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Mein Kind ist noch nicht trocken – Ursachen für das Bettnässen und was du tun kannst

Wenn Kinder später trocken werden als gedacht, zerrt das oft recht bald an den Nerven der Eltern und auch das Kind fühlt sich nicht mehr wohl in seiner Haut. Schließlich will es doch auch groß sein und fühlt sich dennoch wegen seiner scheinbaren Unzulänglichkeit wie ein hilfloses Baby. Je älter es wird, desto mehr belastet die schwierige Situation die kindliche Psyche und oft auch das Verhältnis zu den Eltern.

Trocken zu sein, wird immer noch (und ziemlich zu Unrecht) als Zeichen für eine gelungene Erziehung gewertet. Dabei ist es nur einer von vielen Schritten auf dem Weg in die Unabhängigkeit des Kindes. Kinder können so viel mehr. Aber all die Erfolge und guten Eigenschaften treten leicht in den Hintergrund, wenn auch nach Jahren noch keine Besserung zu erkennen ist.

In diesem Artikel wollen wir dir mögliche Gründe für das Bettnässen oder Einnässen erläutern und Lösungsansätze aufzeigen, die dich und dein Kind wieder näher zusammenrücken lassen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor dem 5. Geburtstag gehört Einnässen / Bettnässen zur Entwicklung dazu
  • Einnässen gilt ab dem 5. Geburtstag als behandlungsbedürftige „Krankheit“
  • Die meisten einnässenden Kinder haben keine organischen oder funktionellen Störungen
  • Oft liegt der Grund in einer Entwicklungsverzögerung oder der kindlichen Psyche

Ab wann spricht man überhaupt von Einnässen / Bettnässen?

Bevor wir beginnen, ist es wichtig zu wissen, dass erst ab einem Alter von 5 Jahren überhaupt von Einnässen gesprochen wird. Vorher wird auch von ärztlicher Seite nur dann etwas unternommen, wenn es medizinische Auffälligkeiten beim Wasserlassen gibt. Wenn dein Kind den 5. Geburtstag noch nicht gefeiert hat, musst du dir also noch gar keine Sorgen machen. Eventuell ist es einfach noch nicht so weit. Erlaub ihm ruhig eine Windel, wenn das zur Entspannung der Lage beiträgt. Denn je entspannter du die Sache angehst, desto größer sind die Erfolgschancen. Mit Druck erreichst du unter Umständen das genaue Gegenteil, aber dazu weiter unten mehr.

Wenn ein Kind bereits 5 Jahre alt ist und noch immer tagsüber und/oder nachts einnässt, ist es immer eine gute Idee, mit dem Kinderarzt über das Problem zu sprechen. Denn nur dieser kann zweifelsfrei feststellen, ob es sich um ein organisches Problem, also eine konkrete Inkontinenz, oder doch um ein Problem anderer Art handelt.

Harninkontinenz ist seltener

Bei einer Harninkontinenz findet meist keine normale Blasenentleerung statt. Es kommt zu Störungen in der Füllungs- oder Entleerungsphase der Blase, oder aber der Harn wird zurückgehalten, bis die Blase überläuft. Nur 15-20% der einnässenden Kinder über 5 Jahre sind von solchen funktionellen Störungen betroffen. Meist nässen diese Kinder nicht nur nachts, sondern auch tagsüber ein. Bei den anderen 80-85% kann keine organische und nervöse Störung festgestellt werden. Bei ihnen spricht man von Enuresis.

Enuresis kommt weit häufiger vor

Eine Enuresis liegt vor, wenn:

  • das Kind seinen 5. Geburtstag schon hinter sich hat
  • es mindestens zweimal im Monat einnässt
  • dieser Zustand mindestens 3 Monate lang anhält
  • sich vorerst keine organische bzw. andere medizinische Ursache feststellen ließ

Meist wird Enuresis mit dem nächtlichen Einnässen (Bettnässen) gleichgesetzt. Eine Enuresis kann primär oder sekundär sein. Primär bedeutet, dass das Kind noch nie ganz trocken war. Eine sekundäre Enuresis liegt vor, wenn das Kind bereits schon mindestens 6 Monate lang trocken war und erst später wieder mit dem Einnässen anfing. Diese Unterscheidung ist für die Ursachenfindung sehr wichtig.

Die Reifungsverzögerung als mögliche Ursache für Enuresis

Bei Kindern, die nachts noch nie trocken waren, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Reifungsverzögerung vor. Normalerweise wird angenommen, dass ein Kind mit 5 Jahren die vollständige Blasenkontrolle bereits erlangt hat. Alle beteiligten Sensoren, Muskeln, Nervenbahnen und Verschaltungen im Gehirn sind in diesem Alter meist vollständig entwickelt. Aber eben nicht immer. Vor allem Kinder, die sehr häufig oder sogar immer nachts einnässen, sind davon betroffen. Bei der Reifungsverzögerung handelt es sich um keine Krankheit, sondern einen Zustand, der sich mit der Zeit bessert, es dauert nur eben einige Monate bis Jahre länger, bis die kindliche Entwicklung nachgezogen hat. Bis dahin werden die Reize der sich füllenden Blase nur unzureichend wahrgenommen. Was am Tage dann noch einigermaßen funktioniert, weil wir im wachen Zustand unseren Körper bewusster spüren, klappt dann meist in der Nacht nicht mehr.

Meist spielen mehrere Faktoren ineinander. Zum einen gibt es eine genetische Veranlagung für die verzögerte Reifung, zum anderen produzieren viele bettnässende Kinder weniger von einem bestimmten Hormon (ADH), dass normalerweise die Urinproduktion nachts senken soll. Außerdem wurde bei Bettnässern oft eine schwerere Weckbarkeit nachgewiesen, auch wenn sie nicht tiefer schlafen, als andere Kinder. Einfacher gesagt, reicht das Signal der prall gefüllten Blase nicht aus, um das Kind zu wecken. Oft weisen betroffene Kinder auch in anderen Bereichen wie z.B. der Feinmotorik oder der sprachlichen Entwicklung entwicklungsbedingte Defizite auf.

Wenn du glaubst, dass dein Kind dazu gehören könnte, helfen vor allem Verständnis und Geduld. Unterstütz dein Kind, indem du mit ihm zusammen übst, setz es aber besser nicht unter Druck. Es ist immer gut, sich vor Augen zu halten, dass Kinder so gut wie nie absichtlich einnässen. Ganz im Gegenteil, die meisten leiden selbst darunter, auch wenn sie es nicht immer zeigen können oder sogar trotzig werden. Trotz oder gespielte Gleichgültigkeit sind immer ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Besser ist es, dem Kind Mut zu machen, dass sich sein Problem eines Tages in Luft auflösen wird. Und das wird es auch.

Mögliche Hinweise auf eine durch Reifungsverzögerung bedingte Enuresis:

  • Verzögerte Entwicklung in Sprache und/oder Motorik
  • Schwere Weckbarkeit
  • Urinmenge nachts wie tagsüber
  • Evtl. noch andere Bettnässer in der Familie (Eltern oder Geschwister)

Die kindliche Psyche als wichtiger Faktor

Der zweite mögliche Grund für das Einnässen oder Bettnässen ist laut einiger bekannter Ärzte und Buchautoren (wie. z.B. Dr. Gabriele Haug-Schnabel) häufig in der kindlichen Psyche zu suchen. Denn oft sind es gerade die Kinder, die kein besonders gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben, welche Probleme mit dem Trockenwerden haben. Ist dir bereits aufgefallen, dass es einen Zusammenhang zwischen den Erlebnissen des Tages und dem Einnässen geben könnte? Es lohnt sich dort genauer nachzuhaken. Denn oft bestätigt sich die Vermutung.

Die Blase ist ein sehr sensibles Organ. Und selbst wenn ein Kind sie eigentlich schon kontrollieren kann, können Einflüsse von außen immer wieder dazu führen, dass das komplexe Zusammenspiel aller beteiligten Körperfunktionen aus dem Gleichgewicht gerät. Sowohl Kinder, die noch nie trocken waren als auch solche, die es bereits schon einmal über einen längeren Zeitraum geschafft hatten, können davon betroffen sein.

Ein guter Ansatz ist, über einen Monat lang einen Kalender – ein sogenanntes Belastungstagebuch – zu führen, der die Ereignisse des Tages festhält und dem Kind die Gelegenheit gibt, den jeweiligen Tag als „schön“, „normal“ oder „doof“ zu bewerten. Zusätzlich wird festgehalten, ob es zum Einnässen kam oder nicht. Schon nach einigen Wochen wirst du erkennen, welche Ereignisse dazu führen, dass die Blase nachts überläuft und wann das Trockenbleiben besonders gut klappt. Meist handelt es sich um belastende Ereignisse oder Erlebnisse, die von uns Eltern manchmal gar nicht als solche erkannt wurden. Daher ist es besser, mit dem Kind zusammen die Tage auszuwerten und genau nachzufragen. Oft liegen die Probleme im familiären Umfeld oder auch im schulischen Bereich oder Kita-Alltag. Ein Gefühl der Ausgrenzung, des Versagens oder gar Mobbing sind nur ein paar Beispiele. Wenn es dir dann gelingt, Lösungen zu finden, die zu weniger Belastung führen oder „schlechte“ Tage durch schöne Abende wenigstens in „normale“ Tage umzuwandeln, werden die Erfolgserlebnisse mit der Zeit immer mehr werden.

Beispiel eines Belastungstagebuchs (Einnässkalender):

TagBewertung des TagesWas war so los?Wie war die Nacht?
1nicht gutStreit mit Clara, ausgeschimpft von Erzieherin, "alles blöd"nass
2normalNichts Besonderes passierttrocken
3normalAusflug mit dem Kindergarten, hat geregnetnass
4nicht gutHektischer Tag, Papa auf Dienstreise, Sandmännchen verpasst, viel geschimpftnass
5schönPapa ist wieder da, mit ihm baden gewesentrocken
6schönIm Zoo gewesen, Eis gegessen, mit Mama im Bett gekuschelttrocken
............

Ebenfalls ganz wichtig ist es, das Selbstbewusstsein deines Kindes durch Erfolgserlebnisse in anderen Bereichen zu stärken. Dafür bieten sich gemeinsame Unternehmungen, schöne Urlaube und Hobbys wie z.B. Sport an. Denn wenn ein Kind Dinge tun kann, die ihm Spaß machen und die es gut kann, gewinnt es immer mehr Sicherheit und die braucht es, um sich im eigenen Körper wirklich wohlzufühlen. Wenn du dich auf die Stärken deines Kindes konzentrierst, wird das Thema Sauberkeit immer mehr in den Hintergrund rücken, bis es irgendwann kein Thema mehr ist.

Was du tun kannst, wenn alles nicht hilft

Wenn du alles probiert hast und mit deinen Nerven am Ende bist, scheue dich nicht, deinen Kinderarzt darauf anzusprechen oder einen zu suchen, der sich mit dem Thema Einnässen besonders gut auskennt. Denn eventuell braucht dein Kind etwas mehr Betreuung und Begleitung, als ihr das als Eltern leisten könnt. Es gibt einige Therapien und Hilfsmittel, die zum Einsatz kommen können, wenn das Einnässen sehr lange anhält. Dein Arzt wird dir entsprechende Angebote nennen.

Und sei versichert, du bist nicht allein mit diesem Problem. Gut 10% der Kinder nässen im ersten Schuljahr noch ein, im fünften sind es immerhin noch 5%. Nur selten wird darüber gesprochen, meist aus Angst, dass andere glauben, man hätte in der Erziehung versagt (was nicht stimmt). Also Kopf hoch, auch dein Kind wird es früher oder später schaffen.

Anzahl der einnässenden Kinder
Zahl der bettnässenden Kinder ab 5 Jahren

Das kannst du tun, wenn dein Kind mit 5 Jahren noch einnässt

  • Mit dem Kinderarzt sprechen und organische Ursachen ausschließen lassen
  • Das Selbstbewusstsein des Kindes durch gemeinsame schöne Freizeitgestaltung stärken
  • Dich darauf konzentrieren, was das Kind schon kann
  • Das Kind auf seinem Weg unterstützen, aber nicht drängen
  • Immer zum Kind stehen
  • Eine Therapie in Betracht ziehen
  • Sich selbst wieder mehr Gutes tun, das stärkt die Nerven!

Fazit

Wenn Kinder auch jenseits des 5. Geburtstages noch oder wieder einnässen, ist das bei allem guten Willen seitens der Eltern oft schwer zu ertragen. Zu sehr lastet die eigene Erwartungshaltung und die der Umwelt auf ihren Schultern. Je länger es dauert, desto größer wird die Frustration und der Druck auf’s Kind steigt. Ganz leicht geraten Eltern und Kind so in einen Teufelskreis, der sich manchmal nur mit therapeutischer Begleitung wieder aufbrechen lässt. Deshalb ist es wichtig, organische Ursachen auszuschließen und im weiteren Verlauf dass Kind als Ganzes nie aus den Augen zu verlieren. Denn mit den Jahren leidet auch sein Selbstbewusstsein immer mehr. Doch je mehr es wieder in seine eigenen Fähigkeiten vertrauen lernt, desto besser wird es auch mit der Sauberkeit klappen. Du als Mama oder Papa kannst es dabei liebevoll begleiten.

Haben du weitere Fragen zum Einnässen oder Bettnässen? Schreib uns einen Kommentar!

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