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Saugverwirrung erkennen, beheben und vermeiden

Dieser Artikel wurde inhaltlich geprüft von Nadine Beermann, Hebamme.

Die Saugverwirrung ist das Schreckgespenst stillender Mütter. Denn wenn das Baby nicht mehr an der Brust trinkt, bedeutet das nicht selten das Aus der Stillbeziehung. Dabei lässt sich die Saugverwirrung in den meisten Fällen vermeiden. Wie das geht und was du tun kannst, wenn es schon zu spät ist, erfährst du in diesem Artikel.

Was ist eine Saugverwirrung?

Eine Saugverwirrung ist eine falsche oder ineffiziente Saugtechnik an der mütterlichen Brust. Wie das Wort schon andeutet, ist dein Baby verwirrt. Fläschchen, Schnuller oder das Lutschen an Mamas Finger können dazu führen, dass es das Stillen verlernt oder die Brust verweigert. Eine Saugverwirrung tritt in den ersten zwei Lebensmonaten auf.

Wie entsteht eine Saugverwirrung?

In den ersten Lebenswochen lernt dein Baby zu trinken. Es kommt zwar mit einem Sauginstinkt zur Welt. Doch die Feinheiten der Technik wird es durch Versuch und Irrtum herausfinden und verinnerlichen.

Erlernt dein Baby beim Saugen am Fläschchen oder Schnuller eine andere Technik, kann das zu Störungen führen. Es kann passieren, dass dein Baby es nicht schafft, effektiv an der Brust zu saugen und deshalb an der Brust weint oder sie gänzlich verweigert (auch bekannt als Bruststreik).

Auch Stillhütchen und falsches Anlegen können eine Saugverwirrung begünstigen. Und sogar Babys, die in Mamas Bauch fleißig am Daumen genuckelt haben, können dadurch eine gestörte Saugtechnik entwickeln.

So trinkt dein Baby an der Brust

Beim Stillen muss das Baby die Brustwarze gut mit dem Mund umfassen. Die Brust zwischen Zunge und Kiefer, drückt es die Milch aus der Brust heraus. Gleichzeitig entsteht ein Unterdruck durch das Saugen. Für dein Neugeborenes ist das anstrengend und auch die Muskulatur baut sich erst allmählich auf.

Übrigens ist dein Baby auch anatomisch perfekt ausgestattet, um an der Brust zu trinken. Zum Beispiel hilft der Babyspeck in den Wangen, dass die Zunge effizient arbeiten kann. Auch der Kiefer und Rachen von Babys ist perfekt an das Stillen angepasst.

Das ist anders beim Trinken aus dem Fläschchen

Aus dem Fläschchen kommt die Milch anders als aus der Brust. Das gilt übrigens für alle Fläschchen, unabhängig von den Werbebotschaften der Hersteller.

Zum einen gibt es keinen Milchspendereflex beim Fläschchen. Die Milch kommt sofort. Klar, dass Babys ungeduldig werden, wenn das an der Brust nicht klappt. Aber auch die Saugtechnik ist eine andere. So muss dein Baby am Fläschchen die Lippen schmaler aufeinanderpressen, die Mundöffnung ist ebenfalls schmaler. Der Kiefer wird deutlich weniger beansprucht. Auch die Zungenbewegung und der Milchfluss unterscheiden sich.

Wie du siehst, führen Babys beim Saugen an der Brust und beim Trinken aus dem Fläschchen gänzlich andere Bewegungsmuster aus. Kein Wunder, dass dein Baby sich wehrt, wenn plötzlich keine Milch mehr fließt. Es weiß nicht, dass es jetzt anders trinken muss.

Schnuller rein = Saugverwirrung?

Während einige Eltern ihre Babys schon kurz nach der Geburt und ohne darüber nachzudenken mit einem Schnuller ausstatten, haben andere geradezu Panik vor dem Beruhigungssauger.

Tatsächlich ist der Nuckel für viele Babys kein Problem. Sie trinken trotzdem effizient an der Brust. Künstliche Sauger führen also nicht zwangsläufig zu einer Saugverwirrung.

Schätzungsweise kommt eine Saugverwirrung bei etwa 20% der Babys vor, die gestillt werden. So gesehen stehen die Chancen gut, dass du drumherum kommst. Allerdings kann niemand vorher wissen, ob das eigene Baby eine Saugverwirrung entwickelt oder nicht. Deshalb gilt die allgemeine Empfehlung: mindestens 6 Wochen ohne künstliche Sauger – für alle Babys.

Saugverwirrung vermeiden

Eine Saugverwirrung zu vermeiden ist in der Theorie gar nicht so schwer. Wenn du auf künstliche Sauger verzichtest, sinkt die Gefahr, dass dein Baby eine falsche Trinktechnik erlernt.

Die Saugverwirrung entsteht oft in der Klinik

In der Praxis ist das leider nicht immer so einfach. Denn viele Babys werden schon im Krankenhaus, teilweise sogar ohne Zustimmung der Eltern, mit dem Fläschchen zugefüttert, wenn das Stillen nicht auf Anhieb klappt oder sie unruhig sind. Manchmal sind es auch ungünstige Bedingungen im Krankenhaus, die den Stillstart erschweren oder die Mütter bekommen einfach nicht die Unterstützung, die sie brauchen.

Da die Folgen des Zufütterns erst zuhause sichtbar werden, ist einigen Hebammen das Problem der Saugverwirrung auch einfach nicht präsent, wenn sie jungen Eltern das Fläschchen empfehlen.

Tipps zum Vorbeugen einer Saugverwirrung

 

  • Verzichte in den ersten 6 – 8 Wochen auf Schnuller, Fläschchen und künstliche Sauger.
  • Nutze stillfreundliche Zufütterungsmethoden, wenn du zufüttern musst.
  • Verwende Stillhütchen nur, wenn dies medizinisch notwendig ist. Flachwarzen oder schmerzende Brüste müssen nicht zwangsläufig mit Stillhütchen behandelt werden. Oft hilft auch eine andere Anlegetechnik.
  • Wenn möglich, entbinde in einem stillfreundlichen Krankenhaus oder einem Geburtshaus. Babyfreundlich zertifizierte Geburtskliniken haben ihre Abläufe so optimiert, dass sie Müttern und Kindern einen guten Stillstart ermöglichen. Die Hebammen und Krankenschwestern sind geschult, Mütter darin zu unterstützen.
  • Teile dem Krankenhaus mit oder gib in deinem Geburtsplan an, dass du Stillen möchtest. Weise außerdem darauf hin, dass du auf künstliche Sauger oder Zufüttern mit dem Fläschchen möglichst verzichten möchtest.
  • Verzichte auf das Zufüttern, wenn es nicht medizinisch notwendig ist. Dein Baby lernt erst zu trinken. Hab ein bisschen Geduld.
  • Das Bonding hat eine große Bedeutung für einen guten Stillstart. Achte darauf, in den ersten Stunden und Tagen viel Körperkontakt mit deinem Baby zu haben. Lege es immer an, wenn es möchte.
  • Lass dich nicht allzu sehr verunsichern. Denk daran, dass der Milcheinschuss erst einige Tage nach der Geburt erfolgt und es normal ist, dass Neugeborene in den ersten 3 Tagen etwas abnehmen.
  • Informiere dich vorab, damit du weißt, wie ein guter Stillstart gelingen kann, auch nach einem Kaiserschnitt.

Stillfreundlich Zufüttern

Manchmal muss das Baby doch zugefüttert werden. Um eine Saugverwirrung zu vermeiden, kannst du Methoden nutzen, bei denen dein Baby nicht saugt. Auf diese Art eignet es sich keine falsche Technik an. Folgende Methoden gibt es:

  • Zufüttern mit dem Löffel oder Becher

    Gerade im Krankenhaus oder wenn du nur mal versuchsweise zufütterst, kannst du die Milch oder das Kolostrum mit einem Teelöffel oder einem kleinen Becher (ein Schnapsglas tut es auch). Denk daran, dass Neugeborene nur kleine Portionen Milch aufnehmen. Die kann es einfach vom Löffel schlürfen.
  • Fingerfeeder
    Auch schwache Babys, die nicht effektiv an der Brust saugen, können mit dem Löffel oder einer Spritze mit Silikonaufsatz (Fingerfeeder) zugefüttert werden. Diese gibt es auch im Krankenhaus.
  • Medela Softcup

    Der Medela Softcup ist ein Zufütterungs-Fläschchen für Neugeborene mit einer Löffelartigen Spitze. An dem Softcup muss dein Baby nicht saugen.
  • In der späteren Stillbeziehung eignen sich stillfreundliche Fläschchen, wie der Medela Calma Sauger, wenn du Milch abpumpst. Nach Möglichkeit sollten die aber erst nach 6-8 Wochen zum Einsatz kommen.

Wenn du dein Baby am Anfang zufütterst, musst du wissen, wie du Kolostrum aus der Brust gewinnen kannst.

Einen sehr ausführlichen Artikel zum Thema stillfreundliches Zufüttern findest du hier.

Saugverwirrung erkennen

Wenn dein Baby eine Saugverwirrung hat, zeigt sich das oft zuerst darin, dass das Stillen für Mama und Baby stressig ist. Denn es will einfach nicht so recht klappen. Die meisten Säuglinge sind darüber ziemlich frustriert und das überträgt sich dann auch auf die Mama.

Symptome einer Saugverwirrung beim Baby:

  • Bruststreik: dein Baby lehnt die Brust ab und weint.
  • Es schreit, boxt und verkrampft sich, wenn es angelegt wird.
  • Es saugt nur kurz an der Brust und hört wieder auf.
  • Es ist unruhig und unzufrieden beim Stillen.
  • Es nuckelt nur leicht an der Brustwarze, ohne sie richtig einzusaugen und zu trinken.
  • Die Brustwarze rutscht regelmäßig aus dem Mund heraus.
  • Es saugt beim Stillen die Wangen ein, es bilden sich Grübchen.

Symptome einer Saugverwirrung bei der Mutter:

  • Die Brust entleert sich nicht beim Stillen und bleibt auch danach gespannt und voll.
  • Die Milch fließt nicht.
  • Milchstau und Brustentzündung
  • wunde Brustwarzen

Einige Symptome treten gleichzeitig auf. Sie können, müssen aber nicht auf eine Saugverwirrung hinweisen. So können Schmerzen beim Stillen mitunter schon behoben werden, indem du dein Baby anders anlegst. Außerdem können auch ein kurzes Zungenbändchen oder andere anatomische Besonderheiten zu Stillproblemen führen.

Weitere Probleme, die durch Zufüttern entstehen können

Manche Probleme, die durch das Zufüttern entstehen, können auch zeitversetzt auftreten und führen nicht sofort zu einer Saugverwirrung. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass das Baby in seiner Zahnungsphase beginnt, in die Brust zu beißen. Für dein Baby ist das Beißen entspannend. Am Nuckel kann es problemlos herumkauen und aus dem Fläschchen kommt vielleicht noch ein extra Schluck Milch heraus.

Wenn dein Baby an Gewicht verliert

In den ersten Tagen nach der Geburt verlieren reif geborene Babys bis zu 10% an Gewicht. Etwa ab dem 5. Tag sollte dein Baby dann allmählich beginnen zuzunehmen und spätestens mit 14 Tagen sein Geburtsgewicht wieder erreicht haben.

Wenn dein Baby nicht zunimmt und offensichtlich Probleme beim Stillen hat, die du nicht beheben kannst, wende dich an deine Hebamme oder Kinderärztin. Wenn du mit stillfreundlichen Methoden zufütterst, kann dein Kind wieder lernen, an der Brust zu trinken.

Saugverwirrung beheben

Die gute Nachricht, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist: Eine Saugverwirrung kannst du beheben. Das erfordert allerdings etwas Geduld und Vertrauen. So geht’s:

  • Keine Panik! Dein Baby mag unzufrieden sein, gefährlich ist das erstmal nicht. Wenn du ruhig bleibst und euch ein bisschen Zeit gibst, findest du eine Lösung.
  • Leg dein Baby an, wenn es zufrieden ist. Schreit es schon vor Hunger, ist es meist zu spät. Wenn es gerade zufrieden und dösig ist, hast du bessere Chancen, es an die Brust zu gewöhnen.
  • Löse den Milchspendereflex selbst vor dem Stillen aus. Das geht mit der Hand oder einer einfachen Milchpumpe. Vielen Frauen hilft es, wenn sie ihr Baby (oder ein Foto) dabei anschauen. Leg dein Baby sofort an, wenn die Milch fließt.
  • Achte darauf, dass dein Baby die Brustwarze samt Warzenhof mit dem ganzen Mund umschließt. Der „C-Griff“ kann helfen. Mehr dazu hier.
  • Im Idealfall suchst du dir sachkundige Unterstützung. Eine erste Anlaufstelle könnte deine Hebamme sein. Meist bekommst du die beste Unterstützung von einer fachkundigen Stillberaterin. Die gibt es bei dir in der Region (einfach googeln), beim AfS oder bei La Leche Liga.
  • Wenn sonst nichts funktioniert, kannst du dein Baby mit einem Brustnährungsset kannst an die Brust gewöhnen. Dabei kommt Milch aus einem Schlauch, den du an die Brust klebst. So hat dein Kind Erfolg beim Trinken an der Brust, auch wenn die Technik nicht stimmt. Mit dem Brustnährungsset kannst du auch ein Baby stillen, das schon an ein Fläschchen gewöhnt ist. Wende das Set im Idealfall nach Absprache unter Anleitung deiner Hebamme oder einer Stillberaterin an.

Wenn es nicht klappt mit dem Stillen

Die meisten Stillprobleme lassen sich mit fachkundiger Unterstützung beheben. Eine Stillberaterin ist daher Gold wert. Leider bekommen nicht alle Frauen diese Unterstützung zur richtigen Zeit. Das ist schade. Gib dir keine Schuld, wenn dein Kind die Brust ablehnt. In deiner Zeit als Mama wird es immer wieder Stolpersteine geben. Für dein Kind ist vor allem deine liebevolle Fürsorge wichtig, nicht dass immer alles reibungslos läuft.

 

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