Von Anfang an dabei!

Warum Trotzphasen für Kinder wichtig sind

Was ist nur los? Gerade war dein kleiner Sonnenschein noch so fröhlich und von einem Moment zum anderen brennen die Sicherungen durch. Die Metapher ist gar nicht so verkehrt. Denn in etwa so sieht es im Gehirn deines Kleinkindes aus, wenn es „trotzt“: ein Fehler im System, Alarmstufe rot! Und das ist ganz schön anstrengend für alle Beteiligten. Wozu das gut ist, erklären wir dir in diesem Artikel.

Mit dem Durchtrennen der Nabelschnur beginnt dein Kind seinen Abnabelungsprozess. Der dauert viele Jahre und reicht noch bis ins Erwachsenenalter. In Phasen wie der Trotzphase und später der Pubertät wird das wachsende Autonomiebestreben besonders deutlich. In Realität werden Kinder in allen Entwicklungsstufen selbstständiger, nur nicht immer so lautstark.

Was ist die Trotzphase?

Der Begriff Trotzphase ist eigentlich etwas veraltet. Heute weiß man, dass das so genannte „Trotzen“ ein Streben nach Autonomie ist. In der heutigen Literatur wird deshalb auch von Autonomiephase gesprochen. Die Kinder sind nämlich nicht grundlos „bockig“. Sie möchten mehr selber machen und wehren sich lautstark, wenn ihnen das verwehrt wird.

Dein Kind lernt viel Neues

Um das zweite Lebsensjahr herum, eignet sich dein Kind immer mehr praktische Fähigkeiten an. Es beginnt zu laufen und kann sich so schneller und geschickter von seinen Eltern weg oder zu ihnen hin bewegen. Und dann kommen die neuen Features Knall auf Fall: Gegenstände transportieren, Besteck halten, Kleidung ausziehen und irgendwann sogar selbst anziehen.

Es wird selbstständiger

Dein Kind merkt, dass es mit seinen Handlungen etwas bewirken kann. Es erfährt Selbstwirksamkeit – ein tolles Gefühl. Genau das braucht es, um sich zu motivieren weiterzulernen. Jedes Mal, wenn dein Kind einen Schritt weiter kommt in seinen Fähigkeiten, wartet schon dieses tolle Gefühl „Ich hab das geschafft.“

Ohne das Streben nach Selbstwirksamkeit und die Motivation zum Lernen, würde dein Kind ein Baby bleiben, dem du mit 30 immer noch die Sachen anziehen und die Zähne putzen müsstest. Genau das ist der Grund, warum es so vehement darum kämpft, Dinge selbst zu machen (auch wenn sie dann drei Stunden länger dauern und dir die Hutschnur platzt).

Das Ziel vor Augen im Tunnelblick

Wenn dein Kind etwas Neues ausprobiert und lernt, nutzt es seine Imagination. Es plant in seinem Kopf, das T-Shirt über den Kopf zu ziehen oder sieht vor seinem inneren Auge, wie es die Milch in sein Müsli schüttet.

Was dein Kind sich nicht vorstellt, sind Plan B, C und D. Sein Gehirn ist stur darauf ausgerichtet, die Aktivität so auszuführen, wie geplant. Wenn nun das T-Shirt partout nicht über den Kopf rübergeht oder jemand anderes die Milchtüte nimmt und über das Müsli schüttet, kommt es zum Kurzschluss.

Dein Kind hat keine Handlungsalternativen für seinen Plan. Es ist total überfordert mit der Situation. Tränen, Schreie, Wut in all seinen für uns so unangenehmen Facetten. Wegen einem Schluck Milch?

Nein: Dein Kind weint nicht wegen der Milch. Dein Kind wütet, weil ihm einfach die kognitive Flexibilität fehlt, um Ziele zu verwerfen und zu verändern. Die Milch ist nur der Auslöser und morgen ist es die zerbrochene Banane und ein andermal die Hose, die sich nicht anziehen lässt.

Was dein Kind jetzt lernt

Trotzphasen, Wutausbrüche, Gefühlsstürme sind nicht etwa eine Laune der Natur. Sie sind kein Fehler, den ausgerechnet dein Kind hat und den du mit der „richtigen Erziehung“ ausmerzen müsstest. Das Trotzen deines Kindes ist ein wichtiger Lernprozess.

Dein Kind lernt seine Gefühle kennen

Die können einen manchmal ganz schön aus den Socken hauen: Wut, Frust, Angst, Sorgen und Trauer sind überwältigend. Je häufiger dein Kind diese Gefühle in sicherem Rahmen spüren darf, desto besser lernt es, sich durch sie hindurchzumanövrieren.

Und das ist auch für die Eltern ein spannender Lernprozess: Dass sie nicht alle Gefühle ihres Kindes wegmachen müssen. Gefühle gehören nunmal zum Leben dazu. Du kannst dir noch so sehr wünschen, dass dein Kind immer fröhlich ist. Wenn du akzeptierst, wie es ist, wird es für alle leichter.

Dein Kind lernt Handlungsalternativen kennen

Wenn dein Kind trotzt, dann ist ihm in seinen Augen eine Ungerechtigkeit widerfahren. Es weiß noch nicht, dass du eigentlich nur helfen wolltest.

Nach und nach lernt es, dass es verschiedene Pläne für ein und dieselbe Sache geben kann. Langsam kommt die Einsicht, dass man manchmal zurückstecken muss. Aber auch das Ausdrucksvermögen, um sich in anderen Situationen durchzusetzen wird immer besser. Dein Kind lernt, Kompromisse einzugehen, zu kooperieren, auch mal zurückzustecken.

Kurz: dein Kind wird geistig flexibler. Das geht nicht von heute auf morgen. Das Gute ist, dass du das weißt und dich deshalb innerlich nicht so sehr gegen das Trotzen wehren musst. Sieh es als Reifeprozess.

Mit diesem Trick bleibst du gelassen

Nimm es nicht persönlich. Das Trotzen deines Kindes ist kein Fehler im System und hat auch nichts mit mangelnder Erziehung zu tun. Es ist einfach ein Reifungsprozess, bei dem dein Kind Neues lernt.

Warum dich das so aufregt

Viele von uns haben schon als Kinder gespiegelt bekommen, dass wir für die Gefühle anderer verantwortlich sind. „Du warst böse, jetzt bin ich sauer.“ Tatsächlich ist das nicht der Fall. Gefühle entstehen in jedem selbst. Sie werden nicht von anderen ausgelöst, sondern durch unsere eigenen Interpretationen einer Situation.

Wenn du wütend wirst, weil dein Kind trotzt, dann liegt das an deiner Interpretation der Situation. Und die kannst du ändern. Der einfachste Weg dahin ist, die Situation einfach zu akzeptieren. Du musst sie nicht ändern, niemanden bestrafen, nicht erziehen. Sei einfach präsent (achte darauf, dass niemand sich verletzt) und irgendwann wird es auch vorübergehen.

Du kannst dem Trotzen deines Kindes nachgeben oder auf deinem Standpunkt beharren. Wichtig ist, dass du dich von den Gefühlen distanzierst, die das mit sich zieht. Lass dein Kind einfach sauer sein. Es ist sein gutes Recht.

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