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Warum du dir Kritik sparen solltest und wie du dein Kind im Alltag motivierst

Stell dir vor, du hast den ganzen Vormittag in der Küche gestanden, um den besten Braten für den Besuch am Abend zuzubereiten. Ganz nebenbei hast du verhindert, dass dein Kind die Steckdose ausleckt, die Wand bemalt und dem Baby die Haare schneidet. Als dein Partner nach Hause kommt, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen. „Was ist denn hier passiert? Ist hier ne Bombe eingeschlagen?“ Du schaust dich um. Die Küche sieht aus, als hätte man – in Anwesenheit eines Kleinkindes – in ihr gekocht. Im Wohnzimmer hat sich dein Kind für eine erstaunliche Zeit selbst beschäftigt. Und das sieht man auch.

Wie fühlst du dich? Was hättest du lieber gehört? Vielleicht etwas wie:

„Was ist das für ein leckerer Geruch, der durch das Haus strömt?“ oder „Du hast es geschafft, so ein aufwändiges Essen zu kochen und gleichzeitig unseren Sohn zu beschäftigen? Respekt!“

Warum hast du etwas anderes gehört? Weil unser Gehirn darauf programmiert ist, Fehler zu sehen und zwar viel mehr, als die positiven Dinge. Das geht deinem Partner so und dir auch.

Je nachdem, wie du heute drauf bist, wirst du vielleicht wütend, enttäuscht oder schlagfertig auf den Kommentar deines Partners reagieren. Das Problem ist, dass unsere Kinder ständig mit Zurechtweisung, Kritik und Verbesserungsvorschlägen durch uns konfrontiert sind. Und die nehmen sie sehr persönlich.

Warum wir unsere Kinder viel zu oft kritisieren und korrigieren

Wir merken oft garnicht, wie defizitorientiert unser Blick ist. Und so gängeln und kritisieren wir unsere Kinder teilweise ganz unbewusst durch den Alltag. Und manchmal fühlen wir uns dabei, als hätten wir gar keine andere Wahl. Wir wollen schließlich nicht, dass unsere Kinder sich zu Barbaren entwickeln. Und mal ehrlich, manchmal macht es ganz den Anschein, als würden sie genau diese Richtung einschlagen.

Das Problem daran ist, dass wir unseren Kindern eine ganze Menge negativer Botschaften senden, indem wir sie ständig korrigieren zum Beispiel: „Ich beobachte alles was du tust.“ „Ich sehe jedes Fehlverhalten von dir.“ „Ich möchte, dass du dich immer richtig verhältst.“ oder auch „Es ist wichtiger was du machst, als wie du bist.“ und so weiter. Je öfter diese Botschaften bei unseren Kindern ankommen, desto mehr werden sie zu ihrer Realität.

Warum du deine Schlachten achtsam wählen solltest

Kinder versuchen die Welt zu entdecken. Wenn wir ständig daneben stehen und sie korrigieren, werden sie zu der Auffassung gelangen, dass sie schwierig und überwältigend ist. Und sie werden sich uns gegenüber verschließen. Je häufiger wir betonen, dass „zu viel Schokolade Bauchschmerzen macht“, dass „kalte Füße krank machen“ und „das Spielzeug in der ganzen Wohnung herumliegt“, desto mehr schalten sie ab. Das ist schade, denn manchmal haben wir ja durchaus Wichtiges zu verkünden. Aber das von all dem Blabla herauszufiltern ist einfach zu schwierig.

Wenn du also möchtest, dass deine Kinder deinen Worten Gehör schenken, solltest du genau abwägen, was dir wirklich wichtig ist. Das könnte zum Beispiel sein, dass dein Kind nur an der Hand die Straße überquert oder dass es das Baby vorsichtig anfasst. Und indem du das tust, lässt du andere Dinge, die dir nicht ganz so wichtig sind einfach mal umkommentiert geschehen. Nicht, weil du nun damit einverstanden bist, sondern vielleicht weil du Vertrauen darin hast, dass sich dein Kind gut entwickeln wird. Oder weil du dich lieber darauf konzentrierst ein gutes Vorbild zu sein und deinem Kind vorlebst, wie es bei dir funktioniert.

Ist deine Kritik jetzt wirklich notwendig?

Überprüfe dich einfach selbst das nächste Mal, wenn du dein Kind korrigieren oder ihm etwas verbieten möchtest und frage dich: Ist das jetzt wirklich so schlimm, dass ich Kritik üben muss? Ist es wirklich so schlimm, dass dein Kind sein Kuscheltier mit in die Badewanne genommen hat? Ihr könnt es auch einfach über der Heizung trocknen lassen. Ist es wirklich schlimm, dass dein Kind die Nudeln heute mit der Hand isst? Höchstwahrscheinlich wird es das im Erwachsenenalter nicht mehr tun. Ist es wirklich schlimm, dass es auf den Kochtöpfen trommelt?

Wenn es dich wirklich extrem stört und natürlich immer, wenn du dein Kind vor eine Gefahr schützen musst, spricht nichts dagegen, einzugreifen. Die Frage ist, wie oft du das tust und ob dein Kind noch das Gefühl hat, dass es sich frei entfalten kann, ohne ständig kritisch gemustert zu werden.

So schaffst du es, weniger zu kritisieren und dein Kind zu stärken

Nun möchtest du natürlich deinem Kind trotzdem gewisse Dinge beibringen und fragst dich möglicherweise wie du das wohl tun sollst, ohne es ständig auf seine Fehler aufmerksam zu machen? Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum ersten ist es gar nicht notwendig, dass du wirklich jeden „Fehler“ kommentierst. Zum anderen kannst du deine und die Aufmerksamkeit deines Kindes auf die Dinge legen die gut laufen und es damit motivieren.

Akzeptiere, dass dein Kind sich nicht immer so verhalten wird, wie du es dir wünschst

Für Erwachsene ist es sehr schwierig, sich in die Welt eines Kleinkindes hineinzuversetzen und deshalb überfordern wir unsere Kinder auch zu oft und erwarten Dinge, zu denen sie noch gar nicht in der Lage sind. Wir denken, dass wenn sie es einmal geschafft haben, mit der Gabel zu essen, sollten sie es fortan immer tun. Wenn sie einmal auf dem Töpfchen waren, setzen wir sie unter Druck, es immer zu tun. Schließlich haben wir ja gesehen, dass sie es können. Aber so einfach ist das nicht.

Unsere Kinder lernen tagtäglich so viel und sind mit so vielen Anstrengungen konfrontiert, dass es eben nicht immer nur voran gehen kann. Wir tun uns und ihnen einen großen Gefallen, wenn wir uns entspannen und unsere Erwartungen zurückschrauben. Erfreue dich an den kleinen Erfolgen und akzeptiere den Weg so wie er ist.

Lass dein Kind lernen und seine eigenen Fehler machen

Warum uns das „selber machen“ unseres Kindes so nervt? Weil wir es nicht ertragen können, ihm beim Scheitern zuzusehen. Weil wir ungeduldig daneben stehen und wissen wie es viel schneller und besser geht. Weil wir schon sehen, wie das Müsli sich über den Boden verteilt. Weil wir beim kleinsten Unwohlsein unseres Kindes den dringenden Impuls verspüren, helfend einzugreifen. Dafür kann aber unser Kind nichts. Es sind unsere Gefühle und inneren Bilder.

Wie würdest du dich fühlen?

Nun stell dir vor, du versuchst dich in eine neue Sache einzuarbeiten. Es ist schwierig, aber je mehr du es versuchst, desto mehr scheint es dir zu gelingen. Was für ein wunderbares Gefühl, wenn du es geschafft hast. Und nun stell dir vor, dein Chef schaut dir die ganze Zeit über die Schulter, sagt dir, wie es besser geht oder fängt an, auf deinem Computer umzutippen und sagt etwas wie „So schaffen Sie es nie. Ich mache das.“ Wie fühlt sich das an? Hast du Lust, dich beim nächsten Mal wieder voller Elan in eine neue Aufgabe zu stürzen oder denkst du vielleicht „Es macht keinen Sinn es überhaupt zu versuchen, der redet mir eh nur rein.“ Vielleicht kommst du auch zu der Überzeugung, dass du tatsächlich weniger begabt bist und nur einfache Aufgaben übernehmen solltest.

Es spricht rein gar nichts dagegen, unseren Kindern beim Anziehen zu helfen, wenn sie unsere Nähe brauchen. Und natürlich kannst du Dinge zeigen und unterstützen, wenn dein Kind dich um Hilfe bittet. Aber überlege dir gut, ob du wirklich einzugreifen musst, wenn dein Kind sich selbstständig eine Herausforderung sucht, die es allein meistern möchte. Frag dich „was wäre das Schlimmste was passieren kann?“ Denn oft kann man das einfach wegwischen. Und sei auch sparsam mit ungefragten Ratschlägen. Du kannst dein Kind auch einfach mal etwas ausprobieren lassen. Es muss nicht immer alles gleich wissen oder gleich richtig lernen. Vielleicht möchte es erstmal nur spielen, sich die Schuhe zuzubinden. Das heißt nicht, dass da heute gleich ein Ergebnis hermuss.

Fokussiere dich auf das Positive

Was wir häufig übersehen ist, dass unsere Kinder den überwiegenden Teil der Zeit kooperieren und dass sie Tag für Tag etwas dazu lernen, in kleinen und großen Schritten. Und das gilt es erst einmal zu sehen und zu würdigen. Denn bevor dein Kind angefangen hat, die Nudeln mit der Hand in den Mund zu befördern, hat es vielleicht schon drei Mal versucht, eine Nudel mit der Gabel aufzupieken. Und als dein Kind das Badezimmer geflutet hat, hat es sich möglicherweise eine halbe Stunde lang selbstständig beschäftigt. Und obwohl sich dein Kind mit aller Kraft gegen das Einschlafen gewehrt hat, hat es doch irgendwann die Augen geschlossen und ist friedlich eingeschlummert. Bevor es den Wutanfall des Jahrhunderts hatte, war es mehrere Tage hintereinander im Kindergarten das friedvollste Kind der Welt.

Dich auf die positiven Dinge zu fokussieren, kannst du trainieren. Versuche es einfach mal aus. Und teile deinem Kind mit, was du siehst. Es geht nicht darum, dein Kind für alltägliche Dinge zu loben. Aber dein Kind wird merken, dass du seine Mühen wahrnimmst und sich motiviert fühlen, es wieder zu versuchen.

Hier ein paar Beispiele. Fühle doch mal in dich selbst hinein, welches Gefühl die Aussagen in dir hervorrufen.

  • Negativformulierung:

„Nicht mit der Hand! Iss bitte deine Nudeln mit der Gabel, dazu hast du sie.“

  • Positivformulierung:

„Du hast dreimal versucht, die Nudel mit der Gabel aufzupieksen. Als sie das erste Mal heruntergerutscht ist, hast du es sogar noch zwei weitere Male versucht. Das nenne ich hartnäckig. Ich bin mir sicher, mit ein bisschen mehr Übung wirst du es schaffen, eine Nudel aufzupieken.“

  • Negativformulierung:

„Wie sieht’s denn hier aus? Das räumst du aber alles wieder auf, ja?!“

  • Positivformulierung:

„Du hast dich selbst beschäftigt, während ich das Abendessen gekocht habe. Danke! Nachher räumen wir zusammen auf.“

  • Negativformulierung:

„Wieso klammerst du immer so an mir? Du bist doch kein Baby mehr.“

  • Positivformulierung:

„Ich mag es, mit dir zu kuscheln. Schön, dass du mich daran erinnerst, dass wir das öfter tun sollten. Wollen wir uns auf’s Sofa kuscheln und ein Buch lesen?“

Nobody is perfect

Das gilt für dein Kind genauso wenig wie für dich und den Rest der Familie. Wir glauben fest daran, dass es sich lohnt, seinen Blick zu schulen für die schönen und guten Dinge. Nicht nur im Verhalten deines Kindes, aber da lohnt es sich zu allererst hinzuschauen und zu üben. Natürlich wird dir das nicht immer gelingen und das ist auch ok. Deine Kinder dürfen ruhig mitbekommen, dass in dir auch andere Emotionen schlummern als die pure Freude. Sich auch mal zu ärgern ist völlig in Ordnung. Wenn dein Kind nicht das Gefühl hat, das es ständig alles falsch macht, wird es das auch gut wegstecken.

Sei also nicht zu kritisch mit dir selbst. Sieh es positiv! Vielleicht hast du heute schon drei nette Kommentare zu deinem Kind gemacht, bevor dich sein Verhalten zur Weißglut getrieben hat.

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