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16 Alternativen zu Strafen für mehr Kooperation von deinem Kind

Was Strafen angeht, stecken Eltern heute in einem Dilemma. Einerseits möchten wir unsere Kinder nicht bestrafen und damit orientieren wir uns an den modernen Erziehungstrends. Andererseits können wir destruktives und respektloses Verhalten doch nicht einfach so hinnehmen. Mit anderen Worten: Wir können uns doch nicht einfach „auf der Nase herumtanzen“ lassen. Aber wie bringen wir unseren Kindern bei, sich anständig und sozial zu verhalten, ohne zu strafen?

Was sind Strafen

Im Erziehungskontext ist eine Strafe eine erzieherische Maßnahme, mit der ein Fehlverhalten des Kindes geahndet werden soll. Noch bis in die 1970er Jahre galten Körperstrafen auch in Teilen der westlichen Welt noch als probates Erziehungsmittel. Erst seit 2000 sind sie in Deutschland gänzlich verboten. Kein Wunder, dass sich viele Eltern so schwer damit tun, Alternativen zur Bestrafung zu finden. Teilweise wurden ihre Eltern sogar noch mittels körperlicher Züchtigung diszipliniert.

Doch auch subtilere verbale und nonverbale Erziehungsmittel können ein Kind psychisch verletzen. Zu ihnen gehören laut Lutz Schwäbisch und Martin Siems ‚Anleitung zum sozialen Lernen‘ unter anderem: ein schlechtes Gewissen machen, verletzen, auslachen, anklagen, ironisieren, herabsetzen, drohen, gehässig kritisieren, triumphierend provozieren, Vorwürfe machen, ausschimpfen, ein leidendes Gesicht machen, sich zurückziehen.

In der modernen Erziehung werden Strafen gerne durch Konsequenzen ersetzt. Konsequenzen sollen dem Kind zeigen, dass sein Handeln nicht ohne Folgen ist. Das Problem bei Konsequenzen ist, dass sie häufig doch nur Sanktionen und eben nicht natürliche Konsequenzen sind. Konsequenzen kommen oft als Entzug von Privilegien daher und die sind am Ende nichts anderes als eine Machtdemonstration. Wenn du nicht so machst, wie ich es sage, nehme ich dir etwas weg, das du gerne hast.

Strafen können eine kurzzeitige Verhaltensänderung herbeiführen. Warum sie langfristig nicht funktionieren und im schlimmsten Fall deinem Kind und eurer Beziehung schaden, kannst du in diesem Artikel nachlesen.

Warum wir strafen

Kaum jemand straft, um seinem Kind zu schaden. Im Gegenteil – Wir möchten, dass unsere Kinder sich kooperativ und gemeinschaftlich verhalten. Wir möchten, dass unser Familienalltag funktioniert, indem jeder seinen Teil leistet, auf die anderen Acht gibt und Rücksicht nimmt.

Oder wie Kleinkind-Eltern es formulieren würden: Wir wollen pünktlich zur Arbeit kommen und zwar ohne gehauen zu werden.

Doch die moderne Erziehungswissenschaft zeigt, dass Strafen uns dabei langfristig nicht helfen. Eltern die häufig Strafen, lernen auch nicht, wie sie sich in Konfliktsituationen mit ihren Kindern auseinandersetzen können, ohne Macht über sie auszuüben. Sie wissen sich dann einfach nicht mehr anders zu helfen.

Alternativen zum Strafen

Wenn du auch manchmal „mit deinem Latein am Ende bist“, zeigen wir dir 16 verschiedene Ansätze, wie du Strafen umgehen und die Kooperation mit deinem Kind fördern kannst:

1 Suche den Grund für den Verhalten deines Kindes

Dein Kind schlägt dich, weil du ihm den Schokoriegel nicht kaufen möchtest? Was steckt dahinter? Was ist vorher passiert? Kann es sein, dass du dein Kind nach einem langen Kita-Tag hungrig kurz vor dem Abendessen noch mit zum Einkaufen in einen völlig überfüllten Supermarkt geschleppt hast? Kann es sein, dass dein Kind noch nicht gelernt hat, seine Emotionen mit Worten auszudrücken?
 Welche Lehren ziehst du daraus? Was kannst du deinem Kind beibringen und was kannst du selbst beim nächsten Mal ändern?

2 Nimm ein „Time-In“ mit deinem Kind

Früher sollten Kinder „Auszeiten nehmen“, auf ihr Zimmer gehen oder sich in eine Ecke stellen. Der Gedanke dahinter: Das Kind soll über seine (falschen) Handlungen nachdenken. Eigentlich eine gute Absicht, doch leider funktioniert das so einfach nicht. Je nach Alter des Kindes, ist es vermutlich noch gar nicht in der Lage, über seine Tat mit allen Konsequenzen nachzudenken und logische Schlüsse daraus zu ziehen. Und nicht nur das. Indem wir Kinder wegschicken, lassen wir sie mit ihrer Schuld und Frustration allein. Beim Time-In schließt du dein Kind nicht aus, sondern begleitest es.

Nimm dein Kind aus der Situation heraus und setze dich mit ihm gemeinsam zusammen. So beendest du das schädigende Verhalten und bekommst die Gelegenheit (später) mit ihm zu sprechen und Alternativen aufzuzeigen.

3 Zeige die natürlichen Konsequenzen auf

Statt dir Strafen auszudenken, die mit dem Verhalten möglicherweise nichts zu tun haben, verweise auf die natürlichen Konsequenzen.

Wenn dein Kind die Jacke nicht anzieht, wird es frieren. Oder du wirst nicht mit ihm aus dem Haus gehen, weil du dich schämst.

Wenn dein Kind sein Zimmer nicht aufräumt, möchtest du sein Zimmer nicht mehr betreten, weil du dich darin unwohl fühlst. Nun kann dein Kind überlegen, ob du ihm an der Türschwelle einen gute Nacht Kuss gibst, oder ob es wenigstens den Bereich um das Bett für dich freihält.

Das dein Kind die natürlichen Konsequenzen spüren soll heißt natürlich nicht, dass du dein Kind ins offene Messer rennen lässt. Will dein Kind sich nicht die Zähne putzen, dann kannst du nicht warten, bis es Karies bekommt. In dem Fall kannst du sagen, dass du für seine Gesundheit verantwortlich bist und das leider nicht akzeptieren kannst.

4 Nimm dir Zeit, um nach einer Lösung zu suchen

Häufig nutzen wir Strafen oder drohen diese an, weil wir uns nicht anders zu helfen wissen. Dabei müssen wir nicht immer sofort reagieren. Es heißt nicht umsonst „Erst denken, dann handeln“. Es ist durchaus legitim zu sagen „Das finde ich absolut nicht in Ordnung. Ich werde mit Mama darüber sprechen, was wir deswegen unternehmen wollen“.
Das Gute am Abwarten ist auch, dass du dich selbst erstmal beruhigen kannst. Gerade wenn Kinder uns triggern, laufen wir Gefahr in einer Weise zu reagieren, die wir später bereuen.

5 Atme durch

Wenn du merkst, du bist auf 180 und kurz davor, dein Kind richtig anzuschreien oder zurechtzuweisen, atme tief durch oder verlasse den Raum. So schützt du dich und dein Kind vor ungesunden Verhaltensweisen. Außerdem kannst du deinem Kind zeigen, wie du mit deiner Wut umgehst. Du kannst es deinem Kind sogar erklären, zum Beispiel indem du sagst „Ich bin soooo sauer, ich muss erstmal kurz den Raum verlassen und tief durchatmen. Wenn ich mich beruhigt habe, können wir weiter reden.“

Übrigens solltest du deinem Kind diese Pause auch gönnen. Es macht keinen Sinn, einem Kind eine Standpauke zu halten, das gerade einen Wutanfall hat. Warte, bis es sich beruhigt hat, bevor du mit ihm sprichst.

6 Zeige klar deine Grenzen und Bedürfnisse auf

Nicht zu strafen bedeutet nicht, sich alles gefallen zu lassen. Zeige deinem Kind klar, wo deine Grenzen liegen. Sage, welche Bedürfnisse du hast und welche Regeln dir deshalb für das Zusammenleben wichtig sind. Erkläre deinem Kind auch, warum bestimmte Verhaltensweisen schädlich sind (zum Beispiel weil Hauen weh tut und lügen das Vertrauen schädigt).

7 Sei ein Vorbild und zeige, wie es „richtig“ geht

Kinder lernen durch Nachahmung. Sei ein gutes Vorbild. Entschuldige dich, wenn du einen Fehler gemacht hast. So lernt dein Kind, sich zu entschuldigen. Sei ehrlich und dein Kind lernt, nicht zu lügen.

8 Freue dich, wenn dein Kind etwas richtig macht

Du regst dich über immer die gleiche Sache auf und heute hat es (oh Wunder!) gut geklappt? Zeige deinem Kind, dass dir sein gutes Verhalten auffällt. Beichtet dein Kind, dass es etwas kaputt gemacht hat, lobe seine Ehrlichkeit, bevor ihr gemeinsam nach einer Lösung sucht (sauber machen, nächstes Mal nicht rennen…)

9 Zeige alternative Verhaltensweisen

Wir sagen unseren Kindern oft, wie sie sich nicht benehmen sollen. Und vergessen zu sagen, was sie stattdessen tun sollen. Beispiel: Dein Kind schmeißt jedes Mal sein Spielzeug durch die Gegend, wenn es wütend ist. Dabei gehen immer wieder Dinge zu Bruch. Zeige deinem Kind, wie es seine Wut herauslassen kann, ohne sich und andere zu verletzen (Stampfen, ein Kissen boxen, sagen „Mama ich bin wütend“, eine Runde um’s Haus rennen,…)

10 Spiele Situationen nach

Kinder lernen im Spiel. Lego oder Rollenspiele sind eine fantastische Möglichkeit, mit deinem Kind Situationen nachzuspielen und gesunde Verhaltensweisen zu üben. Dein Kind profitiert vielfach von der gemeinsamen Zeit. Denn euer Spiel stärkt auch eure Bindung und sein Selbstbewusstsein.

11 Verabschiede dich vom Gehorsam

Gehorsam gegenüber den Eltern und Autoritäten gehörte im vergangenen Jahrhundert zu den wichtigsten Grundwerten der Kindererziehung. Dieses Erbe tragen wir in uns. Aber wie zeitgemäß ist es noch? Möchtest du wirklich, dass dein Kind (immer sofort) gehorcht? Oder kannst du dich vielleicht sogar daran erfreuen, dass dein Kind gerade lernt, sich abzugrenzen? Dass es lernt, nein zu sagen, zu verhandeln und für sich selbst einzustehen?

Wenn du akzeptieren kannst, dass dein Kind seinen eigenen Kopf hat, fällt es dir leichter damit umzugehen, wenn es „nicht hört“. Du kannst dann auf einer anderen Ebene mit deinem Kind sprechen und gemeinsam Lösungen suchen, die für die Gemeinschaft in Ordnung sind.

12 Bitte um Hilfe

Dein Kind streikt jedes Mal, wenn du ihm die Zähne putzen möchtest und bei Papa klappt es besser? Statt des täglichen Machtkampfes solltet ihr überlegen, ob diese Aufgabe von nun an dein Partner übernimmt.

13 Schraube deine Erwartungen herunter

Du kannst von einem Kind nicht verlangen, dass es sich wie ein Erwachsener verhält. Statt von deinem Kleinkind zu verlangen, dass es sich im Straßenverkehr vorsichtig und vernünftig verhält, solltest du dich darauf gefasst machen, jeden Moment loszurennen und es festzuhalten. Und wenn dein Kind einem anderen ein Spielzeug wegnimmt, ist das nicht das gleiche als würde dir jemand das Fahrrad klauen. Sieh es also aus einem anderen Blickwinkel.

14 Ändere etwas

Wenn du immer wieder auf hohen Widerstand bei den gleichen Tätigkeiten stößt, solltest du dem Problem auf dem Grund gehen. Vielleicht kannst du etwas in der Routine ändern, um Druck herauszunehmen. Mit älteren Kindern kannst du gemeinsam über die Probleme sprechen, die dich frustrieren.

15 Überlege, welche Regeln dir wirklich wichtig sind

Je mehr Regeln du innerhalb der Familie aufstellst, desto mehr musst du dafür sorgen, das sie eingehalten werden. Wie viele und welche Regeln in Familien gelten, ist ganz unterschiedlich. Letztendlich geht es darum, dass die Bedürfnisse und Grenzen eines jeden so gut es geht gewahrt sind. Allerdings kann sich dein Kind – je nach Alter – sowieso nur eine begrenzte Anzahl an Regeln merken. Überlege, was dir wirklich wichtig ist. Auf diese Regeln kannst du deinen Fokus setzen. Du kannst also Zeit und Energie darauf verwenden, sie mit deinem Kind zu üben.

16 Schaue auf deine Beziehung zu deinen Kind

Dass Kinder gelegentlich widersprechen ist ganz normal und phasenweise kann der Widerstand sich auch erhöhen. Auch das ist normal. Wenn du allerdings das Gefühl hast, dass dein Kind grundsätzlich nicht akzeptiert, was du sagst, dann steckt womöglich ein Problem dahinter. Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo sagt dazu in einem Interview „Gehorsamkeit entsteht durch starke emotionale Bindung“. Und die braucht Zeit und Aufmerksamkeit – beides Mangelware in einer immer schneller werdenden Gesellschaft, in der wir versuchen alles so effizient wie möglich unter einen Hut zu bringen. Versuche deinen Alltag zu entschlacken und intensive Beziehungszeit mit deinem Kind zu verbringen. Wenn dein Kind sich geliebt fühlt, fällt es ihm leichter, deinen Bitten nachzukommen und Kritik nicht persönlich zu nehmen. Auch Eltern werden sicherer in ihren Forderungen, wenn sie nicht vom schlechten Gewissen geplagt werden, zu wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.

Fazit

Ein „Wenn du nicht so machst, wie ich es möchte, streiche ich dir …“ rutscht den besten Eltern aus. Davon werden Kinder keinen großen Schaden nehmen. Je mehr du Alternativen zur Bestrafung anwendest, desto geübter wirst du darin, Konflikte mit deinem Kind auf Augenhöhe zu lösen. Du wirst lernen, hinter die bloßen Verhaltensweisen deines Kindes zu schauen und die Ursachen zu sehen. Und bei denen kannst du ansetzen, um deinem Kind wirklich etwas beizubringen. Dein Kind spürt, dass du dir Zeit nimmst und dass es gut so ist, wie es ist – auch wenn es mal einen Fehler macht. Es lernt, dass Fehler zum Leben dazugehören und übt Strategien, sie wiedergutzumachen. Wichtige Lektionen für’s Erwachsenenleben, wenn Mama und Papa nicht mehr da sind, um Fernsehverbote auszusprechen.

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