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Mein Kind ist… Wie deine Worte zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden

Paul ist total anhänglich, Mila zurückhaltend und übervorsichtig und Ben kann nicht einen Moment still sein. Er hält seine Eltern rund um die Uhr auf Trab. Hörst du auch manchmal solche und ähnliche Aussagen oder ertappst du dich selbst mitunter dabei? Klar, wir alle möchten uns mitteilen und uns mit anderen abgleichen. Doch die Etiketten, die du deinem Kind gibst, wird es verinnerlichen. So sehr, dass sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wir zeigen dir, wie deine Worte dein Kind beeinflussen und wie du ihm Vertrauen in sich und die Welt schenkst.

Es gibt Menschen, die behaupten von sich, sie seien IMMER zu spät. Sie sind fest davon überzeugt, sie könnten gar nicht anders. Und das mag sogar stimmen. Denn wer einmal eine tiefe Überzeugung als seine Wahrheit angenommen hat, wird – bewusst oder unbewusst – auch nach ihr handeln. Unser Gehirn ist ein Gewohnheitstier. Um effizient zu arbeiten, speichert es Erfahrungen und ruft diese in passenden Situationen ab. Wenn wir jede Situation für uns neu bewerten müssten, könnten wir kein normales Leben führen. Wir brauchen unsere Erfahrungen.

Doch was für unser Gehirn äußerst praktisch ist, kann uns mitunter Probleme bereiten. Denn wenn sich eine Überzeugung einmal tief in unser Gehirn eingeprägt hat, dann wird sie zu unserer Wahrheit. Wir stellen sie gar nicht mehr in Frage und handeln nach ihr, ohne uns darüber im Klaren zu sein. Das ist gut, wenn deine Überzeugung lautet „Ich kann jede Herausforderung meistern“. Wenn dein Glaubenssatz allerdings lautet „Die Welt ist voller Gefahren“ oder „ich werde es nicht schaffen“, dann wird dich das in deinem Leben behindern.

Wie entstehen Glaubenssätze und wie kannst du sie beeinflussen?

Doch wie entstehen eigentlich solche Überzeugungen? Die meisten Glaubenssätze entstehen in unserer frühen Kindheit und zwar durch die Prägung der Eltern. Klar sind auch die Umwelt, die Lebensumstände, andere nahestehende Personen und sogar die eigene Genetik daran beteiligt. So sind manche Kinder eben von Natur aus eher vorsichtig und zurückhaltend, während andere die Welt optimistisch und abenteuerlustig erforschen. Doch wohin sich diese genetische Prägung entwickelt und wie viel Einfluss andere Faktoren haben, beeinflussen maßgeblich die Eltern oder eben die engsten Bindungspersonen.

Wie deine Worte und Handlungen zur Lebensrealität deines Kindes werden

Für dein Kind bist du die wichtigste Instanz überhaupt. Es hinterfragt dich nicht und geht davon aus, dass das was du sagst richtig ist. Alles was du sagst oder auch nicht sagst und was du tust und unterlässt hat Einfluss darauf, wie dein Kind sich selbst in der Welt sieht. Vermittelst du deinem Kind, dass du Vertrauen in es hast und dass du es liebst (auch wenn es sich nicht so verhält, wie du es dir wünschst) dann wird es Glaubenssätze wie „Ich bin liebenswert“ oder „Es wird sich alles zum Guten entwickeln“ verinnerlichen.

Hört dein Kind hingegen ständig Aussagen wie „Du bist total unordentlich“ oder „Immer kommst du zu spät, kannst du nicht einmal pünktlich sein?“, dann wird es diese Aussagen als Wahrheiten verinnerlichen und sie auch verlässlich erfüllen.

Auch nicht verbale Aussagen haben Einfluss auf die Prägungen deines Kindes. Eilst du immer sofort zur Hilfe, wenn dein Kind an einem Klettergerüst hinaufklettern möchte, vermittelst du ihm die Botschaft, das überall Gefahren lauern oder dass du nicht in seine Fähigkeiten vertraust. Das heißt nicht, dass du dein Kind ins offene Messer laufen lassen sollst. Vielmehr sollten wir uns immer wieder selbst beobachten und uns fragen, welche Botschaften wir unseren Kindern senden und wie wir ihnen Selbstvertrauen und Mut schenken können. Und der erste Schritt, das Selbstvertrauen unserer Kinder zu stärken ist der, dass wir Vertrauen in sie haben.

Wie du klare Worte findest, die nicht verletzen

Natürlich darfst und sollst du deinem Kind gegenüber auch deinen Unmut über bestimmte Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen. Auf was „Wie“ kommt es an. Denn es macht einen Unterschied, ob du ein bestimmtes Verhalten oder dein Kind als Person kritisierst. Und häufig enthalten negative Kommentare auch keinerlei Hinweis darauf, wie es dein Kind besser machen kann. Sie sind also weder hilfreich noch zielführend.

Um es anhand eines Beispiels zu verdeutlichen:

„Du isst wie ein kleines Ferkel. Sogar die Hose ist schmutzig. Wie schaffst du das nur immer, dich so vollzuschmaddern?“

vs.

„Ich wünsche mir, dass beim Essen alle versuchen, mit Messer und Gabel zu essen. Ich weiß, dass das für dich manchmal schwierig ist. Aber ich sehe, wie du jeden Tag geschickter wirst mit dem Besteck und bin mir sicher, dass du es schaffst. Schau mal, wenn du die Gabel schräg in die Möhre piekst, dann fällt sie nicht herunter.“

Achte darauf, wie du in Gegenwart anderer über dein Kind sprichst

Auch wie wir mit anderen über unser Kind sprechen, hat einen Einfluss darauf, wie sie sich selbst sehen. Selbst wenn sie noch zu klein sind, um jedes einzelne Wort zu verstehen, spüren sie unsere Grundhaltung. Achte deshalb darauf, was du in Anwesenheit von Freunden oder deinem Partner über dein Kind sagst – auch wenn es gerade mit der Aufmerksamkeit woanders ist. Kennst du Situationen, in denen du plötzlich deinen Namen hörst und dein Fokus plötzlich genau darauf liegt? Und nun stell dir vor, deinem Kind geht es genauso.

Ein Beispiel:

Mutter zur Freundin:
„Leni ist sehr zurückhaltend. Sie klebt immer an meinem Rockzipfel und traut sich keinen Meter von mir weg.“

Leni bekommt das Etikett zurückhaltend. Und da sie IMMER am Rockzipfel ihrer Mutter hängt, wird sich das wohl auch nicht ändern. Die gleiche Situation anders gesagt vermittelt ihr, dass ihre Mutter sie so akzeptiert wie sie ist und ihr beisteht:

Mutter zu Leni:
„Du möchtest gerade lieber noch bei mir sitzen bleiben. Das ist ok. Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“

Warum du offen und ehrlich zu deinem Kind sein solltest

Glaubenssätze entstehen nicht nur durch das was du sagst. Sie sind vielmehr die ganz persönliche Interpretation deines Kindes von sich und der Welt. So wie dein Kind sich in seinem Umfeld erlebt, wird es die Welt sehen. Darin spielt die Beziehung der Eltern eine Rolle, wie sie sich anderen Menschen gegenüber verhalten, ob sie ein hohes Maß an Sicherheit benötigen oder eher risikofreudig sind und welche Dinge sie als wichtig und unwichtig erachten. Dein Kind orientiert sich daran wie du dich in der Welt bewegst. Es kann noch nicht unterscheiden, ob das so sinnvoll ist oder nicht. Wenn die Erwachsenen es tun, muss es stimmen.

Kinder sind sehr egozentrisch. Je jünger sie sind, desto weniger können sie sich in andere Menschen hineinversetzen. Und weil sie sich als Zentrum des Geschehens sehen, beziehen sie eben auch alles was um sie herum passiert auf sich. Ein Kind mit einer depressiven Mutter könnte so zu der Annahme kommen, es trüge die Schuld an ihrer Traurigkeit. Oder es könnte zu dem Schluss kommen, dass es sich um die Mama kümmern muss und viel zu früh eine verantwortungsvolle Erwachsenenrolle einnehmen. Ein Kind mit einem aggressiven Vater kommt garnicht auf die Idee, dass der Vater eben ein Problem mit seiner eigenen Wut hat. Es geht ganz selbstverständlich davon aus, dass der Papa nur wegen ihm so wütend ist.

Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir unseren Kindern und auch uns selbst gegenüber offen und ehrlich sind. Wir können unseren Kindern in einfachen kindgerechten Worten sagen, was los ist. So lassen wir sie nicht mit ihren Interpretationen allein. Genauso können wir uns entschuldigen, wenn wir einmal überreagiert haben.

Der Rosenthal-Effekt

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass auch eine positive Erwartungshaltung zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann. Dies zeigte 1968 erstmalig der Wissenschaftler Robert Rosenthal in einem Experiment an US-amerikanischen Grundschulen. Er überzeugte die Lehrer davon, dass zufällig von ihm bestimmte Schüler besonders intelligent sein. Ein Jahr später wurde der IQ dieser Schüler gemessen. Tatsächlich war er um 20-30 Punkte gestiegen. Was war passiert? Die Lehrer hatten eine positive Erwartungshaltung den Schülern gegenüber und behandelten sie mit dem entsprechenden Vertrauen in ihre guten Leistungen. Die Schüler spürten dies und verinnerlichten den Glauben an sie.

Wie in diesem Experiment kannst du deinem Kind das Programm „Ich werde geliebt so wie ich bin“ aufspielen. Dafür brauchst du nicht immer perfekt oder nicht authentisch zu sein. Dein Kind braucht keine Eltern, die sich andauernd fragen, ob sie wirklich „alles richtig“ machen. Aber du kannst achtsam sein mit den Botschaften die du sendest und der Sprache, die du verwendest. Du kannst deinem Kind sagen, dass du es liebst – auch in schwierigen Momenten.

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