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Mutter stillt Baby, Stillen nach Bedarf oder Stillen nach der Uhr

Stillen nach Bedarf oder nach der Uhr?

Inhaltlich geprüft von Hebamme Emely Hoppe.

Frischgebackene Mütter sind beim Thema Stillen oft unsicher. Es gibt so viele Meinungen und Erklärungen. In diesem Artikel geht es um das Stillen nach Bedarf oder nach der Uhr. Was ist besser? Was macht wann mehr Sinn? So viel vorweg: Beide Varianten haben ihre Berechtigung. Dennoch ist das Stillen nach Bedarf zu bevorzugen – falls nichts dagegen spricht. Wir erklären dir, wie wir zu dieser Einschätzung kommen!

Das Wichtigste in Kürze

  • Beim Stillen nach der Uhr ist das Stillen zeitlich festgelegt. Es ist in Häufigkeit und Dauer begrenzt.
  • Feste Stillabstände sind Teil einer veralteten Pädagogik. Sie haben keine wissenschaftliche Grundlage.
  • Die WHO und die La Leche Liga empfehlen das Stillen nach Bedarf. Es orientiert sich an den Bedürfnissen des Babys.
  • In Einzelfällen kann das Stillen nach der Uhr notwendig sein (bei Frühgeborenen und/oder saugschwachen Babys).
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Vertraue auf deine Intuition

Früher war es üblich, Babys nach der Uhr zu stillen. Man glaubte, das Stillen nach Zeitplan sei wichtig für die Erziehung.

Heute haben sich die Ansichten geändert. Die meisten Kinderärztinnen und Hebammen raten zum Stillen nach Bedarf. Denn: Babys sind in ihrem Stillverhalten viel zu verschieden.

Dennoch gibt es für beide Varianten Argumente – und Gegenargumente. Daher unser Rat vorab: Vertraue auf deine Intuition! Ihr werdet eure ganz eigene Stillbeziehung aufbauen und euren Rhythmus finden. Ganz von allein.

Stillen nach der Uhr

Beim Stillen nach der Uhr ist der Stillrhythmus von der Uhr bestimmt. Das Stillen folgt einem Schema. Es ist zeitlich festgelegt, also in Häufigkeit und Dauer begrenzt.

Wissenschaftliche Argumente:

Das Stillen nach der Uhr hat seinen Ursprung in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Damals riet man Müttern, ihr Baby nach der Neugeborenenzeit nicht häufiger als fünfmal pro Tag zu stillen. Die damalige Begründung: Die Gewöhnung an den von der Mutter vorgegebenen Rhythmus sei „die erste Erziehung zur Beherrschung der Triebe“ (Professor Adalbert Czerny, einflussreichster Kinderarzt der damaligen Zeit). Eine wissenschaftlich plausible Erklärung – Fehlanzeige!

In der Nazizeit griff Johanna Haarer in ihrem damaligen Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ diese Regeln auf. Sie riet dazu, tagsüber alle vier Stunden zu stillen und nachts acht Stunden Pause einzulegen. Das Kind müsse sich daran gewöhnen. Auch hierfür gibt es keine wissenschaftlichen Grundlagen. Es ist aus heutiger Sicht kaum zu glauben, dass Haarers Buch dennoch bis 1987 (!) immer wieder neu aufgelegt wurde.

Auch heute raten einige Ärzte und Hebammen dazu, das Kind nach der Uhr zu stillen. In Einzelfällen mag das Sinn machen (dazu später mehr). In den meisten Fällen ist vom Stillen nach der Uhr jedoch abzuraten. Denn noch immer gibt es keine wissenschaftlichen Grundlagen für die Annahme, Babys brauchten einen festen Zeitplan.

Feste Stillabstände sowie eine nächtliche Trinkpause sind Teil einer veralteten Pädagogik.

Infoblatt La Leche Liga

Stillen nach der Uhr – Was spricht dafür?

  • Babys wissen am besten, wann sie das Bedürfnis haben, gestillt zu werden. In manchen Fällen kann das Stillen nach Zeitplan allerdings notwendig sein. Saug­schwa­che, schläf­ri­ge Ba­bys oder Frühgeborene schla­fen wäh­rend des Stil­lens sehr schnell ein. Wird in diesen Fällen nach Bedarf gefüttert, erhalten die Babys zu we­nig Milch. Dann ist es besser, das Kind re­gel­mäßig zum Trin­ken aufzuwecken und einen Zeitplan einzuhalten.
  • Das Stillen nach der Uhr ist planbar. Zumindest in der Theorie. Den festen Zeitplan einzuhalten, gestaltet sich aber oft schwierig. Dennoch erhoffen sich Mütter von einem „berechenbaren“ Mahlzeitenschema mehr Freiheit.

Stillen nach der Uhr – Was spricht dagegen?

  • Beim Stillen nach der Uhr wird das Stillen ausschließlich mit Ernährung gleichgesetzt. Aber: Stillen ist mehr. Es ist Nähe, Geborgenheit, Wärme, Trost…
  • Der Magen eines Babys ist sehr klein. Es passt nur wenig Milch hinein. Die Muttermilch ist zudem besonders leicht verdaulich. Schon nach kurzer Zeit (etwa 90 Minuten) ist die wenige Milch im Magen verdaut. Da der Körper eines Babys viel Energie braucht, um wachsen zu können, stellt sich schnell wieder Hunger ein – nicht erst nach vier Stunden.
  • Je nach Entwicklungsschub und Reifegrad bekommt ein Baby zu unterschiedlichen Zeiten Hunger. Das macht es schwierig, auf den Zeitabstand zwischen den Stillmahlzeiten zu schauen und die Stillmahlzeiten in ihrer Häufigkeit und Dauer zu begrenzen.
  • Wenn du nicht auf die Bedürfnisse deines Kindes reagierst, wird es schreien. Schrei­en ist ein spä­tes Hun­ger­si­gnal. Das Kind hat also schon länger Hunger, aber niemand ist auf sein Bedürfnis eingegangen. Das ist schlecht für das Urvertrauen.
  • Wenn das Kind bereits vor Hunger schreit, ist es zu unruhig, um gestillt zu werden. Das Stillen wird zum Stress – für dein Baby und für dich. Das schadet der Stillbeziehung. Ein Herauszögern von Mahlzeiten erzeugt mehr Stress, als dass es hilft.

Das Stillen nach der Uhr ist nicht die beste Lösung. Aber es gibt Fälle, in denen es sein muss. Doch auch wenn du nach der Uhr stillst, solltest du immer mit deinem Kind „in Kontakt bleiben“ und es beobachten. Falls es zwischen den getakteten Mahlzeiten den Anschein erweckt, dass es hungrig ist, solltest du das nicht ignorieren.

Übrigens:

Noch immer hält sich das Gerücht, dass häufige Stillmahlzeiten für Bauchschmerzen und Blähungen sorgen können, da im Magen des Babys unverdaute auf verdaute Milch trifft. Diese Annahme ist falsch.

Stillen nach Bedarf

Das Stillen nach Bedarf (auch Stillen ad libitum genannt) orientiert sich am Kind. Das Kind bestimmt, wann es gestillt wird.

Wissenschaftliche Argumente:

Das Stillen nach Bedarf wird von der Weltgesundheitsorganisation und der La Leche Liga empfohlen. Aus gutem Grund. Babys sind verschieden. Das gilt auch für ihre Bedürfnisse. Sie lassen sich nicht in feste Schemen pressen. Die benötigte Trinkmenge, die Trinkhäufigkeit und die Trinkdauer können je nach Temperament und Entwicklungsphase sehr unterschiedlich sein. Auch ein und dasselbe Baby hat nicht immer dieselben Bedürfnisse. Das Trinkverhalten kann sich von Woche zu Woche ändern. In Wachstumsphasen haben Babys beispielsweise mehr Hunger, brauchen mehr Nähe – und möchten öfter gestillt werden.

Wenn du die Signale deines Babys erkennst und sein Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit stillst, stärkst du das Urvertrauen. Dein Baby erhält eine stabile Basis, um sichere Bindungen zu entwickeln.

Stillen nach Bedarf – Was spricht dafür?

  • Stil­len ist mehr als Er­näh­rung. Es stillt nicht nur den Hunger, sondern schenkt Geborgenheit und Wärme, lindert Schmerzen und spendet Trost. Stillen erfüllt verschiedene emotionale Bedürfnisse. Und die folgen keinem festen Zeitplan.
  • Durch das Stillen nach Bedarf wird sichergestellt, dass das Baby die Nahrung, die es braucht, genau dann bekommt, wenn es sie braucht.
  • Das Stillen nach Bedarf ver­bes­sert die Ge­wichts­zu­nah­me des Kin­des (Ausnahme: saugschwache Babys, Frühgeborene). Tipp: Ob dein Kind genug Milch zu sich nimmt, erkennst du daran, dass es etwa fünf bis sechs nasse Windeln pro Tag hat.
  • Das häufige Anlegen beim Stillen nach Bedarf regt die Milch­pro­duk­ti­on an.
  • Die Nachfrage regelt das Angebot. Die Brust produziert so viel Milch nach, wie vom Baby getrunken wurde. Es steht immer die richtige Menge an Milch zur Verfügung.
  • Durch das Stillen nach Bedarf lernt die Mutter, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und darauf zu reagieren. Das un­ter­stützt die Kom­mu­ni­ka­ti­on und die Bin­dung zwi­schen Mutter und Kind.
  • Wenn du frühzeitig auf die Bedürfnisse deines Kindes reagierst, re­du­zierst du die Schrei­pha­sen.
  • Eine im März 2012 im European Journal of Public Health erschienene Studie besagt, dass Kinder, die nach Bedarf gestillt werden, eine um 17 Prozent bessere kognitive Leistungsfähigkeit aufweisen sowie einen um 4 Punkte höheren IQ im Alter von 8 Jahren. Für die Studie wurden nach Bedarf gestillte Kinder und „Zeitplan-Kinder“ über einen längeren Zeitraum beobachtet. Im Alter von 5, 7, 8, 11 und 14 Jahren wurde anhand von standardisierten Tests untersucht, wie sich die Kinder geistig-kognitiv entwickelten. Nach Bedarf gestillte Kinder schnitten besser ab. Die Wissenschaftlerinnen bemerkten zudem, dass die Zeitplan-Säuglinge ein geringeres Körpergewicht hatten. Daraus leiteten sie ab, dass das Gehirn der Zeitplan-Kinder womöglich weniger mit Nährstoffen versorgt wurde. Allerdings lässt sich darüber bisher nur spekulieren. Weitere Forschungen sind nötig.

Das Trinken an der Brust stillt auch Babys Bedürfnis nach Nähe und Ruhe. Es ist also ganz normal, dass ein Baby über die gesamte Stillzeit hinweg seine Stillabstände immer wieder verändert. Das hat die Natur klug eingerichtet, denn so bekommt das Kind immer genau das, was es gerade für seine gesunde Entwicklung benötigt.

Infoblatt La Leche Liga

Stillen nach Bedarf – Was spricht dagegen?

  • Manche Stillkinder möch­ten sehr oft und lan­ge an der Brust sau­gen, hauptsächlich abends (Clus­ter­fee­ding). Das kann anstrengend sein.
  • Stillen nach Bedarf braucht Zeit und ist nicht planbar. In der heutigen Zeit, in der alles akribisch durchgeplant ist, kann das eine Herausforderung sein.

Das Stillen nach Bedarf erfüllt verschiedene emotionale Bedürfnisse und ist daher klar zu empfehlen. Wie sehr Babys das Stillen genießen und welche beruhigende Wirkung es auf sie hat, wird beispielsweise am Einschlafstillen deutlich.

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Tipps für das Stillen nach Bedarf: Daran erkennst du, dass dein Baby Hunger hat

Babys signalisieren ihren Hunger bereits lange, bevor sie sich lautstark bemerkbar machen. Damit du frühzeitig auf den Hunger deines Babys reagieren kannst, solltest du beobachten, wie es sich verhält.

Das sind klassische Hungeranzeichen eines Babys:

  • Das Baby hat eine an­ge­spann­te Kör­per­hal­tung.
  • Es dreht un­ru­hig sein Köpfchen hin und her.
  • Es sucht mit dem Mund nach der Brust oder dem Fläschchen.
  • Das Baby ballt seine Händ­chen und saugt am Fin­ger.
  • Es schmatzt und/oder leckt mit der Zunge.
  • Es gibt glucksende Laute von sich.

Erst wenn alle diese Anzeichen nicht wahrgenommen werden, beginnen Babys zu weinen.

Wichtig: Bedürfnisse erkennen und stillen hat nichts mit Verwöhnen zu tun!

Warte nicht, bis dein Kind weint. Du solltest sofort auf seine Bedürfnisse reagieren. Babys sind Traglinge. Sie brauchen Nähe und Geborgenheit. Sie brauchen jemanden, der sie beschützt, der sie wärmt, der ihren Durst stillt. Aus evolutionsbiologischer Sicht sind das Grundbedürfnisse. Mit Verwöhnen hat das nichts zu tun.

Fazit

Babys haben Bedürfnisse, die gestillt werden sollten. Sie kennen keine Tabellen und Zeitpläne. Sofern aus medizinischer Sicht nichts gegen das Stillen nach Bedarf spricht, ist es die beste und stressfreiste Lösung – für dein Kind und für dich. Generell gilt: Handele nach deinem Bauchgefühl und stille so, wie es sich für euch beide richtig anfühlt!

Wie sind eure Erfahrungen mit dem Stillen? Stillt ihr nach Bedarf oder nach der Uhr? Wir freuen uns über eure Kommentare!

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Quellen

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