Elternthemen besonders am Herzen.