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Wie du selbstständiges Spiel bei deinem Kind förderst

Familienzeit und gemeinsames Spielen sind großartige Geschenke, die wir Kindern machen können. Aber auch mit sich selbst zufrieden zu sein will gelernt sein. Selbstständiges Spielen macht Kinder kreativ und verschafft uns Erwachsenen die Pause, die wir manchmal brauchen. Deshalb verraten wir dir heute, wie du selbstständiges Spiel bei deinem Kind fördern kannst.

Was ist Spielen überhaupt?

Wir Erwachsenen haben oft eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie Spielen eigentlich aussieht. In unserer Vorstellung sehen wir vielleicht ein Baby, das unter einem Spielbogen liegt und versucht, die bunten Anhänger zu greifen. Oder wir sehen ein Kleinkind, das mit Legobausteinen eine kleine Stadt errichtet.

Ja, das ist Spielen und viele Kinder beschäftigen sich auch hin und wieder auf diese Art und Weise. Doch Spielen geht noch viel weiter. Kinder entdecken die Welt spielerisch. Im Spiel lernen sie, sich in ihr zurecht zu finden. Jede alltägliche Situation kann zum spielerischen Übungsplatz werden.

Beim Spielen geht es nicht um Lego und Puppen

Ein Spiel kann sein, wenn dein Kind dir helfen möchte, den Tisch zu decken. Ein Kind, das gedankenverloren auf dem Teppich rollt und minutenlang einen kleinen Stein in der Hand analysiert, spielt. Ein Baby, das die Hände über dem Gesicht ausstreckt und mit den Fingern wackelt, ist in eben dieses Spiel vertieft. Ein Kind, das in der Badewanne Szenen aus seiner Lieblingsserie nachspricht, spielt.

Der Charakter des Spiels

Spiel ist etwas, das sich dein Kind selbst aussucht und allein aus der Freude der Tätigkeit heraus tut. Spiel wird nicht belohnt und dient keinem direkten Zweck.

  • Spiel entsteht aus eigener Motivation
  • Spiel findet in diesem einen Moment statt. Dein Kind vergisst Zeit und Raum im Spiel. Es gerät in einen Flow.
  • Spielen fordert dein Kind heraus. Es ist weder langweilig, noch zu schwierig. Die Aufgaben, die sich dein Kind im Spiel stellt, sind machtbar.
  • Beim Spielen geht es nicht um Spielzeuge. Sie können zum Einsatz kommen, müssen es aber nicht. Spiel kann jede Beschäftigung sein, die sich dein Kind selbst sucht.

Auch Erwachsene spielen

Vielleicht bastelst du gerne oder schraubst stundenlang in deiner Werkstat herum. Vielleicht sortierst du gerne die Gegenstände in deiner Wohnung und räumst stundenlang den Kleiderschrank ein und aus. Vielleicht bist du eine Tüftlerin, ein Maler oder spielst ein Musikinstrument. Vielleicht sind Staubsaugen und Abwaschen meditative Tätigkeiten für dich. All das kann Spielen sein.

Unser Spieltrieb ist die Motivation, die einen Musiker verleitet die Gitarre in die Hand zu nehmen und ein paar Saiten zu zupfen und zu probieren, ob er dieses schöne Lied spielen kann. Du spielst nicht Gitarre? Wahrscheinlich spielst du auf andere Art und Weise.

Jeder spielt anders

Wir sind alle einzigartig und haben ganz verschiedene Interessen. Manche Menschen hassen es, aufzuräumen. Andere lieben es, die Dinge zu sortieren und schön zu arrangieren und können sich darin verlieren. Sie spielen! Wenn du aufräumst, weil die Großeltern später kommen und du keinen schlechten Eindruck machen möchtest, dann ist es Arbeit. Wenn du aber gedankenverloren aus- und einräumst, einfach weil du ein bisschen Zeit hast und dir das gerade Spaß macht, dann spielst du.

Kindliches Spiel erkennen

Und genauso ist es bei deinem Kind auch. Viele Kinder spielen eben nicht besonders häufig und intensiv mit Lego, Kuscheltieren oder Puppen und schon gar nicht alleine. Mein Kind beispielsweise ist ein ganz anderer Spieltyp. Er ist sehr sensorisch, fasst gerne Dinge an und spürt sich unglaublich gerne. Er kann richtig lange mit seinen Händen in einem Topf Bohnen rumrühren und die Bohnen von hier nach da umfüllen. Beim Backen greift er grundsätzlich in die Mehlschüssel und lässt das Mehl durch seine Finger rieseln. Er liebt es, auch im Winter barfuß rauszugehen, um die Kälte zu spüren. Das sind alles Dinge, die für mich als Mutter unbequem sind. Das Mehl und die verschütteten Bohnen zu reinigen ist etwas anderes als die Legosteine einzuräumen. Abgesehen davon, dass ich gelernt habe „Mit Essen wird nicht gespielt.“ Was ich sagen möchte ist, dass es wichtig ist, dass du erkennst wenn dein Kind spielt und wie es spielt.

Das Spiel nicht unterbrechen

Denn was wir Erwachsenen ganz häufig tun ist, dass wir unser Kind beim Spielen unterbrechen, weil wir seine Beschäftigung nicht als Spiel erkennen. Gestern hatte ich genauso eine Situation zuhause. Mein Sohn hing auf halbacht gedankenverloren über seiner Schaukel und bewegte sich hin und her. Offenbar war das für meine Mutter kein „richtiges Spiel“, also schlug sie ihm allerhand Dinge vor wie „Wollen wir lesen? Wollen wir etwas malen?“. Dabei war mein Sohn eigentlich total zufrieden. Er hing da einfach in seiner Schaukel und träumte vielleicht irgendetwas. Er hat ja gar nicht nach einer anderen Beschäftigung gefragt. Was er gerade tat, hatte er sich selbst ausgesucht und er war total zufrieden damit.

Versuche es doch einmal selbst und beobachte dein Kind ganz genau. In welchen Situationen beschäftigt es sich ganz allein und ist damit zufrieden? Je jünger dein Kind, desto weniger wird es das vielleicht tun. Aber sogar Babys spielen schon alleine. Sie liegen zufrieden auf dem Teppich und beobachten die Gegend. Bis ein Erwachsener kommt und ihnen eine Rassel vor’s Gesicht hält. Denn einfach so zu sein, das macht doch keinen Spaß… Doch macht es, wenn wir Erwachsenen es nicht durch unsere Effizienz-Brille sehen und es unserem Kind abtrainieren.

Pssst – bitte nicht stören

Inzwischen habe ich mir sogar angewöhnt, auf Zehenspitzen um meinen Sohn herumzuschleichen, wenn ich sehe, dass er wirklich gerade ganz vertieft in eine Aktivität ist. Ok, tatsächlich verziehe ich mich dann einfach in eine andere Ecke der Wohnung und genieße eine kleine Mama-Pause. Vielleicht wünschst du dir manchmal, dein Kind würde einfach ruhig spielen, wenn du das gerade brauchst. Aber man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen 😉

Kindliches Spielen fördern

Wenn dein Kind zum sensorischen Typ gehört, dann mag es häufig schwierig sein, sein Spiel nicht zu unterbrechen oder gar zu fördern. Es wäre so viel leichter, wenn es einfach brav ein paar Puppen an- und ausziehen würde, als die ganze Küche in ein Chaos zu verwandeln. Sei kreativ. Du kannst zum Beispiel eine Schmutzecke in der Wohnung einrichten, in der dein Kind mit Sand, Hülsenfrüchten, Nudeln oder Wasser spielen kann. Wie wäre es zum Beispiel mit der Badewanne oder dem Balkon? Wer das mit den Hülsenfrüchten und Nudeln jetzt ganz schlimm findet: Ich vermute, dass bei der Herstellung vieler Plastikspielzeuge nicht weniger Ressourcen verbraucht werden und die können danach nicht in die Biotonne wandern. Vielleicht gibt es etwas, das dich nicht ganz so sehr stört, aber in die Richtung geht. Dann biete das an. Mir fällt da zum Beispiel Playmais ein oder bunte Bommeln.

Andere Kinder spielen vielleicht eher ganz ruhig und fokussieren sich auf kleine Spielwelten. Wieder andere sind besonders körperlich und brauchen viel Raum zum Toben.

Wenn du dein Kind aufmerksam beobachtest, wirst du sehen, welche Dinge es motivieren. Und dann kannst du ganz kreativ sein und überlegen, wie du genau das fördern kannst. Weil wir eine bestimmte Vorstellung von Spielen haben, denken wir manchmal, das geht nur in eine bestimmte Richtung und das ist schade. Denn damit übergehen wir die Interessen und Leidenschaften unseres Kindes. Wir machen es uns schwer, weil wir uns aufregen (zum Beispiel weil unser Kind immer wieder das Klopapier abrollt, aber nicht mit seinen Puppen spielt). Und weil wir es nicht schaffen, Zeit für uns zu finden. Und das ist irgendwie auch logisch, wenn wir dem Kind nicht ermöglichen, nach seinen eigenen Interessen zu spielen.

Spiele bereitstellen

Amerikanische Homeschool-Eltern nutzen das Konzept des Strewings, um ihre Kinder zum Spielen zu motivieren. Ja, spielen geschieht aus einem eigenen inneren Trieb heraus. Das Schöne ist, dass wir diesen Trieb ein bisschen hervor kitzeln können. Nicht indem wir sagen „Geh spielen“, sondern indem wir quasi wie zufällig Dinge bereitstellen, die unser Kind interessieren. Im Falle meines Kindes könnte das vielleicht eine Schüssel voller Bommeln sein, in der eine Suppenkelle steckt neben einer zweiten Leeren. Und aller Wahrscheinlichkeit nach, wird es anfangen, die Bommeln mit der Kelle umzuschütten.

Ja, vermutlich habe ich nachher Bommeln im ganzen Wohnzimmer verteilt. Aber die räumen wir einfach zusammen wieder auf. Das kann man auch ganz spielerisch gestalten. Und dafür hatte ich vielleicht zehn Minuten Zeit für mich. Und das tolle ist: Je häufiger mein Kind diese Erfahrung des freien ungestörten Spielens machen darf, desto mehr lernt es das eben auch. Und irgendwann werden dann aus diesen zehn Minuten zwanzig, dreißig oder vierzig.

 

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