Von Anfang an dabei!

„Vorsicht pass auf“ – Warum diese Worte häufig nur dein Kind behindern

Kinder kommen mit einem inneren Drang zur Welt zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Sie suchen sich ihre eigenen Herausforderungen und meistern so Schritt für Schritt die kleinen und großen Hürden des Lebens. Wenn wir sie nicht dabei behindern. Denn je mehr wir schützend eingreifen, wenn unsere Kinder spielerisch Neues ausprobieren, desto mehr nehmen wir ihnen die Lust am Lernen.

Kaum hat es Laufen gelernt, schon will dein Kind das volle Glas allein bis zum Tisch tragen. Vor deinem inneren Auge siehst du die Milch über den Boden und bis in die tiefsten Fugen laufen. Das ist mal wieder typisch für den kleinen Kamikazezwerg. Wenn du zur Vorsicht-pass-auf-Fraktion gehörst, dann schaust du dein Kind in diesem Moment sorgenvoll an und mahnst in eindringlichem Ton, es solle aufpassen und bloß nicht das Glas fallen lassen. Die Milch könnte verschütten! Vielleicht gehörst du auch zu den Ich-mach-das-lieber-Eltern. Dann nimmst du deinem Kind das gefährliche Milchglas aus der Hand und trägst es selbst zum Tisch.

Vorsicht, pass auf!

Du siehst, wie wackelig dein Kind auf den Beinen ist und wie die Milch jetzt schon im Glas schwankt. Wenn es unbedingt ausprobieren möchte, das Glas zu tragen, dann solltest du es doch wenigstens auf die Gefahren aufmerksam machen. Dein Kind hat ja noch gar nicht die nötige Weitsicht.

Tatsächlich stellt sich dein Kind in dem Moment in dem es etwas ausprobiert nicht vor, dass es schiefgehen könnte. Dein Kind stellt sich einer Herausforderung nämlich genau dann, wenn es bereit dazu ist, sie zu meistern. Und gerade zu Beginn ihres Lebens sind Kinder mit diesen Herausforderungen total unbedarft. Sie fangen an zu laufen und fallen hin und stehen einfach wieder auf.

In dem Moment, in dem du dein Kind darauf hinweist, was alles passieren könnte, passieren zwei Dinge im Kopf deines Kindes:

  1. Es bekommt ein Bild des Scheiterns in den Kopf. Bisher war das Bild in seinem inneren Auge „Ich trage das Glas zum Tisch“. Das neue Bild lautet „Das Glas kann runterfallen“. Womöglich lässt dein Kind also gerade wegen deiner Ermahnung das Glas fallen, weil es nun das Bild eines herunterfallenden Glases im Auge hatte.
  2. Es bekommt die Botschaft „Scheitern ist unerwünscht“. Diese Botschaft ist sehr mächtig, weil sie dein Kind unter Druck setzt. Und unter Druck funktionieren wir Menschen nunmal schlechter. In dem Moment, in dem wir versuchen etwas krampfhaft richtig zu machen und womöglich dabei noch unter Beobachtung stehen, macht uns das herumprobieren keinen Spaß mehr. Es verliert das Spielerische.

Je öfter dein Kind diese Botschaften wahrnimmt, desto mehr wird es sie verinnerlichen. Manchen Kindern macht das weniger aus. Sie haben einen unerschütterlichen Glauben an sich und ein starkes Autonomiebestreben. Andere übernehmen vielleicht die Ängste ihrer Eltern und probieren Dinge in Zukunft lieber nicht mehr aus, weil ihre Eltern ihnen beigebracht haben, ein negatives Ergebnis vorauszusehen.

Dein „Vorsicht“ nutzt sich ab

Wenn dein Kind andauernd „Vorsicht, das ist gefährlich“ in Situationen hört, die offenbar gar nicht so gefährlich sind – zum Beispiel wenn es hinfällt – dann wird das die Bedeutung des Wortes in seinem Kopf schwächen. Vorsicht heißt dann nicht mehr „Pass auf, da ist etwas Gefährliches“ sondern eher „Mama ruft mich mal wieder“. Das ist natürlich ungünstig, wenn du dein Kind wirklich mal vor einer realen Gefahr schützen möchtest. Überlege dir also genau, wann es angebracht ist, dein Kind auf eine vermeintliche Gefahr hinzuweisen.

Unterstützen und schützen statt warnen und bewahren

Ich behaupte, so gut wie jedem von uns rutscht hin und wieder ein „vorsicht“ über die Lippen. Und keiner kann es gut aushalten, wenn das Kind mit einem kleckernden Glas Milch über den Teppichboden balanciert. Das ist völlig normal. Um dein Kind nicht in seinen Autonomiebestrebungen zu behindern, hilft es, dein eigenes Verhalten in solchen Situationen zukünftig mal zu beobachten. Schaffst du es, dich zurückzuhalten und es einfach geschehen zu lassen?

Wie gefährlich ist es wirklich?

Wenn dein Kind etwas Neues ausprobiert und du vor deinem inneren Auge schon siehst, dass es zum Scheitern verurteilt ist, frage dich „Wie gefährlich ist es wirklich?“. Musst du wirklich dazwischen gehen? Wäre es so schlimm, wenn die Milch auskippt oder dein Kind hinfällt? Das lässt sich nämlich manchmal gar nicht so pauschal beantworten. Kommt ja auch auf den Boden an. Vielleicht bietet die ausgekippte Milch ja sogar die Möglichkeit, etwas ganz anderes zu lernen, nämlich wie man einen Fleck wegwischt.

Natürlich solltest du dein Kind nicht mit einem scharfen Säbel rumhantieren lassen und mal sehen, was passiert. Aber glaubst du wirklich, dass es sich an einem Brotmesser ernsthafte Verletzungen zuzieht? Vielleicht kannst du auch Alternativen anbieten. „Anstatt zu sagen „Nein, Messer sind nichts für Kinder“, könnest du sagen „Wie wäre es, wenn du uns mit diesem (Kinder-)messer eine Banane schneidest?“ Und dann brauchst du auch nicht nervös werden, wenn es die Banane quer schneidet. Sie schmeckt dann nämlich genauso.

Wie deine innere Haltung dein Kind beeinflusst

Im Titelbild dieses Artikels klettert ein kleiner Junge selbstständig in die Badewanne. Als erwachsener Mensch weißt du: Er könnte ausrutschen und sich weh tun. Muss er aber nicht. Wahrscheinlich erklimmt er die Badewanne und ist total stolz auf sich, weil er diese Hürde gemeistert hat. Und bei der nächsten Herausforderung denkt er sich vielleicht wieder „Ich probier das einfach aus. Ich kann es schaffen.“ Das ist doch ein tolles Mindset, um sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, die ja mit der Zeit auch nicht kleiner werden.

Dass du dein Kind gewähren lässt, ohne lang und breit über die Gefahren des Ausrutschens zu informieren, heißt ja nicht, dass du dich nicht in seine Nähe stellen kannst, um im Notfall einzugreifen. Dein Kind spürt dabei deine Haltung: Hast du Vertrauen darin, dass es die Aufgabe meistert oder bist du in Alarmbereitschaft und siehst dich schon mit deinem Kind im Krankenwagen fahren, weil es ein kratergroßes Loch im Kopf hat? Deine innere Haltung kann dazu beitragen, wie dein Kind sich selbst einschätzt und wie es zukünftig mit Herausforderungen umgeht.

Einen positiven Ausgang antizipieren

Vertrauen ist auch eine Frage der Übung. Versuche doch einmal dir vorzustellen, wie dein Kind seine selbstgesetzte Aufgabe bewältigt. Warum auch nicht? In die Fähigkeiten deines Kindes zu vertrauen, ist ein wunderbares Geschenk, das du ihm machen kannst. Denn dann lernt auch dein Kind, an sich zu glauben und Herausforderungen zu wagen.

Natürlich musst du dein Kind vor realen Gefahren schützen. Davor, dass es nicht vor ein Auto rennt oder an einer Murmel erstickt… Das sind Situationen in denen jeder Erwachsene einschreiten sollte. Aber mach dir keine Sorgen, dass dein Kind mal hinfällt. Dein Kind macht das nämlich auch nicht, solange bis es deine Sorgen übernimmt.

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