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Vorsicht Facebook: Über Dogma und Drama in Mamagruppen

Was machen einsame Schwangere zuhause im Mutterschutz? Sie suchen sich bei Facebook andere einsame Schwangere, um gemeinsam nicht so allein zu sein – und um all die Fragen zu diskutieren, die ihnen unter den Nägeln brennen. Unsere Autorin hat genau das getan. Warum sie am Ende ihren Facebook-Account gelöscht hat, erfährst du in ihrem Facebook-Tagebuch.

Ich bin schwanger, wer noch?

Was haben unsere Mütter und Großmütter wohl gemacht, wenn ihnen im sechsten Schwangerschaftsmonat ständig die Nase blutet oder ein paar Wochen später andauernd das T-Shirt milchnass ist, obwohl das Baby noch nicht mal geboren ist? Also ich halte all diese Schwangerschaftsbeschwerdenschikanen am besten aus, wenn mir eine Freundin sagt „Ja, ist ganz normal. Bei mir auch. Kein Grund zur Sorge“. Und da ich keine Freundin habe, die auch gerade schwanger ist und ich mich ohnehin nicht vom Sofa runterkugeln kann, gehe ich mit meinen Sorgen dahin, wo alle sind: Facebook.

Wie gut, dass es Facebook gibt. Hier tummeln sich also alle werdenden Mamis rum, die genau wie ich in ihren finalen Wochen ihrer sofalägerigen Existenz ein paar emotional-digitale Streicheleinheiten von Gleichgesinnten suchen. Und wie toll ist das denn? Es gibt Gruppen für Schwangere, für Stillprobleme, für windelfreie Erziehung und jede andere Nische rund ums Elternsein. Klingt alles ganz toll, ich trete überall ein.

Zwei Wochen später

Ich kann mich vor Nachrichten kaum retten. Auf meine Vorstellung gab es 153 Kommentare und die kamen alle aufs Handy. Note to myself: Muss das mal deaktivieren. Immer wieder bekomme ich auch hitzige Diskussionen auf Facebook mit. Auf die folgen dann die „Über Meckerer meckern Beiträge“:

Facebook: Ständiges Gemecker in Müttergruppen

Zum Glück, mich betrifft es nicht. Zu mir waren bisher alle nett. Dafür beiße ich mir regelmäßig auf die Zunge, um bei manchen Fragen nicht ausfallend zu werden. Das gelingt mir, weil ich generell ein friedlicher Mensch bin. Aber da ist diese innere Anspannung beim Lesen so mancher Fragen und Antworten.

Zwei Monate später

Ich habe das schönste Baby der Welt. Leider war die Anleitung nicht dabei. Gottseidank bin ich gut vernetzt. Auf jede Frage melden sich dutzende Expertinnen. Leider stimmen sie oft nicht überein und immer wieder kriegen sie sich beim Kommentieren ziemlich in die Haare. Besonders dann, wenn’s ums Stillen geht, ums Tragen, Kinderwagen, Nuckel und windelfrei. Offenbar ist es auch Gang und Gäbe, unpopuläre Meinungen von Ärzten zu posten mit dem Zweck, sich von der Community die Bestätigung zu holen, dass dieser Arzt keine Ahnung hat von dem, was er tut.

Fünf Monate später

Ich habe aufgehört, bei Facebook zu posten und bin jetzt nur noch stille Mitleserin. Ich weiß aber nicht mehr so recht warum, denn ich kenne schon die Antworten. Da sind die verständnisvollen, die beratenden und die „mach so wie du es für richtig hältst“. Und dann sind da die, in deren Augen alle anderen sowieso keine Ahnung haben, die verständnislosen, die missionierenden und die feindseligen. Und je öfter ich mir die durchlese, desto wütender werde ich. Inzwischen diskutiere ich aber nicht mehr mit. Es ist mir zu blöd.

Auch viele Fragen gehen mir auf den Senkel. Meistens sind es die, die schon provokativ gestellt werden, um eine Diskussion zu entfachen. Oder die, die sowieso nur ihre Meinung bestätigt haben möchten. Und sowieso alles, wo meine Antwort instinktiv Let me google that for you wäre. Und dann noch die inhaltsleeren, wie „In welcher Woche seid ihr gerade?“.

Sechs Monate später

Ich habe meinen Facebook-Account gelöscht. Schade eigentlich, denn da war ich ja auch mit meinen ganzen Schulfreunden verbunden. Naja, wir hatten eh keinen Kontakt mehr. Es war ein drastischer Schritt, aber ich habe es nicht mehr ertragen. Es sind einfach zu viele Menschen, die zu viel zu sagen haben und das auch ungebremst tun.

Und ich lese mir all das ungefiltert durch – weil ich soviel Zeit habe beim Stillen – bis meine Nerven immer dünner werden, weil ich mich ständig über fremde Menschen aufrege.

Social Mom: Warum das Internet Fluch und Segen zugleich ist

Seit meiner Schwangerschaft hatte mein Facebook-Konsum rasant zugelegt. Warum? Das hat wahrscheinlich viele Gründe. Ich hatte tausend Fragen und wollte mich austauschen. Und später mit Baby fühlte ich mich plötzlich einsam. Meine Freunde sah ich kaum noch, Kollegen auch nicht mehr. In mein Baby war ich zwar furchtbar verliebt, aber wem sollte ich nur davon vorschwärmen?

Nur leider wird in den wenigsten Facebook Gruppen geschwärmt. Häufig wird gemeckert, beschwert, missioniert und sich angefeindet. Und es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich bemerkt habe, wie sehr mir das an die Substanz geht. Diese geballte Negativität. Es hat auch gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich reflexartig zum Handy greife, sobald mein Baby stillt. Und dabei habe ich einige echte Momente mit meinem Kind verpasst.

Ich verteufle soziale Medien nicht und beginne wieder, mich hier und da zu informieren. Je mehr ich mich achtsam und bewusst damit auseinandersetze, finde ich großartige Kanäle, Personen und Gruppen, die eine echte Bereicherung sind. Aber ich bin wählerisch geworden. Und genau das möchte ich allen werdenden Müttern auch raten: Seid wählerisch mit allem, was ihr in euer Leben und eure Gedanken lasst. Seid wählerisch mit eurer Zeit und wie ihr sie verbringt. Entflogt allem, womit ihr euch schlecht, klein, unperfekt, wütend fühlt und sucht euch stattdessen Kanäle, die euch inspirieren, ermutigen, akzeptieren. Und legt das Handy weg, wenn ihr die Tritte in eurem Bauch spürt. Legt lieber die Hand auf den Bauch und genießt den Moment.

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