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Was hinter dem Quengeln deines Kindes steckt und wie du am besten damit umgehst

Wenn kleine Kinder quengeln und nörgeln, kann uns das zur Weißglut treiben. Der schrille Ton, die unendlichen Wiederholungen, die Taubheit für unser „Nein“ und wofür das Ganze? Irgendwelche Nichtigkeiten! Wie du am besten auf das Quengeln deines Kindes reagierst und dir zukünftig die ein oder andere Nörgelei ersparst, verraten wir dir in diesem Artikel.

Neiiiiiin, ich will nicht gehen. Mamaaaa Schokoriegel bitteeeeee, ich hab Hunger. Waah waah waah… Wo hat dein Kind das nur her? Du beschwerst dich doch auch nicht den ganzen Tag? Und warum um alles in der Welt ist dein Kind überhaupt so selbstbezogen und undankbar? Du kaufst ihm ein Eis, es quengelt weil es noch eins will. Nach einem ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz quengelt dein Kind, weil es nicht nach Hause will. Zu Hause geht die Nörgelei weiter, weil es offenbar zehn Minuten vor dem Abendessen vor Hunger umkommt. „Jetzt reiß dich doch mal zusammen“, würde es am liebsten aus dir herausplatzen.

Quengeln hat immer einen Grund

Tatsächlich würde dein Kind sicher viel lieber gut gelaunt über den Spielplatz rennen, irgendwelchen Quatsch machen und sich einfach am Leben erfreuen. Mach dir bewusst, dass dein Kind nicht versucht, allen das Leben schwer zu machen.

Kinder quengeln aus verschiedenen Gründen. Das können körperliche Bedürfnisse sein wie Hunger, Durst oder dass dein Kind auf die Toilette muss. Vielleicht ist dein Kind überreizt, überfordert oder auch unterfordert, sprich es langweilt sich.

Es ist sehr gut möglich, dass dein Kind dir nicht konkret sagen kann, was es bedrückt. Wir Erwachsenen verfallen oft dem Trugschluss zu denken, dass Kinder die schon sprechen können uns auch alles sagen können. Aber dem ist nicht so. Ein Kleinkind, das völlig überfordert ist, weil es den ganzen Tag beim Familienessen lieb und brav sein musste, wird das kaum so ausdrücken können. Es merkt einfach nur dieses schwere Gefühl, dass langsam die Kontrolle übernimmt und das es nicht in Worte fassen kann.

Aber warum dieser Tonfall?

Quengeln ist ein Ausdruck von Machtlosigkeit und Abhängigkeit. Dein Kind braucht oder möchte etwas und ist allein nicht dazu in der Lage, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Wenn es dann noch auf deine Ablehnung stößt, wird das Gefühl der Machtlosigkeit umso größer. Dein Kind kann wirklich gar nichts tun, außer seinem Unmut lautstark Ausdruck zu verleihen.

Quengeln ist ein unterdrückter Wutanfall

Wenn dein Kind quengelt, dann verspürt es ein tiefes Unbehagen. Es ist ganz natürlich, dass dein Kind sich mit diesem Gefühl an seine engsten Vertrauten wendet. Und es kann dein Kind sogar enorme Anstrengung kosten, sich jetzt „am Riemen zu reißen“ und nicht völlig den Kopf zu verlieren. Statt dessen wendet es sich weinerlich an dich und bittet dich um Hilfe.

Quengeln kommt nicht „aus dem Nichts“

Für dich mag es manchmal so scheinen, als würde dein Kind urplötzlich und wie aus dem Nichts anfangen, unsäglich zu nörgeln. Viel wahrscheinlicher ist, dass du die Vorzeichen nicht gesehen hast. Vielleicht bist du gerade von der Arbeit nach Hause gekommen und hast dich darauf gefreut, dein Kind in die Arme zu nehmen. Statt dessen wendet es sich ab, fängt an zu heulen und macht „ein Riesentheater“.

Selbst wenn du nicht weißt, was los ist oder dir der Grund nichtig erscheint, erlaube deinem Kind, seinem Ärger Luft zu machen. Geh davon aus, dass irgendetwas dahinter steckt. Vielleicht kannst du es ergründen oder versuchen, das Bedürfnis deines Kindes (Nähe, Zuwendung, Hunger, …) zuerst zu erfüllen.

Warum du emphatisch auf das Quengeln deines Kindes reagieren solltest

Stell dir vor: Es war ein furchtbarer Tag. Du bist schon müde aufgewacht, auf der Arbeit hattest du Stress wegen einer nicht eingehaltenen Deadline, eine Freundin hat dich kurzfristig sitzen lassen und zu allem Unglück fühlst du dich heute einfach total unwohl in deiner Haut. Als du dich zu Hause deinem Partner anvertrauen möchtest, kommt ein Spruch wie „Du kriegst wohl deine Tage“. Wie fühlst du dich? Hat der Kommentar geholfen, damit es dir besser geht? Fühlst du dich verstanden, geliebt und gesehen?

Das ist natürlich ein Parade-Negativbeispiel und die meisten von uns spüren intuitiv, dass es nicht ok ist, so auf die Probleme unserer Liebsten zu reagieren.

Versuchen wir ein anderes Gedankenspiel: Dein Partner kommt nach Hause, knallt unsanft die Tür ins Schloss und verzieht sich meckernd auf’s Sofa. Offenbar ist auf der Arbeit wieder irgendetwas vorgefallen. In letzter Zeit gibt es immer wieder Probleme mit dem Chef. Hörst du dich so etwas sagen wie „Kaum bist du zu Hause, schon geht es wieder los mit dem ständigen Genörgel“?

Wahrscheinlich würden dir diese Worte nicht über die Lippen kommen. Viel eher würdest du dich neben deinen Partner setzen, ihm den Arm streicheln und ihn mit sanfter Stimme fragen, was denn überhaupt los ist.

Also warum bringen wir unseren Kindern nicht das selbe Mitgefühl entgegen, wenn sie aufgewühlt sind? Warum versetzt es uns sofort in Rage, wenn unser Kind gerade emotional überlastet ist? Vielleicht sind es die Geister unserer Vergangenheit, die – bewusst oder unbewusst – immer noch unsere Erziehung beeinflussen.

Ein kleiner Ausflug in die Erziehungsgeschichte

Einer der einflussreichsten Erziehungsratgeber in Deutschland des 20. Jahrhunderts war Johanna Haarers „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Haarer, fünffache Mutter und einflussreiche Figur im Nationalsozialismus rät in ihrem Buch dazu, die Bedürfnisse von Kindern gezielt zu ignorieren. Sie sieht das Baby als einen „Quälgeist, dessen Wille es zu brechen gilt“. Die Mutter soll sich „von dem eigensinnigen Geschrei nicht irre machen lassen“. Denn, „Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig!“

Noch bis 1987 wurde das Buch in verschiedenen Versionen neu aufgelegt. Auch auf die deutsche Kindergartenpädagogik hatte Haarer maßgeblichen Einfluss.

Warum ist das wichtig? Zwar sind die Lehren Haarers inzwischen überholt und heute weht ein neuer Wind in der Kindererziehung. Und auch Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich natürlich nicht alle Eltern an das von ihr propagierte strenge Modell gehalten, indem es darum ging, die körperlichen Bedürfnisse zu stillen und die seelischen zu ignorieren. Dennoch tragen wir ihr gesellschaftliches Erbe ins uns. Wenn wir heute denken, unsere Kinder dürfen uns nicht „auf der Nase herumtanzen“ oder sie wollen nur „ihren Willen durchsetzen“, entspringt das nicht immer unserer ureigenen Intuition. Viel mehr sind es Auffassungen, die gesellschaftlich gewachsen sind und die wir angenommen haben. Einige entspringen möglicherweise einer Zeit, in der viele dachten, dass Kinder erst durch strenge Erziehung zu guten Menschen erzogen werden müssten.

Gefühle ernst nehmen, nicht die Probleme lösen

Muss ich also jedem Quengeln nachgeben?

Nein, absolut nicht. Es ist wichtig zu wissen, dass dein Kind dich nicht wissentlich manipulieren möchte. Wenn dein Kind quengelt, dann steht da ein kleiner Mensch vor dir, der ein Problem hat und dem es gerade nicht gut geht. Das bedeutet aber nicht, dass du jedes Problem auch lösen musst, das dein Kind hat. Schauen wir auf unser Beispiel von oben, in dem dein Partner gestresst von der Arbeit nach Hause kommt, weil er ein Problem mit seinem Vorgesetzten hat. Da würdest du ja auch nicht im Büro des Chefs aufkreuzen, um den Chef zur Rede zu stellen. Vielmehr würdest du deinem Partner Mitgefühl und Verständnis entgegenbringen. Und möglicherweise reicht das schon, um ihm die Kraft zu geben, selbst etwas zu ändern.

Der wohlwollende Blick auf dein Kind hilft dir, emphatisch zu reagieren

So ähnlich verhält es sich auch mit deinem Kind. Statt dich darauf zu versteifen, dass dein Kind gerade auf eine nervige Art und Weise eine Bitte äußert, die du absolut nicht erfüllen möchtest, fokussiere dich auf das Gefühl dahinter. So kannst du deinem Kind Mitgefühl entgegenbringen und trotzdem deutlich und liebevoll Nein sagen.

Quengeln unterscheiden: Bedürfnis oder Wunsch?

Als Mutter oder Vater eines Kleinkindes, kannst du wahrscheinlich ganz gut unterscheiden, ob das Quengeln deines Kindes einem Bedürfnis entspringt oder ob dein Kind einfach einen Wunsch verspürt. Braucht dein Kind deine Zuwendung nach einem langen Tag im Kindergarten, verziehst du dein Kind nicht, wenn du seinem Quengeln nachgibst. Du erfüllst einfach sein natürliches Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung. Wenn dein Kind vor Hunger quengelt, hat es ein Problem, das sich ganz einfach beheben lässt. Wenn es aber unbedingt der Schokoriegel an der Supermarktkasse sein muss, statt eines Apfels, handelt es sich vielmehr um einen Wunsch. Bedürfnisse sind Dinge, die notwendig sind. Wünsche sind Dinge, die man haben möchte, um sich besser zu fühlen.

Auch wir Eltern haben Bedürfnisse und manchmal müssen wir die Bedürfnisse unserer Kinder und anderer Familienmitgliedern mit unseren eigenen aufwiegen und entscheiden, welches schwerer wiegt. Nach dieser Entscheidung würden wir einen schreienden Säugling vermutlich zuerst versorgen, bevor wir uns unserem quengelnden Kleinkind zuwenden. Und das ist völlig ok, denn auch so lernt dein Kind, dass es manchmal warten muss und seine Bedürfnisse nicht immer an erster Stelle stehen (können).

Auf das Quengeln reagieren: Liebevoll und konsequent sein

Und wenn dein Kind ein Riesentheater macht, weil es unbedingt das Überraschungsei an der Supermarktkasse haben möchte?

Wir sind der Meinung, man muss einem Kind nicht unbedingt jeden Wunsch abschlagen, aus erzieherischem Kalkül (Das Kind soll lernen, dass es nicht alles haben kann, wenn es quengelt). Allerdings wird dein Kind es früher oder später schwer haben, wenn es nie gelernt hat, zurückzustecken. Jemand der nicht lernt, mit Ablehnung umzugehen, für den ist es möglicherweise viel schwerer, mit dem ersten Liebeskummer klarzukommen. Für jemanden, der nicht gelernt hat zu warten, ist im späteren Leben möglicherweise jedes Warten auf den Bus eine Tortur.

Für dein Kind ist vor allem wichtig, dass dein Nein verlässlich ist. Je mehr du rumeierst und deine eigene Entscheidung anzweifelst, desto mehr spürt dein Kind, dass es dich möglicherweise doch überzeugen kann. Und natürlich lernt dein Kind, dass Quengeln ein wirkungsvolles Mittel ist, wenn du ihm immer wieder nachgibst und seine Wünsche erfüllst. Ob du das Überraschungsei kaufst oder nicht, ist im Grunde egal. Es kommt darauf an, ob die Entscheidung für dein Kind nachvollziehbar ist. Wenn du jedesmal eins kaufst und an einem Tag nicht, ist sie es nicht.

Vorbild sein

Wenn du jedesmal leidig das Gesicht verziehst und das Quengeln deines Kindes mit einem weinerlichen „Muss das jetzt schon wieder sein, kannst du nicht einfach mal zufrieden sein???“ beantwortest, tust du im Grunde nichts anderes als Nörgeln. Sei ein Vorbild und bleibe ruhig und freundlich. So lernt dein Kind am ehesten, dass in eurer Familie ein normaler Tonfall gesprochen wird. Wenn es nur der Tonfall ist, der dich nervt, kannst du dein Kind auch fragen, ob es seine Bitte mit seiner normalen Stimme wiederholen kann. Oder du wiederholst die Bitte auf die Art, wie du sie gern gehört hättest.

Wie du dem Quengeln (meistens) vorbeugen kannst

Kinder quengeln häufig, weil sie merken, dass die Strategie funktioniert, also wenn wir nicht konsequent zu unserer Entscheidung stehen. Wer aus Angst vor einem Wutanfall jedes Mal nachgibt, verlagert das Problem nur. Lehre dein Kind, dass du verlässlich bist. Ohne Wutanfälle schaffst du es ohnehin nicht durch die Kleinkindzeit. Aber du kannst die Erwartungshaltung deines Kindes schulen, indem du verlässlich bist. Beim nächsten Mal ist es leichter, dein Nein zu akzeptieren.

Ein weiterer Auslöser für leidige Nörgeleien ist, dass wir unseren Kindern zu viel zumuten. Wer ein müdes und hungriges Kind mit zum Einkaufen nimmt, muss mit Problemen rechnen. Wer keine Spielzeuge mit auf eine lange Autofahrt nimmt, kann sich auf das Gejammer vom Rücksitz einstellen. Solche Situationen sind vermeidbar. Genauso ist ein 2-jähriges Kind nicht unbedingt in der Lage, zwanzig Minuten am Tisch auf sein Essen zu warten. So viel Geduld hat es einfach noch nicht.

Wenn du es nicht vermeiden kannst, dein müdes Kind in einen überfüllten Supermarkt zu schleppen, kaufe ihm vorher ein Brötchen, um die Belastung besser zu ertragen. Genauso kannst du dich in anderen Situationen fragen, ob dein Kind das schon schafft oder du es umgehen kannst. Quengeleien, die aus einer Überforderung resultieren, kannst du antizipieren, indem du dich fragst: Wie geht es meinem Kind gerade? Was braucht mein Kind in diesem Moment? Wie kann ich sein Bedürfnis erfüllen.

Und manchmal sind Quengeleien eben auch unumgänglich. Auch die meisten Erwachsenen beschweren sich schließlich hin und wieder. Verbieten wir ihnen deswegen den Mund? Nein, wahrscheinlich hören wir ihnen erst einmal geduldig zu. Schließlich gilt es ja als gesund, mal „Dampf abzulassen“. Oft reicht das schon, um das Gequengel zu beenden und sich etwas anderem zuzuwenden.

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