Von Anfang an dabei!

Misch dich nicht in meine Erziehung ein!

Du sitzt in der Bahn und dir gegenüber klettert ein Kleinkind mit seinen regennassen Stiefeln fröhlich auf den Sitzen herum. Die Mutter sitzt daneben und ist wahrscheinlich froh, dass ihr Kind so gut gelaunt ist. Jedenfalls unternimmt sie nichts gegen die Verschmutzung. Dich ärgert das total und du beißt dir auf die Zunge. Schließlich mischt man sich ja nicht in die Erziehung anderer Menschen ein. Warum eigentlich nicht?

Du möchtest das ja auch nicht. Oder wie reagierst du, wenn fremde Personen dein Kind maßregeln? Ist das nicht anmaßend? Was erlauben die sich? Die Mutter bist ja wohl immer noch du und was wissen die schon über dein Leben?

Unklare Regeln, unsichere Eltern

Es gab eine Zeit, da waren gewisse gesellschaftliche Regeln einfach Konsens. Und die wurden auch den Kindern vermittelt und wenn ein Kind aus der Reihe tanzte dann fiel das auf und dann sagte man das. Heute ist es anders. Die gesellschaftlichen Regeln sind alles andere als klar. Wo manche Familien an konservativen Werten festhalten, berufen sich andere auf größtmögliche Selbstbestimmtheit und dann gibt es noch hundert Abstufungen dazwischen. Das Einmischen ist schon deshalb gefährlich geworden, weil wir keinen Konsens darüber hegen, wie wir als Gesellschaft zusammenleben möchten und was wir von unseren Kindern erwarten.

Und darunter leiden viele Eltern auch ein stückweit. Sie sind höchst versunsichert, lesen Erziehungsratgeber und fragen auf Facebook, wie sie wohl ihr Kind bestmöglich erziehen mögen. Das ist per se nicht schlecht. Anstatt uns starren Regeln zu beugen, informieren wir uns, wir reflektieren und treffen eigene Entscheidungen. Aber es ist auch anstrengend, nie sicher zu sein und immer wieder auszuloten, wie die eigene Position unter hundert möglichen Richtungen ist.

Die Verwirrung um die eigenen Erziehungsstandpunkte ist manchmal genauso groß wie die im Supermarktregal: Tausende Produkte und hunderte Meinungen wie denn die perfekte Ernährung auszusehen hat. Statt einfach etwas zu essen, überlegen wir hin und her. Zwischen Low-Carb, High Fat, supergesund und intuitiv gibt es einfach zu viele Richtungen. Und so fühlt es sich in der Erziehung auch manchmal an. Das trifft uns am allermeisten, wenn wir selbst nicht so recht wissen, was eigentlich unser Standpunkt ist.

Und dann kommt da noch ein Fremder und redet uns rein. Als hätte der die Weisheit mit Löffeln gefressen. Der weiß doch auch nicht, wie es geht. Der hat doch auch nur eine individuelle Meinung. Na schönen Dank auch.

Warum so empfindlich?

Aber es gibt noch einen Punkt, warum wir uns so angegriffen fühlen. Wir wollen es richtig machen. Wir wollen uns da nicht nur irgendwie durchwurschteln. Wir wollen es perfekt machen. Unsere Kinder lassen wir nicht schreien. Wir zwingen sie nicht zum Aufessen. Wir machen einfach alles besser. Wir wälzen Bücher, richten Glamour-Kinderzimmer nach Instagram-Vorbildern ein und lesen unseren Kindern jedes Bedürfnis von den Augen ab, damit sie glückliche Erwachsene werden. Doch irgendwie haben wir es doch im Gespür. Auch wir können nicht alles richtig machen. So wie unsere Eltern und Großeltern vor uns, wird auch unsere Generation ihre eigenen Fehler machen.

Und es tut weh, wenn jemand daran kratzt. Dass wir es vielleicht doch nicht so perfekt machen, wie wir möchten. Und dann fühlen wir uns gekränkt und machen dicht und regen uns über die Anmaßung auf, was sich denn andere erlauben, sich in unsere Erziehung einzumischen. Und aus dem gleichen Grund trauen wir uns auch nicht, fremde Kinder auf ein Verhalten aufmerksam zu machen, dass andere stören könnte. Wir wissen nämlich schon, wie das endet. Sicher nicht mit einem „Danke, das musste mal gesagt werden.“

Kind = Eltern?

Eltern haften für ihre Kinder. Sie steuern aber nicht deren Verhalten. Ist es da nicht in Ordnung und angemessen, wenn ein wohlwollender Erwachsener sich mal einmischt? Wir Eltern sind doch nicht unsere Kinder. Regst du dich nicht auch manchmal auf, dass dein Kind einfach nicht hört? Wir könnten doch auch mal ganz froh sein, wenn ein anderer unser Kind zur Ordnung ruft. Vielleicht klappt es ja besser. Das geht aber nur, wenn wir nicht jede Einmischung als tiefe Verletzung empfinden, als Angriff unserer Erziehungsmethoden. Wir sind nicht das Verhalten unserer Kinder. Und selbst wenn sich das Kind mal „daneben“ benimmt, wissen wir doch, dass das nicht immer so ist und können eigentlich ganz entspannt sein.

Andere Meinungen auch mal zulassen

Aber auch, wenn die Kommentare von der Seitenlinie nicht unserer Meinung entsprechen. Ist es das Wert sich so aufzuregen? Könnten wir sie nicht als Gelegenheit sehen, damit unsere Kinder lernen, dass es auch andere Meinungen gibt? Und wir könnten auch mehr darauf vertrauen, dass wir unseren Kindern diesen inneren Kompass für das was richtig und was falsch ist mitgeben. Mit der Zeit lernen sie selbst, auf solche Einmischungen von Außen zu reagieren. Vielleicht fühlen sie sich schuldig – eine wichtige Voraussetzung, um das eigene Verhalten zu reflektieren. Vielleicht haben sie ganz andere Wertvorstellungen von dir mitbekommen. Die sind dann aber im Idealfall auch so fest, dass sie sich nicht verunsichern lassen.

Aber wenn wir uns sofort angegriffen fühlen, sobald jemand irgendetwas zu unseren Kindern sagt, dann lassen wir auch keinen Dialog zu. Weder in uns selbst, noch mit anderen. Und das ist schade.

Was meint ihr dazu? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare!

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