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Vater wechselt Windeln seiner Tochter

Mehr Elternzeit für Väter: Gut für Kinder, Beziehung und Unternehmen

Einer von drei Vätern geht in Deutschland in Elternzeit, im Schnitt für drei Monate. Das sind – dank des Elterngeldes – mehr als vor Jahrzehnten, aber noch lange nicht genug. Warum? Das erfährst du in diesem Artikel.

„Es hätte so schön sein können. Ich, 38, endlich schwanger. Mein Freund, 41, wild entschlossenen, ein moderner, aktiver Vater zu werden. Natürlich wollte er Elternzeit nehmen, sich auch um Babypflege kümmern, für unsere Tochter da sein – und fragte vorsichtshalber bei seinem Chef nach, ob das okay wäre. War es nicht: Die anderen Chefs hätten ja auch keine Elternzeit genommen. Nanu? Klar hatte er vor dem Gesetz einen rechtlichen Anspruch darauf. Der Betrieb war groß genug, um sich nicht herauswinden zu können. Aber würde er sich trauen, beruflich danach schlechter dazustehen? Sich womöglich mit seiner Firma zu überwerfen, in der er erst vor einem Jahr als Bauleiter angefangen hatte? Er traute sich nicht. Und bereut es bis heute. Von mir, die alles mitsamt bedürfnisstarkem Baby von Beginn an allein stemmen musste, reden wir erst gar nicht. Ich habe es seiner Firma (und auch ihm) nicht ganz verziehen. Schließlich stehen wir Frauen seit jeher vor eben jenem Problem und haben keine Wahl.“

So risikoscheu das für manche auch klingt: mit der Entscheidung, statt Auszeit nur etwas Urlaub zu nehmen, steht mein Freund in Deutschland nicht allein da. Etwa einer von drei Männern, die keine Elternzeit beim Arbeitgeber anmelden, hatte ursprünglich andere Pläne. Und viele von ihnen sind danach so frustriert, dass sie die Firma wechseln möchten. Schlecht für die Firma, schlecht für alle anderen.

Aber woran hapert es eigentlich? Was verhindert, dass die Vision von gleichberechtigten Elternteilen noch nicht so recht in allen Chefetagen angekommen ist?

Familienfreundliche Unternehmen … und die anderen

Wer verbeamtet ist oder im öffentlichen Dienst arbeitet, hat Glück. Denn aktive Väter sind dort bereits mit eingepreist. Elternzeit nehmen und danach Gleitzeit oder gar Teilzeit? Normal. Alles eine Frage der betrieblichen Organisation.

Anders sieht es in der freien Wirtschaft aus. Ob ein Unternehmen die Väter im Blick hat oder nicht, hängt vor allem davon ab, wie die Chefetage selbst tickt. Und nicht so sehr davon, ob es schwer umsetzbar ist oder sich der Betrieb mit Familienfreundlichkeit brüstet. Wer Gleichstellung einführen will, der kann das auch, wie Schweden deutlich vormacht: fast die Hälfte der schwedischen Elterngeldbezieher sind Väter

Ist Chefs und Chefinnen die Familie neben der Karriere ebenfalls wichtig, haben sie sich für ihre Kinder Auszeiten gegönnt, sieht es auch für ihre Angestellten gut aus (Unternehmensmonitor 2016). Sie trauen sich eher, es ihnen gleichzutun. Meist ist das in Unternehmen der Fall, die von jungen Vorgesetzten gegründet und geführt werden. Denn junge Menschen stecken nicht mehr so in alten Rollenbildern fest, wie noch ihre Eltern. Sind die Vorgesetzten vom alten Schlag, sieht es in der Regel eher mau aus.

Und trotzdem: selbstbewusste Männer braucht das Land! Denn in Erhebungen konnten Forscher nach der Väter-Elternzeit, wenn überhaupt, nur temporäre Karriereknicks feststellen. Frauen haben da mehr zu kämpfen. Und sich trotz Widerspruchs durchzusetzen, kann auch die Chefetage beeindrucken. Manche müssen zu ihrem Glück gezwungen werden.

Schließlich können Väter mit etlichen Vorteilen argumentieren, die die Elternzeit mitbringt. Wo sonst werden Skills wie Einfühlungsvermögen, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Stressresistenz oder auch Organisation und Zeitmanagement so intensiv geschult wie in der Zeit mit einem Baby? Gerade, wer einen Posten mit Personalverantwortung innehat oder anstrebt, profitiert von diesen Skills.

Warum „Elternzeit für Väter“ für alle wichtig ist

Mehr Papa fürs Kind: die Bindung ist von Anfang an enger

Väter, die in Elternzeit gehen, tun dies im Schnitt für drei Monate. Allerdings selten am Stück. Die meisten nehmen einen Monat zu Beginn und den Rest gegen Ende des Elterngeldbezugs.

Das ist keine schlechte Sache. Denn gerade die Zeit nach der Geburt ist besonders intensiv. Wenn ihr Erstlingseltern seid, müsst ihr euch an euer Kind und eure neue Rolle gewöhnen. Es gibt so viel zu lernen. Wundervolle Momente, Panikattacken und schlaflose Nächte wechseln sich ab. Wie gut, wenn das nicht nur einer von beiden erlebt und der Partner kräftigt mit anpackt. Jedes Beruhigen, jede Streicheleinheit, jedes Baden, jeder Windelwechsel bringen Papa und Kind näher zusammen.

Wenn dann der Vater komplett übernimmt, während Mama wieder im Job einsteigt, ist das zweifach sinnvoll. Denn die Mutter kann endlich wieder an etwas anderes als Babybespaßung denken und nebenbei an ihrer Karriere basteln. Während dem Kind die wichtige Ablösung von seiner engsten Bezugsperson leichter fällt, wenn diese nicht ständig um es herum schwirrt.

Väter, die so ins Familienleben starten, sind auch danach mehr für ihre Kinder da. Davon profitieren die Kinder ebenfalls. Denn eine gute Vater-Kind-Bindung fördert die kognitive Entwicklung, wie verschiedene Studien belegen.

Balsam für die Beziehung: Frauen brauchen echte Partner 

Mein Freund „hilft“ ja sehr gern im Haushalt. Als wenn es nicht genauso seiner wäre. Aber er hat von seinem Vater (Boomer-Generation) gelernt, dass sich Papa um die wichtigen Dinge kümmert – die Unendlichkeit des Universums zum Beispiel – während Mama alles andere regelt. Das steckt drin. So sehr er auch dagegen ankämpft.

Diese Einstellung ist so unfair wie überholt. Zum Glück zeigt eine Studie: wenn Mann während der Elternzeit mit dem Kind allein war, bringt er sich auch danach mehr in Haushalt und Organisation ein. Denn schließlich hat er gemerkt, was alles zum Alltag dazugehört. All die tausend kleinen Nebensächlichkeiten, die eben gemacht oder geregelt werden müssen. Stichwort: Mental Load

Die meisten Frauen wünschen sich neben einem lieben Papa einen echten Partner an ihrer Seite. Einen der mitdenkt und Verantwortung übernimmt. Nicht allen ist das vergönnt. Stattdessen reiben sie sich zwischen Kind, Haushalt und Arbeit auf. Und haben abends eben keine Lust mehr auf Zärtlichkeiten. Komisch.

Gleiche Chancen für Frauen: das geht nur, wenn der Mann mitmacht

Der „Gender Pay Gap“ ist dir sicherlich ein Begriff – der ist real. 20 Prozent weniger sind es in der Privatwirtschaft, bei gleicher Qualifikation! Auch ganz unabhängig von schlechteren Gehältern stehen viele Frauen bei der Rente katastrophal da. Selbst wenn die „Mütterrente“ (Anrechnung von Kindererziehungszeiten) schon ein paar Nachteile ausgleicht. Da sie aber öfter als Männer nach der Elternzeit in Teilzeit arbeiten, solange die Kinder unselbstständig sind, ist der Rückstand kaum aufzuholen. 

Das Kuriose: viele Männer wünschen sich Frauen, die wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen. Das geht aber nur, wenn sie selbst beruflich zurückstecken. Denn je länger eine Frau nach der Geburt aus dem Job raus ist, desto schlechter sind ihre Karriere-Chancen danach. Für Männer gilt das nur bedingt. Auch hier kann Elternzeit für Väter den Frauen auf die Sprünge helfen. Wenn Papa sich kümmert, können sie früher in den Job zurück. Selbst dann, wenn Papa während der Elternzeit in Teilzeit arbeitet. Wenn der Mann dann im Anschluss auch Stunden reduziert, kann die Frau ihre so weit erhöhen, bis es für beide passt.

Dass das nicht jeder Arbeitgeber gut findet, ist klar. Aber einen ernst gemeinten Versuch ist es wert. Es müssen ja nicht viele Stunden weniger sein.

Mitarbeiter-Motivation ist so wichtig

Eins ist sicher: wenn der Betrieb keinen Nerv für moderne Väter hat, fühlen die sich zerrissen. Zum einen wollen sie loyal sein und gute Leistung bringen. Zum anderen braucht die Familie ihren Einsatz genauso sehr. Recht machen kann man es so keinem und das schlaucht – körperlich und emotional.

Dafür gibt es nur eine wirkliche Lösung: Die Arbeitswelt muss sich ändern! Das bedeutet, Väter müssen genau wie Mütter mit eingeplant werden. Ohne Abwertung, mit gleichen Chancen. Das gilt auch für solche mit Kindern, die keine Kleinkinder mehr sind. Denn die Aufgaben werden nicht weniger, solange die Kinder nicht allein klarkommen.

Was das bringt? Zufriedenere Mitarbeiter, die sich ihrem Unternehmen verbunden fühlen und nicht im Kopf schon lange auf dem Sprung sind. Gerade in Zeiten des Facharbeitermangels ist Mitarbeiterbindung besonders wichtig. Dafür braucht es keine teuren Berater, sondern flexible Arbeitszeitmodelle und echte Anerkennung der Leistungen, die Eltern tagtäglich erbringen. Dann gibt es eben keine Vollzeitstelle, bei der ein Mitarbeiter unabkömmlich ist, sondern zwei Teilzeitstellen. Win-win. Man muss nur wollen.

Der wirklich gut gemachte Väterreport des Bundesministeriums für Familie ist ein wunderbares Mittel, um zweifelnde Vorgesetzte umzustimmen. Irgendwer muss ja mal anfangen und Lösungen finden. Viel Erfolg!

Quellen

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