Von Anfang an dabei!

Schadet fernsehen Kindern? Warum ich Medienkonsum nicht mehr kritisch sehe

Hast du auch dieses nagende schlechte Gewissen, wenn dein Kind vor dem Fernseher sitzt? Hältst du Medienangebote bewusst aus dem Alltag deiner Kinder heraus? Genießt du die Bildschirmzeit mit deinen Kindern oder hast du das Gefühl, sie zu parken während du den Haushalt schmeißt? Ist Fernsehen in Ordnung und wenn ja, wie viel? Ich habe mir meine Meinung dazu gebildet.

Viele Eltern fragen sich, ob sie ihren kleinen Kindern das Fernsehen erlauben sollten. Andere Eltern gestatten Videos auf Youtube oder Netflix, haben dabei aber immer das Gefühl, ihren Kindern zu schaden. Ist Medienkonsum schädlich und gibt es einen gesunden Mittelweg?

Schadet fernsehen Kindern?

Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Fernsehen und Medienkonsum schädlich für Kinder sind. Unter anderem haben Forscher gezeigt, dass ein erhöhter Medienkonsum mit schlechteren Schulnoten einhergeht.

Tatsächlich sind sich Experten uneinig, ob und wie viel Fernsehen tatsächlich unseren Kindern schadet. Denn anders als wir, sind sich Wissenschaftler sehr wohl darüber im Klaren, dass Studien nicht immer die ganze Wahrheit sagen. Der Ausgang einer Studie ist schonmal von der Fragestellung abhängig. Die antizipiert in Bezug auf den Medienkonsum bei Kindern schonmal ein schlechtes Ergebnis. Es macht einfach einen Unterschied, ob ich frage „Wie sehr schadet Fernsehen einem Kind.“ oder ob ich frage „Wie fördert Fernsehen das Lernen und die Kreativität von Kindern?“ Am Ende würden beide Studien sicher eine Reihe an Nachweisen bringen, dass der Medienkonsum schadet, oder es eben nicht tut.

Zusätzlich müsste man auch weitere Zusammenhänge in Betracht ziehen. Wie sieht die familiäre Situation bei den Vielguckern aus? Welche Stimuli bekommen sie innerhalb und außerhalb der Familien geboten? Haben sie ausreichend soziale Kontakte? Wie häufig gehen sie zum Spielen raus? Wie glücklich sind sie?

Aber eigentlich brauchen wir ja gar keine Studien. Tief in uns drin wissen wir, wie schlecht fernsehen für unsere Kinder ist. Das ist sogar in unserem Sprachgebrauch verankert. Wer vor der „Glotze“ sitzt, bekommt viereckige Augen oder er verblödet gleich vor dem Flimmerkasten!

Das Schwarz-Weiß Denken

Es gibt so viele unterschiedliche Medienangebote und ich glaube wir sollten sie nicht alle über einen Kamm scheren. Von diesen Angeboten sind einige eher gut und andere eher nicht geeignet für kleine Kinder. Das kann auch ganz individuell von deinem Kind abhängen. Ein sehr ängstliches Kind sollte vielleicht manche Kinderserien nicht ansehen, die für andere Kinder völlig unbedenklich sind.

Wenn ich an ein Kind denke, das fernsieht, dann habe ich ein Bild im Kopf von einem kleinen Menschen in einem abgedunkelten Zimmer, der Popkorn-essend völlig gefesselt die Welt um sich herum vergisst und keine Freunde hat. Und genau dieses Bild macht uns Angst. Aber es ist halt auch ein Klischee. Ein Kind kann ja durchaus eine reichhaltige und glückliche Kindheit haben, in der eben auch Fernsehen oder Videos ihren Platz haben. Es gibt eben nicht nur schwarz oder weiß. Nicht jedes Kind, das sich eine Kinderserie anschaut, wird zum Chips-mampfenden übergewichtigen Glotzerich.

Fernsehen als Sündenbock

Ja, ich glaube auch, dass zu viel und zu frühes Fernsehen oder eben die Nutzung von iPad, Handy und Co. bei Kindern schädlich sein können. Gerade Babys und Kleinkinder können die vielen Reize noch gar nicht verarbeiten. Ihr Gehirn entwickelt sich rasant und alles, was ein Kind in dieser Zeit aufnimmt, hat einen Einfluss.

Erst ab etwa dem dritten Lebensjahr lernen Kinder Realität von Fiktion zu unterscheiden. Auch deshalb sollten meiner Meinung nach Medienangebote bis ins Kleinkindalter sehr sparsam oder eben sogar gar nicht eingesetzt werden.

Generell finde ich es aber ein bisschen zu einfach, einen Flimmerkasten für schlechte Schulleistungen oder soziale Abnabelung verantwortlich zu machen. Vielmehr als das Medium selbst, sind es eher die Eltern, denen möglicherweise die Kompetenz (oder Zeit) fehlt, ihrem Kind essenzielle Angebote zu machen, Grenzen zu setzen und ihm einen gesunden Umgang mit Medien zu vermitteln.

Was brauchen Kinder, um gesund und glücklich aufzuwachsen?

Diese Frage finde ich grundlegend in der Diskussion darüber, ob Medien nun schädlich sind oder nicht. Meiner Meinung nach brauchen Kinder Bewegung. Sie brauchen vielfältige soziale Kontakte. Kinder brauchen Zeit zum Spielen. Sie brauchen Herausforderungen, die sie meistern können. Sie brauchen Geborgenheit. Sie brauchen Sicherheit, Authentizität, Zugehörigkeit… Ich könnte die Liste noch fortführen.

Videos brauchen Kinder definitiv nicht, um glücklich aufzuwachsen und kompetente Erwachsene zu werden. Meiner Meinung nach verhindern sie das aber auch nicht. Wichtig ist, dass Kinder all die Erfahrungen machen dürfen, die für ihre Entwicklung nötig sind und dass ihre Grundbedürfnisse befriedigt werden.

Ein Kind, das vier Stunden am Tag Videos schaut, das hat ja gar keine Zeit mehr für all diese vielfältigen Erfahrungen. Vielleicht sind seine Eltern nicht in der Lage, sich angemessen mit ihm auseinanderzusetzen und „parken“ es deshalb vor dem Fernseher. Das ist dann aber nicht die Schuld des Fernsehers. Einem Kind, das viel draußen an der frischen Luft spielt, das sich ausprobieren darf, das sich alleine beschäftigen kann, das mit anderen Personen interagiert, das eine Fülle an wertvollen Erfahrungen machen darf, schadet es sicher nicht, wenn auch hochwertige Medienangebote Teil seines Alltags sind.

Welche positiven Effekte Videos auf mein Kind und unseren Familienalltag haben

Falls das bis jetzt so klingt: Nein, bei uns läuft nicht den ganzen Tag der Fernseher 😀 Wir haben gar keinen. Was wir haben sind ein Netflix und ein Amazon Prime Abo und wir genießen es, hin und wieder nach einem arbeitsreichen Tag in eine Serie abzutauchen.

Mein Sohn durfte bis vor Kurzem nur in Ausnahmefällen Videos anschauen. Babys und Kleinkinder sind so neu in der Welt, dass es meiner Meinung nach völlig ausreicht, wenn sie erstmal sich selbst und ihre Umgebung erkunden und kennenlernen.

Inzwischen ist mein Sohn drei Jahre alt und darf am Wochenende und bei schlechtem Wetter auch mal unter der Woche Videos anschauen. Und es macht ihm einen Riesenspaß! Er taucht total ein in die Serien und ihre Helden. Der Moment, in dem ich die Fernsehzeit beende, ist schwierig für uns beide. Aber kurz darauf sehe ich, wie mein Kind aufblüht. Über Stunden und Tage spielt er Szenen aus seiner Serie nach. Er fliegt mit imaginären Freunden durchs Wohnzimmer. Er fühlt sich stark und selbstsicher, hilfsbereit und heldenhaft.

Gerade jetzt, wo wir aufgrund von Corona nicht mehr so richtig raus können und keine Freunde mehr treffen können, habe ich das Gefühl, dass die Freunde aus seinen Serien das ein Stück weit auffangen. Das soll nicht heißen, dass sie reale Freunde ersetzen. Aber allein die Vorstellung, Teil einer Gruppe zu sein beflügelt meinen Sohn und macht ihn glücklich.

Ich kann auch nicht leugnen, dass ich es durchaus genieße, regelmäßig etwas Zeit für mich zu haben. Und auch unsere winterlichen Kinonachmittage möchte ich nicht missen. Denn das ist auch Familienzeit für mich: Zusammen einen Film anschauen. Unser Sohn spielt noch tagelang die Witze aus dem Film nach.

Wie Medienkonsum bei Kindern funktionieren kann

Weil ich weiß, dass mein Sohn alles bekommt, was er zum Aufwachsen braucht, ist es völlig okay, dass auch Kindermedien dazugehören.

Kinder beobachten und Medienkonsum kritisch hinterfragen

Ich achte genau darauf, was er schaut, wann und wie lange. Wenn ich sehe, dass ihm das irgendwann nicht mehr guttut, dann müssten wir eben Anpassungen vornehmen. Momentan sehe ich aber das Gegenteil. Er hat Spaß, es beflügelt seine Fantasie, er begeistert sich. Mein 3-jähriger Sohn legt inzwischen die Namen seiner Lieblingsfiguren aus Super Wings mit Scrabble-Steinen nach. Er möchte ganz viel helfen, so wie seine kleinen Freunde aus der Serie. Er bekommt ein Konzept von der Welt und davon, dass es überall Kinder gibt, die ganz anders leben als er selbst. Solange diese positiven Effekte überwiegen, finde ich keine Argumente um Videos zu verteufeln. Natürlich werde ich weiterhin kritisch sein und mein Kind einfach beobachten und schauen, was ihm guttut und was nicht.

Videos nicht als Strafe oder Belohnung einsetzen

Medienkonsum ist bei uns kein Privileg, das man sich verdienen muss. Je mehr Heckmeck ich darum mache, desto mehr glorifiziere ich es ja. Es gibt eine relativ feste Zeit, zu der mein Sohn Videos schauen darf. Das war jetzt im Winter meist am Wochenende am späten Nachmittag. Im Moment darf er während der Ausgangsbeschränkung unter der Woche am Nachmittag schauen und darauf kann er sich auch verlassen. Am Wochenende ist dann Familienzeit, da unternehmen wir etwas zu dritt und spielen zusammen.

Essen gibt es bei uns auch nicht vor dem Fernseher. Ich möchte, dass mein Sohn lernt, auf seinen Körper zu hören und glaube das geht nicht, wenn er abgelenkt ist.

Eltern sollten die Inhalte überprüfen

Es gibt ganz tolle Sendungen für Kinder, bei denen sie noch richtig was lernen. Manche Eltern lassen ihre Kinder fremdsprachige Sendungen schauen, um ihr Sprachverständnis zu fördern. Bei uns sollen die Videos vor allem Spaß machen. Mein Sohn muss nicht unbedingt nebenbei das Alphabet lernen. Allerdings achte ich schon darauf, dass die Inhalte altersgemäß sind und meinem Anspruch an eine vernünftige Kindersendung entsprechen. Ich sitze zwar nicht die ganze Zeit daneben, aber bei der Wahl einer neuen Sendung entscheide ich mit.

Kinder auf das Leben in der modernen Welt vorbereiten

Computer, Smartphone und das Internet gehören zur modernen Welt dazu. Ob dir das gefällt oder nicht, aber ändern kannst du es nicht. Neben den negativen Aspekten, die diese Technologien in unseren Alltag gebracht haben, gibt es auch unzählige Positive. Wir Eltern haben die Chance, unseren Kindern von klein auf beizubringen, verantwortungsvoll und klug mit diesen Medien umzugehen, um eben all diese positiven Dinge für sich herauszuziehen. Denn irgendwann kann ich sie meinem Kind nicht mehr vorenthalten und dann finde ich es wichtig, dass es weiß damit umzugehen.

Kinder lernen von ihren Vorbildern

Wie unsere Kinder digitale Medien wahrnehmen, hängt auch stark davon ab, wie wir als Eltern mit ihnen umgehen. Wenn wir unter Dauerbeschallung leben und alle paar Minuten auf das Smartphone schauen, ist das etwas anderes, als wenn wir Medien gezielt einsetzen und mit unseren Kindern darüber sprechen, was wir da machen – aber bitte ohne schlechtes Gewissen, sondern mit dem Selbstvertrauen, dass wir unseren Kindern ein Fenster zur Welt öffnen und sie dabei verantwortungsvoll begleiten.

 

Das könnte dir auch gefallen

Hinterlass uns einen Kommentar