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Das morgendliche Drama: Warum dein Kleinkind sich nicht anzieht

Gerade morgens da wäre es so schön, wenn einfach mal alles glatt gehen würde. Aufstehen, anziehen, frühstücken und los. Wenn das bei dir schon beim Anziehen scheitert, geht es dir wie vielen Familien. Entweder die Kinder können sich nicht einmal die Hosen selbst anziehen, obwohl die Freunde das schon lange allein machen oder sie wollen einfach nicht. Die allgemeine Morgenhektik tut ihr Übriges dazu, um dir den letzten Nerv zu rauben. Für einen schöneren Start in den Tag gehen wir in diesem Artikel darauf ein, warum dein Kind sich noch nicht anziehen kann oder will und was du tun kannst, um Druck rauszunehmen.

Ab wann kann ein Kind sich alleine anziehen?

Etwa ab dem 2. Lebensjahr lernen die meisten Kinder, sich bestimmte Kleidungsstücke anzuziehen. Manche ziehen sich mit etwa 30 Monaten komplett an, bei anderen dauert es bis ins 4. Lebensjahr, bis sie allein in Socken, Pullover und Schuhe schlüpfen. Reißverschlüsse, Knöpfe und Schnürsenkel meistern Kinder mit 4 bis 6 Jahren.

Warum kann mein Kind sich noch nicht anziehen?

Die Tochter deiner Freundin hat sich schon mit zwei Jahren komplett angezogen und dein Sohn schafft ein Jahr später noch nicht mal die Hausschuhe? In der Regel ist das kein Grund zur Sorge. Dass dein Kind in diesem Bereich langsamer ist, kann viele Gründe haben:

  • Es hat andere Interessen

    Vielleicht spielt dein Kind stundenlang auf dem Spielteppich mit Autos und fantasiert kreativ Situationen aus dem Straßenverkehr. Kinder haben unterschiedliche Interessen.
    Tipp: Versuche zu würdigen, was dein Kind schon kann und für was es sich interessiert, anstatt die Dinge, die es gerade noch nicht macht als Defizite zu sehen.

  • Es bringt andere kognitive und motorische Voraussetzungen mit

    Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell. Manche sprechen eher, andere krabbeln und laufen eher, andere schlafen früher durch und wieder andere sind einfach ganz gemütliche kleine Wesen und lassen sich Zeit mit den Dingen. Es kann sein, dass dein Kind im Moment einfach noch nicht die motorischen Fähigkeiten hat, um bestimmte Schritte beim Anziehen auszuführen. Manche Kinder sind mit zwei Jahren soweit, andere mit dreieinhalb.
    Tipp: Vergleiche dein Kind nicht mit anderen.

  • Es hat keine Vorbilder

    Kleine Geschwister lernen oft früher, sich selbstständig anzuziehen. Sie sehen, wie der große Bruder oder die große Schwester sich anziehen und ahmen sie ganz selbstverständlich nach. Wenn dein Kind auch sonst wenig Gelegenheit hat, dir oder deinem Partner beim Anziehen zuzuschauen, wird es wenig Motivation haben, es selbst zu lernen.
    Tipp: Ziehe dich gemeinsam mit deinem Kind an und vielleicht reicht das schon aus, um sein Interesse zu wecken. Du könntest beispielsweise am Vorabend die Sachen für dein Kind und dich herauslegen und dann zieht ihr beide in der richtigen Reihenfolge Unterwäsche, Hose und T-Shirt an.

  • Du hast es immer selbst gemacht

    Um zu lernen, brauchen Kinder ausreichend Gelegenheiten. Hast du in der Vergangenheit häufig eingegriffen, wenn dein Kind versucht hat, sich selbst anzuziehen? Hast du ständig deine Hilfe angeboten oder seine Versuche korrigiert? Wenn wir unseren Kindern durch unsere Worte und Handlungen vermitteln, dass wir sie für unfähig halten, etwas selbst zu machen, können sie zu der Überzeugung kommen, dass sie es tatsächlich nicht ohne uns schaffen. Oder sie verlieren einfach die Lust am Ausprobieren durch unsere ständigen Kommentare.

    Tipp: Schaffe entspannte Gelegenheiten, in denen dein Kind ohne Zwang und Zeitdruck üben kann, zum Beispiel erstmal abends mit dem Schlafanzug oder am Wochenende. Ihr könnt auch erstmal Puppen und Kuscheltiere anziehen, um sein Interesse wieder zu wecken. Zeige Wertschätzung für die Bemühungen deines Kindes. Du könntest in freudigem Ton sagen „Du hast dir selbstständig die Hose angezogen“ anstelle von „da fehlen aber noch Socken, T-Shirt, …“ oder wenn es die Hose noch nicht schafft: „Du hast versucht, dir ganz alleine die Hose anzuziehen. Das ist sehr selbstständig. Beide Beine in die Hosenbeine einzufädeln ist ziemlich schwierig. Du wirst es bestimmt bald ganz alleine schaffen.“

  • Ungünstige Kleiderwahl

    Einige Kleidungsstücke sind für kleine Kinder schwierig anzuziehen. Dazu gehören sehr enge Kleidungsstücke, Schuhe mit kompliziertem Einstieg und Verschlüssen, Sachen zum Knöpfen und mit Reißverschlüssen und so weiter.
    Tipp: Wenn dein Kind gerade lernt sich anzuziehen, mach es ihm leichter durch die Wahl der Kleidungsstücke. Etwas weitere Shirts und Hosen funktionieren meist besser als sehr enge Stücke.

  • Fehlende Anleitung

    Auch Kindergartenkinder lernen oft viel schneller, sich anzuziehen. Abgesehen davon, dass sie dort drauf angewiesen sind, schneller zu lernen, bekommen sie dort oft auch gezeigt, wie sie bestimmte Sachen einfach anziehen können. Manchmal sind das ganz einfache sprachliche Erläuterungen wie „Erst ein Bein in das eine Hosenbein und dann das andere in das andere Hosenbein“ oder „Erst muss der Kopf durch das große Loch und dann können die Arme die Ärmel suchen“.
    Tipp: Schau dir genau an, wo dein Kind Schwierigkeiten hat und zeige ihm am besten an dir selbst, wie es das Kleidungsstück auf einfache Weise anziehen kann. Und dann hab etwas Geduld. Es wird besser funktionieren, wenn dein Kind es selbst lernen möchte, als wenn du gängelst.

Warum WILL mein Kind sich nicht allein anziehen?

Können und wollen sind zwei Paar Schuhe. Viele Kleinkinder sind zwar dazu in der Lage, sich anzuziehen, tun es aber trotzdem nicht (ohne großes Drama). Manche Kinder genießen die Aufmerksam von Mama oder Papa beim Anziehen. Sie fühlen sich geborgen und sicher bei diesem intimen Ritual. Andere Kleinkinder lassen sich aus Gewohnheit noch von ihren Eltern anziehen und ihnen fehlt die Motivation, es selbst zu machen. Kleine Änderungen der Routine können helfen, sie zu motivieren.

Noch ein bisschen Baby spielen

Gerade Kinder, die viele Stunden im Kindergarten verbringen, genießen es einfach, wenn die Eltern sie morgens noch anziehen. Im Kindergarten müssen sie sehr selbstständig sein und sind halt immer nur eines von vielen Kindern. Auf dem Schoß von Mama, während sie liebevoll die Strumpfhose über die Beinchen zieht, können sie noch einmal ihre Wärme spüren und Liebesenergie für den Tag auftanken. Gerade Kinder, die gerne „Baby spielen“ genießen diese exklusive Aufmerksamkeit. Manche Eltern irritiert das. Muss es aber nicht. Wenn es also für dich in Ordnung ist, dann plane einfach die fünf Minuten ein und sieh es als kleinen Liebesdienst für dein Kind. Das ist oft einfacher, als eine zermürbende Diskussion. Keine Angst, du wirst dein Kind nicht mit 18 Jahren noch anziehen müssen 😉

Kinder möchten nicht immer gesagt bekommen, was sie tun sollen

Ein anderer Grund für die Verweigerung von Kleinkindern beim Anziehen ist ihr Autonomiebestreben. Etwa ab dem zweiten Lebensjahr wollen Kinder eigene Entscheidungen treffen. Und dabei haben sie wirklich wenig Spielraum. Die Erwachsenen bestimmen ja quasi das ganze Leben. Also nehmen sie sich ihren Freiraum da wo sie können und das ist am eigenen Körper.

Am Meisten ist Eltern in dieser Situation geholfen, wenn sie die Situation akzeptieren. Das Autonomiebestreben deines Kindes ist eine ganz natürliche und wichtige Phase. Versuche also nicht mit aller Macht dagegen anzukämpfen. Denn genau das wird es dann: ein Machtkampf. Freunde dich mit der Idee an, dass dein Kind sich zu einem eigenständigen Menschen entwickeln und seine eigenen Entscheidungen treffen möchte. Und dann kannst du weiterüberlegen, wie du trotzdem angemessene Kleidung an dein Kind bekommst. Sei kreativ und spielerisch, so macht es auch deinem Kind mehr Spaß.

Zeitdruck

Wenn unsere Kinder nicht mal eine Minute warten können, bis Mama und Papa ausgeredet haben, empfinden wir sie als ungeduldig. Aber überlege mal selbst, wie viel Zeit du deinem Kind morgens einräumst, wenn es sich anziehen soll? Denn ganz oft erwarten wir, dass unsere Kinder die Dinge, die wir uns wünschen JETZT gleich erledigen. Auch wir haben oft nur wenig Geduld um zu warten, bis unser Kind zu Ende gespielt hat. Klar, wer morgens pünktlich die Bahn zur Arbeit erwischen muss, der kann eben nicht ewig warten, bis die Legowelt aufgebaut ist. Aber für diese Dringlichkeit hat dein Kind ja überhaupt kein Gefühl.

Um Zeitdruck zu nehmen, kannst du verschiedene Dinge probieren. Das kommt auch immer ganz auf’s Kind an. Manchmal hilft es, einfach aufmerksam auf den richtigen Moment zu warten, also dein Kind zu erwischen, wenn es gerade nicht in eine andere Aktivität versunken ist. Ein anderes sehr wirksames Mittel sind Routinen. Wenn ihr eine feste Routine etabliert, dass dein Kind sich jeden Morgen nach dem Aufstehen sofort anzieht, dann geht das irgendwann automatisch. Berücksichtige aber auch hier die Wünsche deines Kindes. Vielleicht möchte es zuerst frühstücken. Wieso nicht, wenn es danach besser klappt? Wenn du ein sehr verspieltes Kind hast, das sich sofort nach dem Aufstehen seinem Spiel widmet, könntest du überlegen, es schon am Vorabend anzuziehen. Kannst du damit leben, dass dein Kind in den Sachen für den nächsten Tag schläft oder muss es unbedingt ein Schlafanzug sein?

Meckern und Motzen

Ein Kind das hört „Zieh dich endlich an, ich warte schon ewig“ wird nicht besonders motiviert sein, sich anzuziehen. Auch Ungeduld und ständiges Korrigieren, wenn das Kind sich anzieht, helfen nicht. Dieser negative Stress motiviert nämlich nicht, sondern er tut das Gegenteil. Also beobachte dich mal selbst und versuche, den Stress rauszunehmen.

Positive Bestärkungen sind eine wunderbare Motivation. Versuche weniger zu meckern, wenn etwas nicht klappt, sondern immer dann etwas positiv hervorzuheben, wenn es klapp. „Du hast dir selbstständig die Hose und das T-Shirt angezogen.“ „Ja genau, der Schlüpfer zuerst und dann die Hose. Du weißt schon, in welcher Reihenfolge die Anziehsachen an den Körper kommen“.

Indem du Ich-Botschaften nutzt, sagst deinem Kind konkret, was du von ihm brauchst und dir wünschst. Das ist viel schöner als zu sagen, was dein Kind machen soll oder gar was es falsch macht. Das könnte so aussehen: Anstatt: „Wieso bist du immer noch nicht angezogen, wir müssen los“ könntest du sagen „Ich weiß, dass du dich schon sehr gut selbstständig anziehen kannst. Leider habe ich es heute besonders eilig und deshalb müssen wir uns richtig beeilen. Darf ich dich heute ausnahmsweise anziehen?“

Unverständnis

Es kann sein, dass dein Kind jetzt gerade überhaupt nicht rausgehen möchte. Dann versteht es natürlich nicht, warum es sich jetzt anziehen soll. Oder es ist mit deiner Kleiderwahl nicht einverstanden. Mein Sohn wollte nie seine Winterjacke anziehen. Vielleicht lag es einfach daran, dass es drinnen warm war. Kinder lernen am besten durch eigene Erfahrungen. Vielleicht kannst du deinem Kind diese Erfahrung ermöglichen. Nimm die Jacke mit und warte bis dein Kind selbst merkt, dass ihm kalt ist. Verzichte dann aber bitte auf das übliche „Das hab ich dir doch gleich gesagt“. Dein Kind hat einfach einen anderen Erfahrungshorizont.

Vielleicht ziehst du dein Kind auch grundsätzlich zu dick an. Mein Sohn schwitzt sehr schnell, während ich eine Frostbeule bin. Wenn ich drei Pullover übereinander ziehe, braucht er nur einen. Klar, dass er sich sträubt einen Weiteren anzuziehen, wenn er dann schwitzt.

Andere Gründe

Manchmal haben Kinder einfach einen schlechten Tag. Oder eine schlechte Woche. Und das sollten wir dann auch nicht überdramatisieren. Wir können nicht erwarten, dass das Kind immer funktioniert. Vielleicht herrschen auch gerade eigenartige Schwingungen in der Familie, die generell die Kooperation deines Kindes schwächen. Kinder sind sehr sensibel und merken, wenn „etwas im Busch“ ist, auch wenn sie nicht begreifen, was das ist. Außerdem haben auch ältere Kinder die berühmten Entwicklungssprünge, in denen wir sie dann mitunter auch als besonders „anstrengend“ empfinden. Manche Kinder sind sehr sensibel und haben ein besonders starkes Hautgefühl. Sie brauchen vielleicht ganz andere Kleidung…

Wenn dein Kind sich über einen längeren Zeitraum verweigert, solltest du nach den Gründen forschen. Denn häufig ist das naheliegende „Mein Kind will sich nicht anziehen und bockt“ nicht das eigentliche Problem, sondern nur ein Symptom. Kinder sind Teamplayer, wie Familienpädagogin Katja Saalfrank immer wieder betont. Sie wollen kooperieren und wenn nicht, dann herrscht irgendwo ein Ungleichgewicht, das wir finden sollten.

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