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Warum sich viele Väter unverstanden fühlen – und was Frauen daran oft nicht sehen

Vater mit Baby auf dem Arm zu Hause

Was ein Vater im Wechselmodell von der Schublade hält, in die Männer wie er oft gesteckt werden, und wie er den Weg hin zu echter Gleichstellung sieht.

Es gibt diesen Satz, der sich hartnäckig hält: “Männer übernehmen keine Verantwortung.” Gerade auf Social Media liest man das häufig. Und ehrlich: Ich kann verstehen, woher das kommt. Es gibt genug Beispiele von Vätern, die sich rausziehen. Aber das Problem ist nicht nur das Verhalten einzelner Männer, sondern auch, wie unsere Gesellschaft Verantwortung verteilt, bewertet und kontrolliert.

Ich denke, dass viele Männer unterschreiben würden, dass ihre Frauen ihnen gern mehr Verantwortung „abgeben“ dürfen. Aber gebt sie uns dann auch wirklich ab. Und seid nicht sauer, wenn wir es anders machen, als ihr es erwartet.

Denn Verantwortung abzugeben heißt nicht, den Job zu delegieren und dann die Ausführung zu „micromanagen“. Das ist keine Übergabe, das ist ein Nebenjob mit Dauerbewertung. 

Wer Verantwortung trägt, braucht Spielraum. Und ja: dieser Spielraum führt dazu, dass Dinge anders laufen. Vielleicht nicht schlechter. Nur anders.

1. Verantwortung ist kein Helfen

Viele Väter kennen das: Wenn sie mit dem Kind unterwegs sind, werden sie gelobt wie ein Teenager beim Babysitten. 

“Ach wie süß, Papa passt auf!”

Als wäre das eine freiwillige Wochenendaktivität. Verantwortung bedeutet aber nicht “mitmachen”, sondern mittragen. Nicht “ich helfe dir”, sondern “ich bin zuständig”. 

Solange wir Väter gesellschaftlich als Assistenzkräfte sehen, werden wir uns auch so verhalten.

2. Unterschiedliche Prioritäten sind kein Angriff

Nur weil die Partnerin etwas als wichtig erachtet, erachten wir es nicht automatisch als gleich wichtig. Und umgekehrt genauso.

Beispiel: Der eine legt großen Wert auf feste Strukturen im Alltag, also zum Beispiel feste Essenszeiten, klare Abläufe und ein durchgeplanter Tag. Der andere sieht das vielleicht flexibler und reagiert mehr auf Stimmung und Situation, oder lässt Dinge auch mal offen.

Das ist keine Respektlosigkeit, sondern nur ein anderer Fokus. Man findet diese Unterschiede im Elternalltag an allen Ecken und Enden. Familien funktionieren nicht, wenn einer die Norm setzt und der andere nur ausführt. Sie funktionieren, wenn beide Normen mitgestalten dürfen.

3. Kontrolle wird oft mit Liebe verwechselt

Das ist ein heikler Punkt, aber er gehört dazu: In vielen Familien ist die Mutter die “Managerin”, weil sie es so gelernt hat, weil sie es kann und vor allem, weil sie es musste. Aber wenn immer ein inneres “Ich mach’s lieber selbst, dann wird’s richtig” mitläuft, bleiben dem Vater nur zwei Rollen: Zuschauer oder Praktikant.

Verantwortung zu teilen heißt, Kontrolle zu teilen, und das fühlt sich am Anfang für beide Seiten unsicher an.

4. Wir lernen Verantwortung durch Vertrauen, nicht durch Kritik

Kein Mensch wächst in Verantwortung hinein, wenn jede Abweichung kommentiert wird.

  • “Warum hast du ihm SCHON WIEDER das angezogen?”
  • “Warum habt ihr WIEDER so spät gegessen?”
  • “Warum lässt du sie IMMER so hoch klettern?”

Man kann über alles sprechen, klar. Aber der Ton entscheidet, ob daraus ein Team wird oder ein Prüfungsraum. Vertrauen ist der Dünger für Kompetenzerwerb. Ständige Korrektur erstickt dagegen alle Ambitionen im Keim…

5. Das Bild vom Vater ist oft veraltet

Wir leben noch immer mit einem Vaterbild von gestern: der Mann als Versorger, die Frau als Kümmernde. Selbst wenn wir es längst anders handhaben, wabern Erwartungen durch die Luft. Der Vater, der Karriere macht, gilt als normal. Der Vater, der Elternzeit nimmt, wird gefragt, ob „seine Frau das von ihm verlangt“.

Solange wir Rollen so denken, fühlen sich Männer schnell fremd im eigenen Zuhause und Frauen schnell allein verantwortlich. Das ist keine persönliche Schwäche, das ist kulturelles Erbe und jedes Unternehmen darf sich fragen, welche Kultur im Team wirklich gelebt wird.

6. Co-Parenting ist kein 50/50-Rechnen, sondern 100/100-Denken

Es geht nicht darum, wer “mehr” macht. Sondern darum, dass beide sich zuständig fühlen.

Wenn wir anfangen abzuwiegen (“Ich hab gestern gebadet, also bist du heute dran”), wird Familie zur Buchhaltung. Wenn wir aber sagen “Wir beide sind voll verantwortlich – nur auf unterschiedliche Weise”, dann entsteht ein echtes Wir.

Mein Fazit

Am Ende wünsche ich mir einen einfachen Perspektivwechsel:

Nicht: “Wie können Väter besser helfen?”
Sondern: “Wie können Väter genauso selbstverständlich verantwortlich sein?”

Dafür braucht es Männer, die nicht zurückweichen und Frauen, die loslassen können, ohne dass es sich wie Kontrollverlust anfühlt. Es braucht Mut, Gewohnheiten zu brechen, und zwar auf beiden Seiten.

Und vielleicht ist das der ehrlichste Satz zu Elternschaft heute: Wir sind nicht gleich. Aber wir sind gleich wichtig. Und genau deshalb müssen wir Verantwortung nicht nur teilen, sondern einander wirklich zutrauen.

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Veröffentlicht von Patrick Konrad

Patrick ist seit 2017 Papa und Gründer von Babelli.de. Die Herausforderungen, vor denen junge Familien in Deutschland stehen, kann er gut nachvollziehen, denn ihnen widmet er auf diesem Portal seine Arbeit und seine persönlichen Erfahrungen. Besonders die organisatorischen und finanziellen Themen stehen bei ihm im Fokus, denn damit beschäftigt er sich fast täglich.